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Liquide Biopsie: Blut auf Krebs testen?

Um Krebs zu entdecken, genügt vielleicht bald eine einfache Blutprobe. Im Moment mangelt es den verfügbaren Tests allerdings noch an Genauigkeit

von Sonja Gibis, 17.09.2019
Labor Blutprobe

Blutproben: Einfacher verfügbar als Gewebeproben oder Ultraschallaufnahmen


Das Ergebnis versetzte die werdende Mutter in große Sorge: Ein neuer Bluttest hatte gleich zwei schwere genetische Störungen bei ihrem Baby festgestellt. Nur seltsam, dass der Ultraschall ein normal entwickeltes Kind zeigte. Die Ärzte wiederholten den Test – mit demselben Ergebnis. Ein paar Monate später brachte die Frau einen gesunden Jungen zur Welt.

Dann die nächste schreckliche Nachricht: Ein Tumor in ihrem Unterleib hatte bereits mehrere Organe befallen. Der Bluttest hatte nicht eine Krankheit des Kindes angezeigt – sondern den Krebs der Schwangeren. Fallberichte wie dieser ließen US-Forscher aufhorchen. In einer Studie untersuchten sie die Daten von mehr als 125 000 werdenden Müttern. Zehn von ihnen hatten später eine Krebsdiagnose erhalten. Und: In allen Fällen hatte ein Bluttest zuvor abnormes Erbgut erkannt.

Neue Möglichkeiten zur Früherkennung von Krebs

Die Erkenntnis, dass sich bösartige Tumore im Blut feststellen lassen, eröffnet für die Früherkennung von Krebs völlig neue Möglichkeiten. Aufwendige Untersuchungen wie das Mammografie-Screening auf Brustkrebs oder die Darmspiegelung, vor der so viele Menschen zurückschrecken, könnten der Vergangenheit angehören. Auch andere Krebsarten, für die es im Augenblick keine gute Früherkennung gibt, könnte man im Blut nachweisen – und damit zahllose Leben retten. Denn rechtzeitig erkannt, ist Krebs heute oft heilbar.

Professor Klaus Pantel

"Das Potenzial der Methode ist riesig." Davon ist Professor Klaus Pantel, Leiter des Instituts für Tumorbiologie am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, überzeugt. Er ist einer der Pioniere auf dem Gebiet der "Liquid Biopsy", der flüssigen Biopsie, wie Experten die Methode nennen.

Erste Spuren im Blut

Anders als bei der her­­kömm­lichen Biopsie, für die ein Stück verdächtiges Gewebe entnommen und untersucht wird, genügt für die neue Analyse eine normale Blutprobe.
Dass Krebs Spuren im Blut hinterlässt – meist einige Zeit bevor bildgebende Diagnoseverfahren ihn im Körper sicht­­bar machen –, ist schon länger bekannt.

"Vereinzelte Krebszellen durchdringen früh die Gefäßwände und reisen durch den Körper", erklärt Pantel. Sie sondern zudem kleine Bläschen ab, sogenannte Exosomen. Auch spezifische Eiweiße und Erbgut-Schnipsel (siehe Grafik unten) aus abgestorbenen Tumorzellen schwimmen im Blut. Weltweit suchen inzwischen zahlreiche ­Arbeitsgruppen nach der idealen Kombination verräterischer Zeichen, um Krebs sicher aufzuspüren.

Schneller und billiger: Neue Technologien machen es möglich

"Der Boom ist stark technologiegetrieben", erklärt Professor Edgar Dahl vom Institut für Pathologie der Uniklinik RWTH Aachen. Moderne Methoden der Analyse vermögen das Erbgut in Hochgeschwindigkeit zu lesen und entdecken dabei selbst feinste abnorme Spuren – und zwar zunehmend schneller und kostengünstiger.

Die Vorteile der flüssigen Biopsie liegen auf der Hand: Ihr Einsatz ist einfach und nahezu beliebig oft durchführbar. "Das Blut liefert überdies eine Art Gesamtschau", erklärt Dahl. Entnimmt man mit einer Biopsie-Nadel Gewebe, bleibt der Blick auf einen kleinen Bereich des Tumors beschränkt.

Doch so ein Geschwür ist oft nicht einheitlich beschaffen, verändert sich durch Mutationen ständig weiter. Hat der Krebs bereits in andere Organe gestreut, besitzen diese Metastasen häufig wieder andere Eigenschaften. Die Flüssigbiopsie könnte all das prinzipiell sichtbar machen.

Die ersten Tests sind bereits im Einsatz, allerdings nicht in der Früherkennung. Aus Blut lässt sich nämlich nicht nur ablesen, ob Krebs da ist. Es kann auch zeigen, ob und wie sich dieser während der Behandlung verändert.

Behandlung abhängig von der Art des Tumors

Vor Beginn der Therapie wird ein Tumor heute in der Regel auf seine spe­­ziellen Eigenschaften hin untersucht. "Oft können dann Medikamente ein­­gesetzt werden, die sehr gezielt sein Wachstum blockieren", erklärt Patho­­loge Dahl. Doch manche Tumorzellen sind oder werden gegen die Arzneimittel immun. "Der Krebs wird gegen ein Medikament resistent – ähnlich wie Bakterien gegen Antibiotika", so der Experte.

Ob das geschieht, lässt sich teils am Erbgut aus dem Tumor erkennen. Dann kann die Therapie entsprechend umgestellt werden. Bei Patienten mit fortgeschrittenem nicht-kleinzelligem Lungenkrebs wird ein solcher Bluttest bereits angewandt.

Aufsehenerregende Ergebnisse liefert die Flüssigbiopsie überdies für eine ­­Situation, in der sich viele Patienten ­befinden: Der Tumor ist entfernt, der Krebs vorerst besiegt. Doch kehrt er zurück? Dieses Risiko besteht oft viele Jahre lang. Regelmäßige Nachsorgeuntersuchungen sind daher Standard; mit­hilfe bildgebender Verfahren wird dabei nach neuen Tumoren gesucht.

Infografik Liquide Biopsie

Verräterische Spuren

Lange bevor bildgebende Verfahren einen Tumor erkennen können, hinterlässt dieser schon Spuren im Blut. Neue Analyse-Methoden können den Krebs nicht nur früh erkennen - sondern zum Beispiel auch zeigen, ob der Tumor streut.

Blut vermag diese Information offenbar weitaus früher preiszugeben. So ließ sich darin bei Brustkrebspatientinnen die Rückkehr der Krankheit ablesen – mehr als ein halbes Jahr bevor Aufnahmen neue Tumore zeigten. Das berichten britische Forscher im Fachjournal Science Translational Medicine. "Die Daten sind sehr gut", urteilt Pantel. Sein Ziel: eine gezielte Therapie zu starten, bevor die Krebszellen sich erneut stark vermehren.

Ein erfolgreiches Modell einer solchen Behandlung gibt es schon: Pros­­tatakrebs. Der sogenannte PSA-Test sucht bei Männern nach einem Eiweiß, das von Tumorzellen ihrer Vorsteherdrüse abgegeben wird. Wurde das krebsbefallene Organ entfernt und der Wert steigt dennoch, fängt man an zu behandeln.

Zu oft falscher Alarm

Größer sind die Hürden für die Praxis offenbar auf dem Gebiet der Früh­­erkennung. Ansätze gibt es viele. Doch hapert es meist an der Genauigkeit. "Wichtig, um die Qualität eines Tests zu beurteilen, sind vor allem zwei Werte: die Spezifität und die Sensitivität", erklärt Dahl. Die Sensi­tivität sagt aus, wie oft der Test einen Kranken korrekt als krank einstuft. ­Eine Sensitivität von 90 Prozent bedeutet etwa, dass der Test 90 von 100 Tumorpatienten erkennt.

Das klingt gut. Doch bedeutet der Wert nichts ohne Angabe der Spezi­fität. Sie beschreibt, wie oft ein Test ­einen Gesunden als gesund einstuft und nicht etwa Krebs anzeigt, wo keiner vorhanden ist. "Die Spezifität muss unbedingt bei 95 Prozent oder höher liegen", betont Dahl. Schneidet ein Test hier schlecht ab, ist er unbrauchbar, trotz vielleicht hoher Sensitivität.

Das war auch eines der Probleme des Heidelberger Bluttests auf Brustkrebs, der im Frühjahr mit viel Medienbegleitung der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Aus der angeblichen Sensation entwickelte sich ein Skandal, da die geweckten Versprechungen in keiner Weise erfüllt wurden.

Verunsicherung durch fehlerhafte Tests

Dahl warnt vor dem Einsatz solcher unausgereiften Tests. Macht ein solcher viele Gesunde zu mutmaßlichen Krebspatienten, bedeutet das nicht nur belastende Folgeuntersuchungen und enorme Kosten. Es bedeutet vor allem: Angst. "Auf keinen Fall dürfen zu viele Menschen unnötig beunruhigt werden", betont Dahl.

Dennoch gibt es auf dem Gebiet der Krebsfrüherkennung mittels Blut große Fortschritte. So haben Forscher des Kimmel Cancer Centers in Baltimore (USA) im vergangenen Jahr einen Test vorgestellt, der acht häufige Tumorarten erkennt – und bei Gesunden extrem selten danebenliegt.

Der CancerSeek kombiniert die Suche nach Krebsgenen mit einigen verräterischen Proteinen. In einer Pilotstudie konnte der Test 70 Prozent der Kranken erkennen. Die Spanne reichte jedoch von hervorragenden 98 Prozent bei Eierstockkrebs bis zu mageren 33 Prozent bei Brustkrebs.

Noch nicht ganz alltagstauglich

Ob sich der Test für eine Früherkennungsmaßnahme für die breite Bevölkerung eignet, steht somit noch nicht fest. Erfahrungsgemäß sind die Ergebnisse unter Alltagsbedingungen schlechter. "Vor allem bei Älteren laufen im Körper oft verschiedene krankhafte Prozesse gleichzeitig ab", erläutert Pantel. Das kann das Resultat ver­fälschen.

Doch selbst wenn sich die Ergebnisse weiter verbessern: Die neuen Methoden stellen Mediziner auch vor neue Probleme. Wie geht man zum Beispiel mit Patienten um, in denen höchstwahrscheinlich winzige Tumore wachsen – aber keiner weiß, wo?

Weniger problematisch ist der Einsatz indes bei Menschen, die bereits von ihrer Erkrankung wissen – auch wenn die Flüssigbiopsie hier nach Ansicht von Experten noch keine Alternative zur Biopsie per Nadel darstellt. "Sie liefert zusätzliches Wissen", sagt Pantel. Das kann dazu beitragen, die optimale Therapie zu wählen oder das Risiko, dass der Krebs streut, besser einzuschätzen. Je mehr man über den Gegner weiß, desto gezielter kann der Angriff erfolgen.


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