Bluttransfusionen: Rettung mit Risiko

Blut ist ein kostbares Medikament – und ein zu häufig eingesetztes, sagen zahlreiche Experten. Derzeit wird der Umgang mit Blutprodukten auf den Prüfstand gestellt

von Julia Rudorf, 12.10.2018
Blutkonserven

Kostbare Konserve: Blutspenden fließen durch einen Filter, um weiße Blutkörperchen zu entfernen


Seit hundert Jahren sind Blut­trans­fusionen in der Medizin gang und gäbe. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 4,6 Mil­lionen Blutprodukte gebraucht, allein über 3 Millionen Konserven mit roten Blutkörperchen. Doch die Zeiten des sorglosen Umgangs mit dem Lebenssaft sin­d vorbei.

Rund um den Globus stellen Wissenschaftler bereits seit den 90er-Jahren in großen Studien fest, dass Blutübertragungen auch Nebenwirkungen haben können. Sie beobachteten häufigere Folgeerkrankungen wie Infektionen, Thrombosen oder Schlaganfälle und ein erhöhtes Risiko, vorzeitig zu sterben. "Es gilt mittlerweile als gesichert, dass Bluttransfusionen bei Operationen auch ein Risikofaktor sind", sagt Professor Thomas Schmitz-Rixen, Direktor der Klinik für Gefäß- und Endovascu­larchirurgie der Universitätsmedizin Frankfurt/Main.

Sterben Blutspender aus?

Dazu kommt: Blut ist ein Rohstoff, der knapp werden kann. Zwar gab es hierzulande letztes Jahr sechs Millionen Spenden, aber die Zahl könnte bald sinken. Viele potenzielle Spender scheiden Jahr für Jahr aufgrund ihres zu hohen Alters aus. Gleichzeitig glauben Experten, dass die Altersstruktur der Gesellschaft den Bedarf an Blutprodukten ansteigen lässt. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO gehen in entwickelten Staaten wie Deutschland mehr als 70 Prozent aller Transfusionen an Menschen, die älter sind als 65. "Der demografische Wandel könnte in Deutschland gleich mehrfach zu einer Verknappung von Blutkonserven führen", sagt Dr. Andrea Steinbicker, Expertin für Blutmanagement am Universitätsklinikum Münster.

Schon 2010 hatte die Weltgesundheitsorganisation ein sogenanntes Patientenblut-Management gefordert. Gemeint ist damit ein Paket verschiedener Maßnahmen, mit denen etwa in Krankenhäusern garantiert werden soll, dass bewusster mit der Ressource Blut umgegangen wird. In Deutschland haben sich mittlerweile 100 Kliniken in einem entsprechenden Netzwerk zusammengetan.

Operationen: Weniger Blutverlust bei Wärme

Manche der Maßnahmen seien recht einfach umzusetzen, erklärt Anästhesistin Steinbicker. "Zum Beispiel wird da­rauf geachtet, dass Patienten im OP nicht auskühlen, weil Kälte die Blutungsneigung erhöht." Liegt der Patient auf einem gewärmten OP-Tisch, kann das einen größeren Blutverlust verhindern.

Bei Eingriffen, in denen mit einem höheren Blutverlust gerechnet werden kann, kommt ein Verfahren zum Einsatz, das sich maschinelle Autotransfusion nennt. Ein spezielles Gerät sammelt direkt während der Operation das Blut des Patienten und reinigt es. Statt fremdem Blut bekommt er dann möglichst viel von seinem eigenen Blut zurück­übertragen.

Maschinelle Autotransfusion kann Blutkonserven einsparen

Dass sich der Aufwand lohnt und das Konzept des Blutmanagements aufgeht, zeigte 2016 die erste große Studie in Deutschland, an der die Univeritäts­kliniken Frankfurt, Münster, Bonn und Kiel beteiligt waren. Innerhalb von drei Jahren konnten diese Kliniken beinahe 20 Prozent der Transfusionen einsparen. Komplikationen wie Herzinfarkte oder Lungenentzündungen traten nicht häu­figer auf, Fälle von akutem Nierenver­­sagen gingen deutlich zurück.

Neue Spar-Mentalität

Die Datenlage habe bei vielen Medizinern zu einem Umdenken in puncto Transfusionen geführt, erklärt Schmitz- Rixen. Früher habe man gesagt: "Eine Konserve ist keine Konserve" – und Patienten grundsätzlich zwei gegeben. "Heute wissen wir: Viel bringt eben nicht viel. Im Gegenteil." Trotz all der Erfolge sind noch viele Fragen offen oder strittig. Forscher und Mediziner trafen sich deshalb dieses Jahr zu einer großen Konferenz, um gemeinsam über die Ergebnisse aus mehr als 140 Studien zu beraten.

"Wir wissen zum Beispiel noch nicht genau, wie wir bei Operationen mit den vielen Patienten mit Eisenmangel­anämie umgehen sollen", sagt Schmitz- Rixen. Etwa ein Drittel aller Patienten in Deutschland hat nach WHO-Definition eine Anämie, die Hälfte davon eine Eisenmangelanämie. Blutarmut gilt als Risikofaktor für Komplikationen. Eine der drei Säulen des Blutmanagements ist deshalb, Anämien möglichst vor einer OP zu erkennen und zu behandeln.

Risiko Blutarmut

Eine Anämie oder Blutarmut wird meist durch einen Eisenmangel verursacht. Laut WHO liegt dabei der Anteil des Blutfarbstoffs Hämoglobin (Hb-Wert) bei Männern unter 13 Gramm pro Deziliter, bei Frauen unter 12 Gramm pro Deziliter.

Ursachen können chronische Blutungen, Erkrankungen, Mangelernährung oder eine gestörte Eisenaufnahme sein.

Leichter Eisenmangel kann durch eine ausgewogene Ernährung ausgeglichen werden. Sonst helfen Eisenpräparate, etwa Dragees oder Tabletten. Kurz vor Operationen wird Eisen auch intravenös verabreicht, um die Werte schneller zu verbessern.

Problemfall Eisenmangel

Derzeit ist aber nicht klar, bei welchen Patienten die Eisenwerte nach oben korrigiert werden sollten – und wie viele durch Tabletten oder Transfusionen tat- sächlich besser durch die OP kommen. "Die Forschungsergebnisse zeigen zwar, dass eine Anämie die Mortalität steigert – aber nicht eindeutig, dass die Ergebnisse durch die Eisengabe unbedingt besser werden", sagt Steinbicker.

Auch die Frage, wann eine Transfusion unbedingt notwendig ist, wird dis­­kutiert. Ausschlaggebend sind längst nicht mehr nur bestimmte Blutwerte, sondern auch Alter, Allgemeinzustand oder Begleiterkrankungen des Patienten, sagt Steinbicker. "Transfusionsentscheidungen werden in Zukunft noch viel genauer auf den Patienten abgestimmt werden können."