Was hilft bei einer Reizblase?

Viele Menschen verspüren ständig starken Harndrang – das belastet sehr. Doch es gibt Möglichkeiten, die Beschwerden zu lindern

von Gerlinde Gukelberger-Felix, 24.11.2016
Öffentliche Toilette

Nicht immer verfügbar: Ein öffentliches WC


Überfallartig fängt der Harndrang an. Dann bleibt nur noch eins: So schnell wie möglich auf die Toilette gehen. Täglich acht Mal oder noch häufiger meldet sich die Blase. Ein Teil der Betroffenen schafft es noch rechtzeitig zur Toilette, andere nicht. Mediziner sprechen dabei von einer überaktiven Blase. Geschätzte 10 bis 20 Prozent der Erwachsenen leiden bereits in jüngeren bis mittleren Jahren daran, mehr Frauen als Männer. Bei der älteren Bevölkerung hat wohl fast jeder Zweite eine Reizblase.

"Möglicherweise sind es sogar noch mehr, denn viele Betroffene denken, dass häufige Toilettengänge im Alter ganz normal sind oder gehen aus Scham nicht zum Arzt", sagt Dr. Andrea Lippkowski, Oberärztin in der Klinik für Urogynäkologie im Deutschen Beckenbodenzentrum im Alexianer St. Hedwig-Krankenhaus, Berlin. Das sei schade.

"Wir können etwas gegen die Beschwerden machen", sagt Lippkowski. Sie ermutigt weibliche Betroffene, möglichst frühzeitig zum Frauenarzt, in ein Kontinenzzentrum oder eine urogynäkologische Sprechstunde zu gehen. Für Männer ist der Urologe der erste Ansprechpartner. Je länger eine Reizblase unbehandelt bleibt, desto aufwendiger ist die nötige Behandlung. Denn die häufigen Toilettengänge haben zur Folge, dass die Blase schrumpft und dann bei noch kleineren Harnmengen mit einem Drang reagiert. Das heißt, man muss noch häufiger zur Toilette – ein Teufelskreis. Dieser stellt sich auch dann ein, wenn man weniger trinkt, in der Hoffnung seltener aufs Örtchen zu müssen.

Was kann Ursache einer überaktiven Blase sein?

Eine Reizblase kann bei Frauen wechseljahresbedingt durch Östrogenmangel im Scheiden-Harnröhrenbereich, infolge häufig wiederkehrender Blasenentzündungen oder bedingt durch eine Gebärmutter- oder Scheidensenkung entstehen. Normalerweise bietet der Beckenboden der Gebärmutter Halt. Er kann aber durch Geburten, häufige Unterleibsoperationen, Übergewicht oder körperliche Belastungen geschwächt werden.

Bei Männern kann eine gutartige Prostatavergrößerung eine Reizblase begünstigen.

"Wer an Typ 2-Diabetes, Parkinson oder Multipler Sklerose leidet oder einen Schlaganfall hatte, hat dadurch bedingt eine veränderte Nervenreizleitung – aufsteigend von der Blase zum Gehirn und absteigend vom Gehirn übers Rückenmark zur Blase", erklärt die Chefärztin Professor Ursula Peschers vom Beckenboden Zentrum in München. Der Befehl zum Zusammenziehen des Blasenmuskels wird zu früh erteilt. Der Harndrang setzt dann ein, obwohl die Blase nicht gefüllt ist, so Peschers weiter.

Auch Blasensteine, Medikamente und Tumoren kommen als Auslöser in Betracht. Mitunter liegt es auch am Lebensstil: Kaffee, Tee, kohlensäurehaltiges Wasser, Alkohol und Chili reizen die Blase. Rauchen begünstigt eine Reizblase. Denn Nikotin bindet an bestimmte Rezeptoren, die normalerweise nur bei voller Blase aktiviert werden und Harndrang auslösen. Wer Reizblasen-Probleme hat, sollte dementsprechend aufpassen.
Die überaktive Blase hat zudem eine psychologische Komponente. "Stress begünstigt eine Reizblase. Manche Betroffenen haben nur am Arbeitsplatz Probleme und im Urlaub nicht. Stressabbau kann demnach die Symptomatik lindern", sagt die Berliner Medizinerin Lippkowski. Es ist ratsam, eine Stressbewältigungstechnik zu erlernen.

Frühzeitige Therapie ist wichtig

Eine Reizblase ist kein Schicksal, das man hinnehmen muss. Je nachdem, was der Arzt als Ursache identifiziert hat, bespricht er mit dem Patienten die entsprechenden Therapiemöglichkeiten.

Die nachfolgenden Therapieoptionen lindern bei 70 bis 80 Prozent der Patient(inn)en die Beschwerden deutlich.

  • Zu den Basismaßnahmen gehört es, einen etwaigen Harnweginfekt wirksam zu behandeln. Insbesondere gilt dies, wenn es wiederholt zu Blasenentzündungen kommt. Um erneuten Infekten vorzubeugen, helfen verschiedene Maßnahmen: Tipps finden Sie im Ratgeber Blasenentzündung. Auch eine Impfung mit inaktivierten Bakterien als Spritze oder Tablette kann weiteren Harnwegsinfekten vorbeugen.
  • Sofern eine Gebärmutter- oder Scheidensenkung vorliegt, lassen sich die abgesenkten Unterleibsorgane mit einem sogenannten Pessar stützen oder durch einen Eingriff wieder anheben.
  • Ein Östrogenmangel bei Frauen lässt sich mit Hormonzäpfchen oder einer in der Scheide aufzutragenden hormonhaltigen Salbe ausgleichen.
  • Gegen eine gutartige Prostatavergrößerung bei Männern helfen bestimmte Medikamente oder auch eine Operation.
  • Ganz wichtig sind eine Physiotherapie, zum Beispiel Beckenbodentraining, sowie eine Verhaltenstherapie. "In einer Tabelle notiert man vorab einige Tage lang genau, wann und wie viel man getrunken hat, wann ein Drang zum Wasserlassen auftrat und wann man die Toilette aufsuchte", so Peschers. Basierend darauf werden dann laut Peschers Strategien erarbeitet, mit denen sich der Toilettengang hinauszögern lässt. Beispielsweise indem Betroffene von 100 in 7er-Schritten herunter zählen oder den Beckenboden gezielt anspannen.
  • Auch eine Reizstromtherapie kann nützlich sein. "Dabei werden zu Hause in Blasennähe zweimal die Woche für drei bis sechs Monate Elektroden auf dem Bauch angebracht, zwischen denen ein Reizstrom fließt", beschreibt Lippkowski die Vorgehensweise. Das trainiert die Blasenmuskulatur.

Im nächsten Schritt Medikamente oder ein Schrittmacher

Reichen diese Maßnahmen nicht aus, kommen Medikamente oder ein Blasenschrittmacher infrage.

  • Bestimmte Medikamente, sogenannte Anticholinergika, unterdrücken die Wirkung des Nervenbotenstoffs Acetylcholin. Dieser überträgt das Signal an den Blasenmuskel, sich zusammenzuziehen. Durch das Medikament beruhigt sich laut Peschers der Blasenmuskel nach spätestens zwei Wochen. Doch Anticholinergika sind nicht unbedenklich. "Bei einem Teil der Betroffenen wirken sie sehr gut, aber sie können starke Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Verstopfung und Herzrhythmusstörungen haben. Und sie können bei älteren Menschen bereits bestehende Denkstörungen verstärken", warnt Peschers. Sie sind ungeeignet für Glaukom-Patienten (grüner Star), weil sie den Augeninnendruck erhöhen können.
  • Als Alternative zu Anticholinergika gibt es Botulinumtoxin. Das Nervengift, das schon lange gegen Falten im Gesicht eingesetzt wird, hilft auch bei einer Reizblase. Botox wird in die Blase gespritzt und schwächt den Blasenmuskel ab. Bei mindestens 70 Prozent der Betroffenen lindert es die Symptome deutlich. Lippkowski rät allerdings, nur einmal jährlich Botox zu spritzen, weil die Langzeitfolgen noch nicht völlig geklärt sind: "Sechs Monate nach der Botoxinjektion melden sich die Symptome langsam zurück. Anticholinergika können dann die nächste Injektion noch um etwa sechs Monate hinauszögern."
  • Beim Blasenschrittmacher, im Medizinerjargon "sakrale Neuromodulation" genannt, werden Elektroden an bestimmte Nerven ins Kreuzbein implantiert. Allerdings zeigte eine US-Studie, dass Botox besser wirksam ist. Die gesetzliche Krankenkasse bezahlt unter bestimmten Voraussetzungen sowohl diesen sehr teuren Eingriff als auch Botox.

Fazit:

  • Viele Menschen leiden an einer Reizblase
  • Wichtig ist, frühzeitig zum Arzt zu gehen. Denn, je länger das Problem überaktive Blase besteht, desto aufwendiger wird die Behandlung
  • Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Beschwerden zu lindern. Zum Beispiel, indem Betroffene die Ursachen behandeln lassen, durch Verhaltenstrainings, Medikamente oder chirurgische Eingriffe