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Warum es so wenig Organspenden gibt

Zu viele Chancen auf eine Organspende werden in Deutschland vertan. Ein Grund: Die schlechte Organisation in den Kliniken. Nun soll eine Reform das ändern

von Dr. Achim G. Schneider, 04.03.2019
Organspendeausweis

9400 Patienten standen im Dezember 2018 in Deutschland auf der Warteliste für ein Organ. 3113 Organe wurden im ganzen Jahr gespendet


Das Jahr 2017 markierte einen Tiefpunkt. 797 Organspender gab es in Deutschland – fast 500 weniger als sieben Jahre zuvor. Eine Tragödie für die über zehntausend schwer kranken Menschen, die dringend ein neues Organ benötigen. Jeder Fünfte stirbt, weil sich nicht rechtzeitig ein Spender findet.

Dabei ist die Bereitschaft hoch, nach dem Tod die eigenen Organe für Transplantationen zur Verfügung zu stellen. 84 Prozent der Menschen in Deutschland sind Organ- und Gewebespenden gegenüber positiv eingestellt. 36 Prozent haben ihre Entscheidung in einem Organspendeausweis dokumentiert, so die aktuellen Zahlen der Bundeszen­trale für gesundheitliche Aufklärung.

Unerkannte Spender

Warum also so wenige Spender? Eine Analyse vom Juli 2018 im Deutschen Ärzteblatt gibt eine ernüchternde Er­klärung: Potenzielle Spender werden zu selten erkannt und zu selten an die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) gemeldet. Die Untersuchung zeigte zudem riesige Differenzen unter den Krankenhäusern auf. So variierte der Anteil der realisierten Spenden in sechs untersuchten Unikliniken um das bis zu 20-Fache.

"Manche Krankenhäuser kommen eindeutig nicht ihrer gesetzlichen Aufgabe nach, mögliche Organspender zu melden. Der Wille der Verstorbenen wird nicht umgesetzt", erklärt Dr. Kevin Schulte, Assistenzarzt der Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein und Erstautor der Studie. Würden alle Kliniken das tun, könnte die Zahl der Organspender in Deutschland auf das Dreifache ansteigen, glaubt Schulte.

Reform zur Optimierung

Ein neues Gesetz aus dem Bundesgesundheitsministerium will die Kliniken besser für diese Aufgabe wappnen. Die geplante Reform sieht unter anderem vor, die Rolle der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken zu stärken, Organentnahmen kostendeckend zu vergüten und ein verpflichtendes Berichtssystem einzuführen.

Letzteres dient ­dazu, alle Todesfälle nachträglich zu analysieren, die mit einer Hirnschädigung zusammenhängen. "Das hilft den Krankenhäusern, ihr Verbesserungs­potenzial beim Identifizieren von Spendern zu erkennen und die Abläufe zu optimieren", sagt Dr. Axel Rahmel, medizinischer Vorstand der DSO.

Derzeitige Hürden bei der Organspende

Denn Organspenden sind eine komplexe Angelegenheit. Sie kommen nur bei Patienten infrage, die einen todbringenden Gehirnausfall infolge eines Unfalls oder einer Erkrankung erlitten haben. Der behandelnde Arzt muss das rechtzeitig erkennen und an die DSO melden, zwei Fachärzte müssen unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Weiterhin darf medizinisch nichts einer Organspende entgegenstehen. Sie kann auch nur dann erfolgen, wenn Ärzte die Zustimmung des Verstorbenen oder der Angehörigen haben.

Das Feststellen des Hirntods ist eine mögliche Hürde für die Organspende.  Denn vielen, vor allem kleinen Krankenhäusern fehlt die Expertise, die aufwendige Diagnose durchzuführen. "Wir unterstützen die Kliniken jetzt schon, indem wir einen Neurologen oder Neurochirurgen vermitteln. Doch man muss Glück haben, jemanden zu finden, der schnell verfügbar ist", erklärt Rahmel. Auch in diesem Punkt soll das Gesetz eine Verbesserung bringen. Es sieht vor, bis Ende 2019 eine flächendeckende Rufbereitschaft einzuführen.

Grundsätzlich begrüßt die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) die Veränderungen. "Doch den Rufbereitschaftsdienst noch in diesem Jahr vertraglich umzusetzen ist quasi unmöglich. Deshalb fordern wir eine Frist bis Ende 2021, um den hohen gesetzlichen Anforderungen gerecht zu werden", erläutert Denes Göckler, bei der DKG für Transplantationsmedizin zuständig.

Widersprüchliche Studien

Doch lässt sich die Zahl der Organspender durch das Gesetz wirklich verdreifachen? Göckler sieht dafür keine Datenbasis. "In der Studie, die das behauptet, wird unsachlich mit Zahlen umgegangen. Ohne Einzelfallanalyse wird man der Sache nicht gerecht." Der Experte hält die Ergebnisse einer Studie für aussagekräftiger, die die Fachzeitschrift Der Anästhesist im vergangenen Oktober veröffentlichte.

Sie analysierte das Jahr 2016 in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. 2442 Verstorbene wären dort aufgrund einer Software-Analyse theoretisch für eine Organspende infrage gekommen. Nach genauer Prüfung der Patienten­akte blieben davon 79 übrig, bei denen das mit hoher Wahrscheinlichkeit möglich gewesen wäre – aber nicht geschehen ist. Insgesamt gab es in den drei Bundesländern im untersuchten Zeitraum 121 Organspender.

Die Autoren haben auch untersucht, warum die zusätzlichen Chancen nicht genutzt wurden. So kann eine Spende nur dann erfolgen, wenn der Sterbende noch so lange künstlich beatmet wird, bis die Organe entnommen sind. Ärzte beenden die Intensivtherapie allerdings oft vorher. Göckler: "Hier wäre es wichtig, dass die Entscheidung zur ­Organspende, die Patientenverfügung und die Vorsorgevollmacht rechtssicher und für das Krankenhaus leicht zugänglich dokumentiert sind." Das beste Mittel, um den Willen eines Menschen schnell zu erkennen.

Jeder Bürger ein Organspender?

Doch die Patientenverfügung selbst steht einer Spende im Wege. Denn wird in ihr lebenserhaltenden Maßnahmen kurz vor dem Tod widersprochen, richten sich die Ärzte danach. Selbst wenn ein Ausweis den Willen zur Organspende dokumentiert, kann diese nicht erfolgen. Um Klarheit zu schaffen, rät die Bundesärztekammer, in der Verfügung intensivmedizinische Therapien für eine Organspende zu erlauben.

Gesundheitsminister Jens Spahn will zudem, dass künftig jeder Bundesbürger als Organspender gilt – außer er oder seine Angehörigen widersprechen. Über das Für und Wider wird derzeit debattiert. Rahmel kann sich eine Form der Widerspruchslösung vorstellen, die die Selbstbestimmung in den Vordergrund stellt und die Entscheidungsfindung fördert. "In den Kliniken sollte das Denken an Organspende zur Normalität werden." Dann würde die Therapie am Lebensende auch nicht mehr beendet, ohne diese Option wenigstens in Betracht zu ziehen.