Wadenkrämpfe – Ursachen: Nervenschäden

Krankhafte Ursachen für Wadenkrämpfe können Nervenschäden wie Polyneuropathien sein. Auch Bandscheibenerkrankungen und andere Wirbelsäulenprobleme kommen infrage

von Andrea Blank-Koppenleitner, aktualisiert am 20.10.2016
Fuß Schematische Darstellung

Das periphere Nervensystem: Von der Wirbelsäule aus laufen die Nervenverbindungen über die Beine bis in die Fußspitzen


Nerven und Muskeln: Feinst abgestimmtes Zusammenspiel

Alle wesentlichen Vorgänge in unserem Körper laufen über die Aktivitäten von über 100 Milliarden Nervenzellen (fachsprachlich Neuronen). Unser Nervensystem teilt sich in zwei Bereiche: Gehirn und Rückenmark umfassen das Zentralnervensystem. Durch den übrigen Körper verzweigt sich das periphere Nervensystem. Es ist mit dem Zentralnervensystem verbunden und vermittelt den gesamten wechselseitigen Informationsfluss von dort zu allen Körperbereichen und umgekehrt. Dazu kommt das vegetative, unwillkürliche (autonome) Nervensystem, das die Funktionen innerer Organe steuert, etwa Herztätigkeit oder Verdauungsarbeit.

Funktionsstörungen können an unterschiedlichen Stellen in den Nervensystemen auftreten und sich entsprechend auf die Muskelaktivitäten auswirken. Sie entstehen durch Schäden an den feinsten Nervenverzweigungen in Gliedmaßen und Organen oder an den Rückenmarksnerven im Wirbelsäulenkanal. Mediziner sprechen bei Erkrankungen der Nerven von Neuropathien. Polyneuropathie bedeutet, dass mehrere periphere Nerven erkrankt sind. Zentrale Erkrankungen betreffen das Gehirn und Teile des Rückenmarks.

Krankheiten wie die amyotrophe Lateralsklerose schädigen bestimmte Bewegungsnerven im Gehirn und Rückenmark (siehe unten). Im Rückenmark geht es vor allem um die Vorderhornganglienzellen, die mit ihren peripheren Ausläufern jeweils für die Aktivitäten der ihnen zugeordneten Muskelfasergruppen zuständig sind. Auf ihre Reize hin ziehen sich die Muskeln zusammen oder entspannen sich. Schäden an diesen sogenannten Motoneuronen führen häufig entweder zu abgeschwächten oder zu übersteigerten Muskelreaktionen.

Polyneuropathien als Ursache für Wadenkrämpfe

Unterschiedliche Faktoren können den Stoffwechsel innerhalb peripherer Nervenzellen und ihrer Fortsätze (Axone) stören. Mehrere Nerven büßen dann ihre Funktionsfähigkeit ein und gehen zugrunde. Die Schädigung hat Folgen für die Funktion der Muskelfasern: Motorische Abläufe finden nicht mehr geordnet oder schließlich gar nicht mehr statt.

Zu Polyneuropathien kann es bei Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes oder durch Alkoholschäden kommen. Weitere mögliche Ursachen stellen Mangelernährung, etwa ein Mangel an B-Vitaminen und Eiweißstoffen, und Vergiftungen dar. Auch entzündliche Erkrankungen, Borreliose (fortgeschrittenes Stadium) oder Autoimmunreaktionen wie Bindegewebserkrankungen (Kollagenosen) führen manchmal zu Nervenschäden. Diese können auch unter der Therapie bestimmter Medikamente auftreten. Es gibt zudem erblich bedingte Schädigungen.

Häufig äußern sich Polyneuropathien zunächst in den äußersten Gliedmaßen, vor allem in den Füßen und Beinen. Wadenkrämpfe fallen neben den jeweils kennzeichnenden Symptomen am ehesten bei der sogenannten sensomotorischen diabetischen Neuropathie oder bei Schädigungen durch Alkoholismus auf.

Symptome: Anfangszeichen sind häufig Kribbeln, Taubheitsgefühle sowie brennende Missempfindungen in Füßen und Beinen ("burning feet"), manchmal anfallsartig – zum Beispiel nachts oder bei Kälte. Dazu stellen sich Muskelschwäche oder -überaktivitäten, schmerzvolle Muskelkrämpfe, vor allem in den Unterschenkeln und Füßen, ein. Die Missempfindungen können auch Hände und Arme erfassen.

Mit fortschreitender Nervenschädigung treten weitere Symptome auf, wie nachlassendes Schmerz- und Temperaturempfinden, Muskelschwund, verminderte Schweißbildung, trockene Haut, Geschwüre an den Füßen.

Diagnose und Therapie: Die Untersuchungen umfassn Blutanalysen und Urintests, Prüfungen der Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurografie) sowie der Muskelaktivitäten (Elektromyografie). Möglich sind zudem Röntgenaufnahmen, feingewebliche Untersuchungen von Muskelwebe und bestimmten Nerven sowie gegebenenfalls
Rückenmarkspunktionen (Lumbalpunktion). Je nach Verdacht erwägen die Fachärzte, in der Regel Neurologen, weitere Spezialuntersuchungen (siehe auch Kapitel "Diagnose").

Die Therapie erfolgt je nach Ursache. Für Diabetiker ist eine gute Blutzuckereinstellung grundlegend, um Nervenschäden und deren Fortschreiten möglichst zu vermeiden. Auch Alkoholverzicht sowie Rauchstopp sind absolut notwendig. Eventuell können bestimmte durchblutungsfördernde Salben und Medikamente, wie etwa Antiepileptika, bei starken Beschwerden in den Beinen hilfreich sein.

Lesen Sie mehr dazu im Ratgeber "Polyneuropathie – Ursachen und Therapien".

Krämpfe in den Waden durch das Schmerz-Faszikulationssyndrom, Crampus-Faszikulationssyndrom

Die ärztlichen Untersuchungen von Muskelreflexen und -aktivitäten sind bei diesem Beschwerdebild häufig unauffällig, krankhafte Entwicklungen selten. Dennoch können die Betroffenen oft jahrelang unter den Symptomen leiden. Die Ursachen der Überaktivität peripherer Nerven sind noch nicht eindeutig geklärt. Wahrscheinlich spielen autoimmunologische Vorgänge eine Rolle.

Symptome: Kennzeichnend sind Muskelkrämpfe und Muskelzuckungen, besonders in den Waden. Sie sind verbunden mit ziehenden, brennenden Schmerzen in den Beinen, mitunter auch in den Armen sowie im Schulter- und Beckenbereich. Kribbeln und Taubheitsgefühle können dazukommen. Die Symptome verschlimmern sich oft, wenn die Betroffenen körperlich aktiv sind, und gehen zurück, wenn sie sich entspannen.

Diagnose und Therapie: Der Neurologe wird durch eingehende Untersuchungen mögliche Nerven- und Muskelerkrankungen sowie Autoimmunkrankheiten oder Tumore ausschließen.

Gezielte Dehnübungen und Wärme können oft hilfreich sein. Je nach Untersuchungsergebnissen kommen mitunter spezielle Medikamente, wie beispielsweise das Immunsystem unterdrückende Mittel, zum Einsatz.

Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): Oft auch nächtliche Wadenkrämpfe

Hier gehen Nervenzellen des zentralen und peripheren Nervensystems zugrunde, die die Muskelbewegungen steuern. Die Folge sind fortschreitender Muskelschwund (Muskelatrophie) und Muskelversteifungen (Spastik). Zahlreiche Muskelpartien, mit Ausnahme der Augen, können schließlich gelähmt sein. Die Ursache ist bei den meisten Betroffenen, häufig Männer im Alter zwischen 40 und 65 Jahren, unbekannt. Es gibt einige familiär bedingte Formen, die schon in der Kindheit auftreten können und teilweise gutartig verlaufen.

Symptome: Als Erstsymptome fallen häufig nächtliche, schmerzhafte Wadenkrämpfe, Muskelzuckungen sowie wiederholt Krämpfe in Muskeln auf, die aktiv betätigt werden. Aufmerksam werden die Betroffenen oft erst, wenn sich eine zunehmende Muskelschwäche einstellt. Sie ist zunächst manchmal nur einseitig und auf bestimmte Gliedmaße beschränkt, zum Beispiel auf die Hände. Später erfasst sie immer mehr Bereiche.

Zu weiteren Symptomen, die im Laufe der Erkrankung auftreten, gehören eine undeutliche Sprache, Zuckungen und Lähmungen der Zunge, Schluckstörungen, Probleme, die Gesichtsmuskulatur zu beherrschen, Atemnot.

Diagnose und Therapie: Die Symptome und weitere Untersuchungen geben Aufschluss, zum Beispiel Bluttests, Elektromyografie und Elektroneurografie sowie gegebenenfalls eine Magnetresonanztomografie (siehe Kapitel "Diagnose"). Auch feingewebliche Untersuchungen von Muskelgewebe oder eine Lumbalpunktion können mitunter angezeigt sein.

Es ist bis jetzt nicht möglich, die Krankheit zu heilen. Die Behandlung sollte in einer Spezialklinik erfolgen, in die sich der Erkrankte immer wieder begibt. Eine wichtige Rolle spielen erleichternde Maßnahmen wie Krankengymnastik, Ergotherapie und Atemhilfen (CPAP-Beatmung). Häufig setzen Neurologen Riluzol ein, ein Medikament, das eine nervenschützende Wirkung hat und den Krankheitsverlauf hinauszögern soll. In seltenen Fällen sind Spontanheilungen möglich.

Ausführlich informiert der Ratgeber "Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)".

Bandscheibenvorfall (Schematische Darstellung)

Wadenkrämpfe bei Verengungen im Wirbelsäulenkanal, Bandscheibenschäden

Geschützt durch die Knochen der Wirbelsäule verläuft das Rückenmark mit seinen unterschiedlichen Nerven im Rückenmarkkanal. Hier leiten die vom Gehirn kommenden motorischen Nervenfasern die Impulse an ihre Ausläufer im peripheren Nervensystem und damit an die jeweiligen Muskeln weiter. Die peripheren Nervenstränge treten aus ihren Wurzeln (lat. radix) im Rückenmark durch seitliche Zwischenwirbellöcher aus. Veränderungen, Erkrankungen und Verletzungen im Bereich der Wirbelsäule und des Rückenmarkkanals können die Nervenwurzeln reizen oder nachhaltig schädigen. Neurologen sprechen dann von spinalen radikulären Syndromen oder Radikulopathien.

Eine häufige Ursache sind Bandscheibenerkrankungen. Wenn sich eine Bandscheibe, die vor dem Rückenmarkkanal und den jeweiligen Zwischenwirbellöchern liegt, aus unterschiedlichen Gründen verschiebt, kann sie die Nervenwurzel beziehungsweise den austretenden Nerv einklemmen (siehe Bild). Auch Teile des Rückenmarks können in Bedrängnis geraten. Mitunter beengen oder irritieren auch Tumore bestimmte Nerven. Darüber hinaus gehören entzündliche Prozesse oder degenerative Veränderungen am Wirbelkanal, zum Beispiel bei einer Spinalkanalstenose, zu den möglichen Ursachen. Manchmal entwickelt sich eine Radikulopathie bei einigen Infektionen. Je nachdem, wo die Engstelle entsteht und welche Nervenfasern betroffen sind, kommt es zu Ausfallerscheinungen im Bereich der Gefühlswahrnehmung (Sensibiliät) und/oder der Aktivität unterschiedlichen Muskelgruppen (Motorik).

Symptome: Sind Nerven geschädigt, die die Beinmuskeln versorgen, etwa bei einem Bandscheibenvorfall im Bereich der Lendenwirbelsäule, kommt es zu Rückenschmerzen. Die Schmerzen strahlen bis in ein Bein und/oder einen Fuß aus und werden bei Husten oder Niesen stärker. Sie sind oft verbunden mit Kribbeln, Taubheitsgefühlen und manchmal mit Lähmungserscheinungen. Dazu können auch Wadenkrämpfe kommen.

Eingehende Informationen zu Symptomen, Ursachen, Diagnose und Therapie von Bandscheibenvorfällen erhalten Sie im Ratgeber "Bandscheibenvorfall". Wissenswertes dazu und zu weiteren Wirbelsäulenproblemen finden Sie in den Ratgebern "Rückenschmerzen" und "Hexenschuss" (Kapitel: Ischias & Co.).