Wadenkrämpfe – Ursachen: Muskelerkrankungen

Schmerzhafte Krämpfe in Wade und Fuß treten nur bei bestimmten Muskelerkrankungen auf. Dazu gehören Myotonien, Dystonien und Stoffwechselprobleme im Muskel selbst
von Andrea Blank-Koppenleitner, aktualisiert am 20.10.2016

Verhärteter Muskel: Erkrankungen im Muskel, die Wadenkrämpfe verursachen, sind selten

Fotolia/KSR/2010

Myotonien, die Wadenkrämpfe verursachen können

Bei diesen insgesamt eher seltenen Muskelerkrankungen ist die für Bewegungen notwendige Abfolge von Zusammenziehen und Erschlaffen einzelner Muskeln gestört. Oft verspannen und verkrampfen sich die Muskeln krankhaft. Die Ionenkanäle der Muskelzellen nehmen hier Nervenreize nur fehlerhaft auf und übertragen sie auch nicht mehr richtig. Häufig handelt es sich dabei um erblich bedingte Störungen, wie bei der Myotonia congenita Thomsen. Es können aber auch autoimmunologische Vorgänge eine Rolle spielen. Ein Beispiel hierfür ist das Stiff-Man-Syndrom oder Stiff-Person-Syndrom. Dieses Erkrankungsbild kann manchmal nur auf die Beine beschränkt sein (Stiff-Leg-Syndrom).

– Myotonia congenita Thomsen

Symptome: Erste Anzeichen sind oft schon bei kleinen Kindern zu erkennen. Sie können schlecht greifen oder Gegenstände halten, fallen leichter. Die Wadenmuskeln sind stark angespannt und werden steif. Der Fuß zeigt dabei spitz nach vorne. Dazu kommen Lähmungsattacken, Muskelsteifigkeit in unterschiedlichen Muskelpartien. Zusammengezogene Muskeln entspannen sich nur mühsam. Das behindert zahlreiche Aktivitäten. Wird eine Bewegung mehrmals wiederholt, funktioniert das Muskelspiel meist wieder ("Warm-up-Phänomen"). Auffallend ist oft ein muskulöser Körperbau.

Diagnose und Therapie: Wegweisend sind für den Neurologen neben der körperlichen Untersuchung und der Krankengeschichte Bluttests sowie die Elektromyografie. Zu den grundlegenden Untersuchungen kommen eventuell Magnetresonanztomografien, spezielle Gentests und die feingewebliche Untersuchung von Muskelgewebe dazu.

Die Behandlung richtet sich nach den Beschwerden. Viele Betroffene benötigen nur in bestimmten Situationen und zeitlich begrenzt Medikamente, etwa muskelentspannende, krampflösende Mittel. Sie können häufig trotz ihrer Symptome ein weitgehend normales Leben führen.

– Stiff-Man-Syndrom

Symptome: Beim Stiff-Man-Syndrom versteifen und verkrampfen sich die Muskeln in unterschiedlichen Körperbereichen in extremer und schmerzhafter Weise, zum Beispiel im Rücken, im Gesicht, aber auch in den Beinen und Füßen. Die Beschwerden nehmen zu, wenn der Betroffene sich bewegt, sich erschreckt oder starken Gefühlen ausgesetzt ist. Bei Ruhe gehen die Symptome zurück, etwa wenn der Kranke schläft. Dazu kommen Angststörungen, zum Beispiel die Angst, über einen freien Platz zu gehen (Agoraphobie). Die Heftigkeit der anfallsartigen Muskelverhärtungen kann sogar Muskel- und Gelenkschäden hervorrufen.

Diagnose und Therapie: Aufschlussreich kann nach den grundlegenden Untersuchungen wie Bluttests und Elektromyografie eine Analyse der Gehirn-Rückenmarksflüssigkei sein. Sie wird bei einer Rückenmarkspunktion (Lumbalpunktion) entnommen. Der Neurologe wird die Erkrankung gegen andere Myotonien, gegen Tetanus (Wundstarrkrampf) und die Folgen einer Vergiftung (etwa Strychnin oder Blei) abgrenzen. Zudem schließt er durch geeignete Untersuchungen einen Tumor oder bestimmte Stoffwechselerkrankungen als mögliche Ursache aus.

Zur Behandlung setzen die Ärzte Medikamente ein, zum Beispiel aus der Gruppe der Benzodiazepine, muskelentspannende Mittel sowie Medikamente gegen Epilepsien. Ebenso können Kortisonpräparate und auf das Immunsystem wirkende Mittel hilfreich sein.

Dystonien als mögliche Ursache von Wadenkrämpfen

Unter dem Fachbegriff Dystonie fassen Mediziner Krankheits- oder Beschwerdebilder zusammen, bei denen normale Bewegungsabläufe und die Muskelspannung gestört sind. Bestimmte Muskeln ziehen sich dann anfallsartig, oft gegenläufig zusammen, die Spannung ist erhöht. Das führt mitunter zu abrupten, nicht kontrollierbaren Bewegungen, die unterschiedliche Körperpartien erfassen können, etwa das Gesicht, die Augenumgebung, Kopf, Rumpf sowie auch die Gliedmaße.

Fokale Dystonien zum Beispiel betreffen nur bestimmte Muskeln, vor allem an Beinen, Füßen oder Schultern. Beim Gehen oder mitten in einer Tätigkeit ziehen sich die Muskeln zusammen und behindern die Aktivität. Das passiert auch beim sogenannten Schreibkrampf, der an der schreibenden Hand, aber während des Schreibens auch an beiden Armen auftreten kann. Speziell Musiker erleiden mitunter fokale Dystonien.

Dystonien sind nicht mit psychisch bedingten Tics zu verwechseln. Sie können primär als eigene Störungen auftreten, denen genetische Anlagen und Nervenschäden im Gehirn zugrunde liegen. Sie entwickeln sich aber auch sekundär im Rahmen anderer neurologischer Krankheiten, so zum Beispiel bei zahlreichen Erbkrankheiten, die durch den Untergang bestimmter Gehirnnerven gekennzeichnet sind.

Zu dystonen Symptomen kommt es zudem unter anderen bei der Parkinson-Krankheit oder bei der multiplen Sklerose. Manchmal stellen sich krampfartige Beschwerden nach Hirn- und Rückenmarksverletzungen sowie nach Gehirnblutungen und -entzündungen ein. Auch bestimmte Medikamente gehören zu den möglichen Auslöser, etwa Parkinson-Medikamente, Antiepileptika oder Mittel gegen Psychosen (Neuroleptika).

Diagnose und Therapie: Das Beschwerdebild liefert erste Hinweise. Mit umfassenden Untersuchungen (siehe dazu auch Kapitel "Diagnose") sichert der Neurologe die Diagnose.

Die Therapie richtet sich nach der Ursache. Bei primären Dystonien spritzen die Ärzte bevorzugt Botulinumtoxin in die erkrankten Muskelpartien. Den Einsatz von Medikamenten zum Einnehmen wägt der Arzt individuell ab. Muskelentspannende Mittel können hilfreich sein, ebenso gezielte krankengymnastische Übungen. Bei schweren Krankheitsbildern, die nicht auf unterschiedliche Therapieversuche ansprechen, ziehen Spezialisten manchmal auch eine Hirnstimulation in Betracht.

Wadenkrämpfe bei metabolischen Myopathien (stoffwechselbedingte Muskelkrankheiten)

Herrscht in einem Muskel ein Ungleichgewicht zwischen Sauerstoff- und Nährstoffzufuhr einerseits und Energieverbrauch andererseits, funktioniert der Muskel nicht mehr geregelt. Das heißt, er kann sich nicht mehr im notwendigen Maß zusammenziehen, dehnen oder entspannen. Störungen im Zucker- (Glykogen-) und Fettstoffwechsel beruhen meistens auf erblich bedingten Defekten wie Glykogenspeicherkrankheiten. Sie wirken sich auf unterschiedliche Weise aus. Je nach Krankheitsbild sind die Funktionen innerer Organe wie Herz, Leber, Nieren und die Atemwege betroffen.

An der Skelettmuskulatur kann es zu Muskelschwäche, Muskelschmerzen, Muskelabbau, Versteifungen und einer erhöhten Neigung zu Krämpfen kommen. Wadenkrämpfe sind in diesem Zusammenhang möglich, gehören aber nicht zu den vorherrschenden Symptomen. Die Beschwerden stellen sich vielfach unter körperlicher Belastung ein, so zum Beispiel beim sogenannten Phosphorylasemangel (McArdle-Syndrom), einer Erberkrankung. Ruhe, aber auch gemäßigte Aktivität bringt häufig Erleichterung, Überanstrengung kann dagegen gefährliche Krankheitsschübe auslösen.


  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4. 4
  5. 5
  6. 6

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Symptome-Finder

Wählen Sie:

Hintergrund

Muskeln

Die Muskeln

Sie sind Stützen und Motor des Körpers. Erfahren Sie mehr darüber »

Gute Tipps für Schwangere auf www.baby-und-familie.de

Glücklich strahlende Schwangere

Rund um die Schwangerschaft

Hier erfahren Sie alles darüber, wie das Baby sich entwickelt und was für werdende Mütter wichtig ist  »

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages