Den Alltag meistern nach der Amputation

Der Verlust eines Körperteils verändert die Lebensumstände radikal. Wie Betroffene Schritt für Schritt den Weg zurück in ein selbständiges Leben finden
von Julia Rudorf, 04.01.2018

Mit einem Bein wieder gehen lernen: Rayko Z. bei der Physiotherapie

W&B/Andreas Müller

Rayko Z. legt sich ins Zeug. Ein breites Gummiband spannt sich um seine Mitte, die Enden hält der Gangschullehrer Marian Blanke fest in der Hand. Wie Zügel. Rayko Z. stemmt die Füße in den Boden. Den rechten, der ihn schon sein Leben lang getragen hat. Und den linken, an den er sich erst noch gewöhnen muss – seine Prothese.

"Bin ich hier schon wieder das Zugpferd für euch", sagt er. "Gegen Widerstand angehen ist ein super Training", erwidert sein Therapeut. Gut für Gleichgewicht und Kraft. Und für das Vertrauen, wieder auf beiden Beinen stehen zu können.

Den Schmerz abtrennen

Dass Z. an diesem Tag im September schon wieder durch den Gymnastikraum im Keller des Unfallkrankenhauses Berlin gehen kann, hätte er vor einigen Monaten selbst nicht geglaubt. Sein linkes Bein besaß er da noch – aber es war sein größtes Handicap.

Der leitende Angestellte hatte auf dem Heimweg von der Arbeit einen Unfall, wurde operiert. Sein Bein infizierte sich, gegen die Keime half kein Antibiotikum, die Wunde wollte nicht heilen. Zu den offenen Stellen kamen die Schmerzen. Sie raubten ihm den Schlaf, auch starke Schmerzmittel verschafften ihm nur kurz Linderung. "Ich dachte dann oft an meine kleine Tochter und dass sie mich braucht. Sonst wäre ich vielleicht verzweifelt."

Angst vor der Prothese

Irgendwann fragte Rayko Z. ein Arzt, ob er schon mal über eine Amputation nachgedacht habe. Hatte Z. nicht. Eine Amputation war für ihn weit weg. "Damit verband ich Kriegsversehrte mit Holzprothesen, vor denen ich als Kind solche Angst hatte." Er wollte nicht, dass sich sein Kind vor ihm fürchtet.

Vielfältige Gründe für eine Amputation

Prothesenträger sind heute weniger sichtbar. Dabei verlieren hierzulande jedes Jahr Tausende Menschen einen Körperteil: durch Unfälle, Krebserkrankungen, Infektionen, Gefäßverschlüsse. Diabetes und Arteriosklerose sind in Deutschland die häufigsten Gründe für eine Amputation. Nach den Krankenhausdaten des Statistischen Bundesamts wurden im Jahr 2014 insgesamt rund 57.000 Amputationen vorgenommen. Der Bundesverband für Menschen mit Arm- oder Beinamputation schätzt, dass momentan etwa 300.000 Personen in Deutschland mit einer Beinprothese leben.

Der Verlust hat weitreichende Folgen. Anfangs der Wundschmerz, häufig gefolgt von Phantom-Empfindungen oder -Schmerzen.

Dr. Melissa Beirau

W&B/Andreas Müller

Weitere mögliche Probleme

Auch die Stellen, an denen der Körperteil abgetrennt wurde, können Probleme machen. Stumpfschmerzen, Durchblutungsstörungen, Druckstellen oder Wunden sind keine Seltenheit.

Manche Schwierigkeiten ließen sich vermeiden. Das Abtrennen eines Körperteils gilt in der Medizin als therapeutisch allerletzte Wahl. "Amputationen werden von Ärzten häufig unterschätzt", sagt die Unfallchirurgin Dr. Melissa Beirau. Sie betreut am Unfallkrankenhaus in Berlin auch die Prothesenreha­bilitation. "Die Weiterbildung der Opera­teure könnte den Therapieerfolg steigern."

Die Kunst ist die Zusammenarbeit

Bei ihr in der Klinik will man die Belastung für Betroffene möglichst gering halten, unter anderem mit einer gut geplanten Nachsorge. Die Mediziner arbeiten dazu eng mit Orthopädietechnikern, Physiotherapeuten und Psychologen zusammen. Die Wege sind kurz, nicht nur für die Patienten. Bei geplanten Amputationen stehen schon mal Prothesentechniker mit im OP. Oder sie besprechen vorab mit Chirurgen den Eingriff, damit später eine Prothese möglichst gut angepasst werden kann.

Orthopädietechnikermeister und Prothesenspezialist Christian Hartz

W&B/Andreas Müller

"Auch die beste Prothese der Welt kann hinterher Probleme am Stumpf nicht ausgleichen", sagt Christian Hartz. Der Orthopädietechnikermeister ist Spezialist für Prothesenversorgung und zum Beispiel mit dabei, wenn Patienten wie Rayko Z. nach der Amputation eine erste sogenannte Interimsprothese bekommen und damit gehen lernen.

Beratung in der Prothesen-Sprechstunde

Auch eine Prothesen-Sprechstunde gibt es am Unfallkrankenhaus Berlin, in der Mediziner, Sporttherapeut und Orthopädietechniker gemeinsam mit den Patienten nach Lösungen für auftretende Probleme suchen. Der Erfolg hänge dabei nicht unbedingt von der technischen Perfektion des künst­lichen Körperteils ab, so Hartz.

"Entscheidend für die Rehabilita­tion ist der Kopf", erzählt der Orthopädie-Experte. Etwa jeder vierte Prothesenträger erlebt nach der Amputation Ängste und Depressionen. Spezialisierte Traumapsychologen können dann bei der Bewältigung helfen. Rayko Z. fand zusätzlich Unterstützung bei sogenannten Peers – Menschen, die selbst bereits länger mit einer Prothese leben und Pa­tienten in der Klinik besuchen. Seit 2012 unterstützen solche ehrenamt­lichen Helfer Betroffene am Unfallkrankenhaus Berlin.

Hier finden Sie Hilfe

  • Beratung: Beim Bundesverband für Menschen mit Arm- und Bein­amputation gibt es Informationen zu Selbsthilfegruppen und Peer-­Beratung: www.bmab.de.
  • Vorbereitung: Viele Amputationen sind planbar. Krankenkassen können bei der Suche nach spezialisierten Krankenhäusern helfen.
  • Rehabilitation: Im besten Fall verfügt die Reha-Einrichtung über spezielle Therapieangebote für Prothesenträger, etwa eine Gehschulung sowie Orthopädietechnik.

Etappenziel Badesee

Eine der ersten Peers war Dagmar Marth. Vor über 30 Jahren verlor die frühere Sportlehrerin nach einem Unfall einen Arm und ein Bein. "Damals hätte ich mir jemanden gewünscht, der mir mit seiner Erfahrung helfen kann." Heute wirbt sie für ein anderes Verständnis, will Einstellungen verändern, vermitteln, dass ein Leben mit Prothese nicht von Defiziten bestimmt wird. "Das Leben geht weiter nach einer Amputation. Jemand wie ich kann das glaubhaft vermitteln."

Dagmar Marths ruhige Tatkraft beeindruckte auch Rayko Z.: "Ein Mediziner kann einem vielleicht theo­retisch erklären, wie gut ein Leben mit Prothese funktionieren könnte. Ein Betroffener zeigt einfach, dass es geht." Ob es sich um praktische Fragen zu Anträgen, Sportangeboten oder den Umgang mit diffusen Ängsten handelt: Die Peers helfen in der Beratung den Patienten bei vielen Themen weiter.

Schulung zum Helfer für Betroffene

Rayko Z. hat schon sein nächstes Etappenziel vor Augen: Im nächsten Sommer will er mit seiner Tochter wieder zum Baden gehen. Und dann, irgendwann, auch selbst Helfer werden. Denn bundesweit gibt es noch nicht sehr viele Peers in Krankenhäusern.

Eine entsprechende Schulung am Berliner Unfallkrankenhaus hat er schon besucht. "Ich habe trotz allem so viel Glück gehabt. Jetzt ist doch ein guter Zeitpunkt, davon etwas weiterzugeben."


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