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Kontaktlinsen: Augen auf bei der Wahl

Die Sehhilfen gibt es weich oder formstabil, als Tageslinsen oder für länger, zur Korrektur von Sehfehlern oder zu kosmetischen Zwecken. Was bei der Wahl wichtig ist

von Julia Rudorf, 22.02.2017

Die beste aller Kontaktlinsen müsste schon einiges können: sämtliche Sehfehler ausgleichen und sich wochenlang problemlos tragen lassen. Das Einsetzen wäre kinderleicht und die Reinigung kein Thema. "Leider gibt es so eine Linse noch nicht", sagt Dr. Adrian Gericke. Der Augenarzt leitet an der Universitätsmedizin Mainz die Kontaktlinsen-Sprech­stunde.

Die Nachfrage der Deutschen nach Kontaktlinsen ist trotzdem groß: Von den rund 40 Millionen Bundesbürgern, die eine Sehhilfe benötigen, greifen nach einer Allensbach-Umfrage mehr als 3,5 Millionen täglich zu Kontaktlinsen – und zwar am liebsten zu weichen. Im Branchenbericht der Augenoptiker von 2016 kommen allein die weichen ­Tageslinsen auf einen Marktanteil von mehr als 60 Prozent. Harte oder formstabile Produkte dagegen machen ­­lediglich 7,5 Prozent aus.

Optiker und Augenarzt helfen beim Aussuchen

Linse ist also nicht gleich Linse. Manche Modelle trägt man eine Woche, andere einen Monat oder noch länger. Und ­sogenannte Tageslinsen können nur einen Tag benutzt werden. Zur Wahl stehen zudem unterschiedliche Materialien und verschiedenste Stärken.

Aus dem riesigen Angebot das richtige Modell herauszufinden braucht Erfahrung: "Wenn die Linse nicht gut zum Auge passt, können Probleme entstehen", sagt Gunther Oesker, Diplomingenieur für Augenoptik aus Stuttgart. Die Bindehaut kann gereizt, das Sehen beeinträchtigt werden. Auch die Versorgung der Hornhaut wird eventuell in Mitleidenschaft gezogen.

Wer Kontaktlinsen ausprobieren will, sollte sie sich bei einem Augenarzt oder Optiker anpassen lassen. Dabei untersucht er nicht nur die Augen, sondern fragt auch viele Details und Anforderungen ab. Zum Beispiel, ob die Linsen beim Sport getragen werden sollen.

Beruf beachten: Weiche Linsen für harte Kerle

Außerdem spielt der Beruf eine Rolle, sagt Gericke. Wer etwa als Handwerker oft in staubiger Umgebung arbeite, für den seien harte Kontakt­linsen nicht empfehlenswert: "Die ziehen Staubkörnchen an wie ein Magnet." Eingeklemmt zwischen künstlicher Linse und Hornhaut würden die Partikel das Auge schnell reizen. Auch wer bei der Arbeit viel am Computer sitzt, kommt mit den formstabilen Modellen oft besser zurecht.

Um abzuklären, ob aus medizi­nischer Sicht etwas gegen die Alternative zur Brille spricht, wird der ­vordere Augenabschnitt untersucht: Binde- und Hornhaut, Linse und Iris. Welche Störung muss die Sehhilfe korrigieren? Und wie steht es um den Tränenfilm des Patienten? Kontaktlinsen liegen nämlich nicht direkt auf der Hornhaut, sondern schwimmen auf einem dünnen Film aus Tränenflüssigkeit – und sind im Auge eigentlich ein Fremdkörper. Werden die Linsen nicht ausreichend von Flüssigkeit umspült, können sie zu einer Qual werden.

Weiche Linsen bei trockenen Augen ungünstig

"Trockene Augen sind die häufigste Ursache, weshalb Patienten keine Kontaktlinsen mehr nutzen. Wenn die Augen ständig gereizt sind, kapitulieren viele", weiß Mediziner Gericke. Nicht nur die Menge der Tränenflüssigkeit ist entscheidend, sondern auch deren Zusammensetzung. Reißt der Tränenfilm etwa, fühlen sich Linsen ebenfalls unangenehm an.

Bei trockenen Augen sind weiche Modelle eher ungünstig. Das liegt am Material: Sie bestehen aus Hydrogel oder Silikon-Hydrogel, also zu einem großen Teil aus Wasser. Das weiß ­jeder, der schon einmal eine weiche Kontaktlinse verloren und nach län­gerer Zeit wiedergefunden hat – geschrumpft, hart, vertrocknet. Das Wasser aus dem Material verdunstet schnell. "Im Auge kann man sich das wie einen Schwamm vorstellen, der dem Auge Feuchtigkeit entzieht", erklärt die Optometristin Silke Lohrengel, die an der Uniklinik Freiburg die Kontaktlinsen-Sprechstunde betreut.

Formstabile Linsen dagegen be­stehen aus sauerstoffdurchlässigen Kunststoffen. Sie entziehen den Augen kein Wasser und werden deshalb bisweilen besser vertragen.

Formstabile Kontaktlinsen müssen oft individuell angepasst werden

Nach den medizinischen Untersuchungen bekommt der Patient Probelinsen, die er etwa 20 Minuten im ­Auge behält. Anschließend wird kontrolliert, wie die Sehhilfe sitzt. Weiche Modelle empfinden viele Menschen auf Anhieb als angenehm, auch wenn sie gar nicht optimal passen. Expertin Silke Lohrengel: "Das kann man mit einem Mantel vergleichen: Sie können ihn tragen, auch wenn er zu groß ist. Er drückt ja nicht."

An formstabile Linsen dagegen muss man sich oft erst gewöhnen. Dafür gleichen diese manche Sehfehler, etwa Hornhautverkrümmungen, besser aus. Sie können sehr individuell an das Auge des Trägers angepasst werden, erklärt Experte Gunther Oesker. "Die meisten festen Linsen können im Labor nachträglich bearbeitet werden, etwa um den Tragekomfort zu erhöhen."

Dioptrienzahl kann von Brille abweichen

Werden Linsen richtig angepasst, entspricht die Dioptrienzahl oft nicht mehr der, die im Brillenpass steht. Die richtige Stärke einer Sehhilfe hängt auch davon ab, wie weit sie vom Auge entfernt ist. Während ein Brillenglas immer ein Stück weit weg sitzt, liegt die Linse direkt im Auge. Wer sich seine Linsen selbst aussucht, sieht damit deshalb unter Umständen schlechter als mit Brille.

Ein Wermutstropfen, wenn man zum Profi geht: Die Kontaktlinsen­­anpassung wird von den Krankenkassen nicht bezahlt. Die Kosten sind unterschiedlich hoch – am besten vorab informieren.

Hygiene: Weiche Kontaktlinsen besonders sorgfältig pflegen

Bei einer guten Anpassung geht es immer auch um Reinigung und Desinfektion (siehe unten). "Vor allem bei weichen Kontaktlinsen ist das ein Haupt­thema", betont Silke Lohrengel. Deren Material können Keime schnell besiedeln und im Auge Binde- oder Hornhautentzündungen verursachen.

Typisch sind auch Entzündungen unter dem Oberlid, die sogenannte Riesenpapillen-Konjunktivitis. "Auslöser sind Verschmutzungen auf der Linse, durch die es zu einer allergischen Reaktion der Bindehaut kommt", erklärt Augenarzt Gericke. Achten Sie auch darauf, dass das verwendete Pflegemittel keine Konservierungsstoffe enthält. Ohne ein bisschen Aufwand bekommt man bislang keine gute Linsen-Hygiene – zumindest solange die perfekte Linse noch nicht erfunden wurde.

Tipps zu Hygiene und Pflege
Worauf Linsenträger achten sollten

  • Bevor Sie Kontaktlinsen berühren: Hände gründlich waschen.
  • An die Hygiene- und Pflege­empfehlung des Herstellers halten, sie liegt der Packung bei.
  • Für die Reinigung die Linse auf die Innenfläche der sauberen Hand legen. Einige Tropfen Reinigungslösung darauf geben und etwa 20 Sekunden mit einem Finger – am besten dem kleinen – vorsichtig reiben.
  • Zur Desinfektion die Kontaktlinsen in entsprechender Lösung lagern.  
  • Ob Kombilösungen oder Zwei-­Phasen-Systeme zur Reinigung für Ihre Linsen besser geeignet sind, weiß Ihr Arzt oder Optiker. Zwei-Stufen-Desinfektions­lösungen gelten als besonders sicher.
  • Kombinieren Sie nicht die Reinigungslösung eines Herstellers mit der Desinfektionslösung einer anderen Firma. Unter Umständen vertragen sich die Inhaltsstoffe nicht.
  • Bedenken Sie, dass Konservie­rungs­­mittel in Pflegeprodukten ­­Augenprobleme verursachen oder verstärken können.
  • Auch Kontaktlinsenbehälter müssen gereinigt werden – etwa mit steriler Kochsalzlösung spülen.
  • Den Linsenbehälter auf keinen Fall in die Geschirr­spülmaschine geben. ­­Dadurch können sich Keime ansammeln.
  • Kontaktlinsenbehälter regelmäßig austauschen.