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Blaues Licht: Umstrittenes Leuchten

Blaues Licht spielt in unserem Alltag eine immer wichtigere Rolle. Studien zeigen: Es beeinflusst auch unsere Gesundheit

von Henning Engeln, 25.10.2019
Leuchtdioden

Viele Bildschirme benutzen LEDs mit einem hohen Anteil an blauem Licht


Smartphones, hauchdünne Tablets, moderne Computerbildschirme und flunderflache Fernsehgeräte - ohne moderne LED-Technik sind sie nicht vorstellbar. Auch bei der Beleuchtung von Straßen und in unseren Wohnräumen dominieren die energiesparenden Leuchtdioden nicht mehr.

Hinweise auf Gesundheitsschäden

Wenn wir viele Stunden aus nächster Nähe auf glimmende Bildschirme schauen und uns ständig in einer von LEDs erhellten Umgebung aufhalten, bleibt das allerdings nicht ohne Folgen: Übermüdete, trockene Augen hatte wohl jeder schon einmal.

Wissenschaftler vermuten allerdings noch weit unangenehmere Konsequenzen: Die Kurzsichtigkeit nimmt dramatisch zu, manche Studien weisen darauf hin, dass der hohe Anteil blauen Lichts in den LEDs die Netzhaut schädigen kann, es wird sogar ein Zusammenhang zwischen der nächtlichen Beleuchtung und einigen Krebsarten diskutiert.

Je höher der Bildungsabschluss, desto kurzsichtiger?

Immer mehr Menschen in Europa sind kurzsichtig. Laut einer Studie im European Journal of Epistemology leiden inzwischen rund 47 Prozent der 25- bis 29-Jährigen an sogenannter Myopie, aber nur 28 Prozent der 55- bis 59-Jährigen.

Und die Gutenberg-Gesundheitsstudie kommt zu dem Ergebnis, dass 53 Prozent der Hochschulabsolventen kurzsichtig sind, aber nur knapp ein Viertel der Menschen ohne Ausbildung oder höheren Schulabschluss.

Fachleute begründen den Zusammenhang damit, dass junge Menschen an Schule und Uni sehr viel Zeit Drinnen verbringen und stundenlang in Bücher und zunehmend auch auf Smartphones und Tablets starren.

Eine Frage der Nutzung

"Kurzsichtigkeit hat unter anderem etwas mit dem wachsenden Auge zu tun", erklärt Professor Olaf Strauß vom Bereich für experimentelle Augenheilkunde an der Charité in Berlin.

"Wenn man häufig auf nahe Gegenstände fixiert, während das Auge noch wächst, kann es zu einem verstärkten Längenwachstum des Augapfels kommen", so der Netzhautforscher. "Dann entsteht das scharfe Bild nicht auf, sondern kurz vor der Netzhaut."

Mit den LEDs in den Smartphones hat die Myopie allerdings nicht direkt zu tun. Vielmehr ist das Nutzungsverhalten entscheidend. Es gibt jedoch eine andere Eigenschaft der Leuchtdioden, die inzwischen vielen Experten Sorge macht: Der hohe Anteil an blauem Licht.

Mehr Licht, weniger Durchblick

Viele epidemiologische Untersuchungen zeigen, dass ein Zuviel generell gefährlich ist und die Makula schädigen kann. Das ist jener Bereich des schärferen Sehens, an dem sich besonders viele lichtempfindliche Zellen, die Fotorezeptoren, konzentrieren.

Wissenschaftler der Forschungsinstitution INSERM testeten nun im Laborversuch die Wirkung verschiedener Lichtquellen bei unterschiedlichen Intensitäten. Es zeigte sich, dass der blaue Lichtanteil der LEDs bereits bei einer Intensität von 500 Lux - das entspricht der üblichen Helligkeit in Wohnräumen - Defekte an der Makula verursacht.

Zwar arbeiteten die Forscher nicht mit echten Probanden, dennoch sagt Professor Albert J. Augustin, Direktor der Augenklinik am Städtischen Klinikum Karlsruhe: "Ich glaube, dass man diese Ergebnisse auf den Menschen übertragen kann und auch muss."

Eine entsprechende Studie am Menschen wäre kaum realisierbar und ethisch nicht vertretbar.

Sehzellen sterben früher ab

"Das gebündelte Licht fällt auf die Netzhaut und reagiert dort mit dem reichlich vorhandenen Sauerstoff", erklärt Olaf Strauß, wie das energiereiche blaue Licht auf unsere Sehzellen wirkt. "Dabei entstehen giftige Verbindungen aus den Stoffwechselprodukten der Zellen, die sich ein Leben lang anreichern und Zellbestandteile schädigen."

In der Regel würden erst ab dem 60. Lebensjahr Sehzellen absterben und es könne zur altersbedingten Makuladegeneration kommen - eine permanente Dusche mit energiereichem Licht würde diesen Prozess beschleunigen.

Verdacht: Risiko für Krebs steigt

Und die modernen Beleuchtungsmittel bergen womöglich noch andere Risiken: Eine im April publizierte Studie mit mehr als 4000 Teilnehmern zwischen 20 und 85 Jahren aus elf Regionen Spaniens nährt den Verdacht, Blaulicht könne die Entstehung einiger Krebsformen begünstigen.

Die Forscher hatten die Daten von Brustkrebspatientinnen und Prostatakrebs-Patienten analysiert, mit gesunden Kontrollpersonen verglichen und dabei erfasst, wie intensiv die jeweiligen Personen Blaulicht im Außenbereich und im Haus augesetzt waren.

Das Ergebnis: Bei Menschen, die in einer blaulichtreichen Umwelt lebten, war das Brustkrebs-Risiko 1,5-fach höher und das Prostata-Krebsrisiko doppelt so hoch.

LED stört den Schlaf

Den spanischen Wissenschaftlern zufolge unterdrückt eine vermehrte Blaulichtdosis vor dem Zubettgehen die Bildung des Hormons Melatonin, das den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert. Ein Melatoninmangel wiederum, so zeigen andere Studien, könnte in Zusammenhang mit hormonabhängigen Tumoren - wie eben Brust- oder Prostatakrebs - stehen.

Einen Beweis für diesen Mechanismus liefert die spanische Studie zwar nicht, sie stellt lediglich eine statistische Verknüpfung her und keine Kausalkette. Das ist das Hauptproblem solcher beobachtenden Studien: dass man verschiedene mögliche Ursachen nicht eindeutig voneinander trennen kann.

Denn Menschen, die nachts lange aufbleiben oder Schichtarbeit absolvieren, haben häufig auch andere Ernährungsgewohnheiten oder ein anderes Gesundheitsbewusstsein als der Durchschnitt.

Experten erwarten Eingreifen der Politik

Dennoch sind die Menschen beunruhigt, wie auch beim Krebsinformationsdienst (KID) des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg zu spüren ist: "Wir erhalten viele Anfragen, ob nächtliches Licht, Schichtarbeit oder die Nutzung von Handy oder Tablet in der Nacht möglicherweise das Krebsrisiko steigern", sagt KID-Mitarbeiterin Dr. Birgit Hiller.

"Doch die bisherigen Studien sind zu widersprüchlich und es besteht keine Sicherheit bezüglich der tatsächlichen Zusammenhänge."

Augenspezialist Augustin sieht angesichts der möglichen Gefahren durch die modernen Leuchtmittel den Gesetzgeber in der Pflicht: "Eigentlich wären die Behörden in Brüssel gefragt, darauf hinzuwirken, dass die LEDs einen geringeren Blauanteil bekommen."

Selbst aktiv werden

Doch jeder könnte auch selbst etwas tun, zum Beispiel zu Hause auf die Leuchtdioden verzichten oder Brillengläser nutzen, die den Blauanteil reduzieren. Es gebe bereits ganz normale, nicht getönte Gläser zu kaufen, die die Lichtbelastung im Haus vermindern können.

Olaf Strauß hält es im häuslichen Bereich für ausreichend, sich mit sogenannten warmweißen LED-Lampen auszurüsten: "Bei diesen ist der Blaulichtanteil deutlich reduziert. Auf den Verpackungen ist die Wärme des Lichts in Kelvin angegeben; bei einer Farbtemperatur unter 3000 Kelvin hätte ich keine Bedenken."

Blaues Licht vor dem Einschlafen meiden

Den relativ geringen Blaulichtanteil in Smartphones, Bildschirmen oder Fernsehgeräten halten die meisten Experten dagegen für kaum gefährlich für die Netzhaut. Abends allerdings sollte man die Geräte nicht ohne zusätzliche Beleuchtung im Zimmer nutzen. Denn in dunkler Umgebung weiten sich die Pupillen und mehr blaues Licht kann auf die Netzhaut fallen.

Viele Computer und Handys haben daher inzwischen einen speziellen Nachtmodus, bei dem der blaue Lichtanteil reduziert wird und das Bild in einem wärmeren, gelblichen Ton erscheint. Das hat einen weiteren Vorzug: Wer die letzten News des Tages bei Schlummerlicht checkt, kann leichter einschlafen.