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Augenleiden Keratokonus: Instabile Hornhaut

Verzerrte Welt – Ist die Hornhaut instabil, schwächt das die Sehleistung massiv. Krankenkassen zahlen jetzt eine OP

von Barbara Kandler-Schmitt, 13.12.2018
Optische Kohärenztomographie

Optische Kohärenztomographie: Ein Krümmungsbild zeigt den Zustand der Hornhaut


Schon wieder ist die Brille zu schwach. Dabei wurde sie erst vor drei Wochen neu angepasst – bereits zum dritten Mal in diesem Jahr. "Wenn sich die Brillenglaswerte in kurzer Zeit auffällig oft verändern, sollten Betroffene unbedingt zum ­Augenarzt gehen", betont Professor Bert­hold Seitz, Direktor der Klinik für ­Augenheilkunde am Universitätsklinikum des Saarlandes. Häufig stecke eine Erkrankung namens Keratokonus dahinter.

Bei diesem Augenleiden, das oft schon bei Jugendlichen auftritt, ist die Hornhaut instabil. Sie verformt sich zu einem unregelmäßigen Kegel, dünnt zunehmend aus und kann im schlimmsten Fall sogar reißen. "Jede Messung der Sehschärfe ist dann nur eine Momentaufnahme. Das Ergebnis kann wenige Tage später wieder ganz anders ausfallen", erklärt Seitz, der in Homburg das ­Keratokonus-Center leitet. Oft verschlechtert sich die Erkrankung langsam bis Mitte 30 und kommt dann zum Stillstand.

Doppelbilder, Schlieren, Schatten

Durch die unregelmäßige Krümmung der Hornhaut kann das Licht nicht mehr auf einen bestimmten Brennpunkt fokussiert werden. Die Betroffenen nehmen die Umwelt zunehmend verzerrt wahr, sehen Doppelbilder, Schatten, Schlieren sowie Ringe und Strahlen um Leuchtquellen. Nachts und in der Dämmerung ist die Sicht wegen der erhöhten Blendungsempfindlichkeit besonders stark beeinträchtigt.

In Deutschland trifft es etwa einen von 2000 Menschen; Männer doppelt so häufig wie Frauen. Meist tritt der Keratokonus zeitversetzt an beiden Augen auf. Vielfach bleibt er unentdeckt. "Vor allem im Anfangsstadium wird er oft mit einer einfachen Hornhautverkrümmung verwechselt und falsch behandelt", sagt Seitz.

Keratokonus

Einen Keratokonus sicher zu diagnostizieren, sei nicht ganz einfach. So müsse der Augenarzt die Hornhautoberfläche und -dicke vermessen und ein computerbasiertes flächiges Krümmungsbild erstellen. "Die Untersuchung mit der Spaltlampe reicht da nicht aus", betont Seitz.

Stabilisierende Linse

Die Erkrankung ist nicht heilbar, ­allerdings lässt sich ihr Fortschreiten bremsen. Experten empfehlen daher eine frühzeitige Behandlung. "Je eher­ ein Keratokonus entdeckt und stabi­lisiert wird, desto größer ist die Chance, eine Hornhaut-Transplanta­tion zu vermeiden", sagt etwa Professor Burkhard Dick von der Universitäts-Augenklinik Bochum.

Eine gering ausgeprägte Verformung und Ausdünnung der Hornhaut lässt sich zunächst mit einer Brille ausgleichen. Im weiter fortgeschrittenen Stadium sind formstabile Kontaktlinsen oder spezielle Keratokonus-Linsen erforderlich. "Darunter bildet sich ein Tränenfilm, der Un­ebenheiten der Hornhaut ausgleicht und einen annähernd normalen Seh­eindruck ermöglicht", erklärt Dick.

Gut vernetzte Hornhaut

Rund 80 Prozent der Betroffenen kommen dauerhaft mit harten Kontaktlinsen zurecht. Bei fortschreitender Krankheit empfehlen Augenärzte zusätzlich operative Therapien. Inzwischen vielfach bewährt hat sich dabei das sogenannte Cross-Linking, eine biochemische Verhärtung der Hornhaut. Mit dem B-Vitamin Ribo­flavin und UV-A-Strahlen werden die Kollagenfasern der Hornhaut stärker vernetzt. "Damit lässt sich die Er­krankung zwar nicht heilen, ihr Fortschreiten aber in vielen Fällen stoppen", sagt Seitz.

Das Cross-Linking empfiehlt der Keratokonus-Experte vor allem jüngeren Patienten mit rasch verlaufender Krankheit – zumal es vor Kurzem zur Kassenleistung geworden ist. Die Vernetzungsbehandlung wird ambulant durchgeführt, die Augen werden dabei betäubt. Vor der etwa 30-minütigen Bestrahlung mit UV-A-Licht trägt der Arzt die oberste Hornhautschicht ab, damit das Riboflavin besser ins Gewebe eindringt. Patienten müssen deshalb in den ersten Tagen nach der Operation mit Schmerzen und Fremdkörpergefühl rechnen.

Schonendere Therapie

Die Augenklinik am Universitätsklinikum Bochum bietet eine schonendere Therapie an – das sogenannte Customized Cross-Linking. "Bei dieser Weiterentwicklung der konventionellen Methode können wir die Intensität der Behandlung individuell an den Befund anpassen", erklärt Chefarzt Dick. Die krankhafte Wölbung der Hornhaut lasse sich dabei auch punktuell lindern, es müsse nicht die gesamte Hornhaut behandelt werden. Nachteil: Die Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür derzeit nicht.

Im Alter wird es besser

Eine Alternative sind straffende Kunststoff­ringe, die in die Hornhaut eingepflanzt werden. Sie können den Krankheitsverlauf bremsen, indem sie die Krümmung abflachen. "Dieses Verfahren empfehlen wir vor allem Patienten, die keine formstabilen Kontaktlinsen vertragen", sagt Seitz.

Bei langsam fortschreitender Krankheit zahle sich manchmal auch einfach ­­Geduld aus, wie der Keratokonus-Experte ­erklärt: "Mit zunehmendem Alter verhärtet die Hornhaut von selbst, sodass der natürliche Alterungsprozess die Krankheit aufhält." Nur in besonders schweren Fällen kann eine Hornhaut-Transplantation notwendig werden.

Ursache unbekannt

Warum es zu den Vorwölbungen der Hornhaut kommt, ist nicht völlig geklärt. "Vermutlich sind die Kollagenmoleküle im bindegewebigen Stützgerüst der Hornhaut zu wenig vernetzt. Das verringert ihre biomechanische Stabilität", sagt Seitz.

Neben einer genetischen Ver­anlagung scheinen das Immunsystem sowie eine Schilddrüsenunterfunktion eine Rolle zu spielen. "Auch heftiges und häufiges Augenreiben erhöht das Risiko", sagt Seitz. Bei bereits bestehender Krankheit kann es zu akuten Verschlechterungen kommen.