Neuer Wirkstoff gegen Asthma?

Ein Antikörper linderte in einer Studie schweres Asthma effektiv. Er greift direkt in den Entzündungsprozess ein. So kann er die Anzahl der Asthmaanfälle deutlich verringern

von Nina Himmer, 19.01.2018

Frei durchatmen – für Asthmapatienten keine Selbstverständlichkeit


Anfang September 2017 veröffentlichte das renommierte New England Journal of Medicine die Ergebnisse einer ­Studie, die bei Ärzten und in Finanzkreisen Aufsehen erregte. Das Fazit der Forscher zu einem neuen Asthma-Mittel fiel derart positiv aus, dass der Aktienkurs des Herstellers noch am selben Tag in die Höhe schoss und Mediziner aufhorchten.

"Die Daten sind tatsächlich beeindruckend", sagt Professor Roland Buhl, Pneumologe am Universitätsklinikum Mainz – und mahnt dennoch zur Zurückhaltung: "Ich habe schon zu viele Wirkstoffe gesehen, die große Erwartungen geweckt haben und dann doch gescheitert sind. Es gilt also abzuwarten, ob sich der Wirkstoff auch in der nächsten Stu­dienphase an einer größeren Gruppe von Patienten bewährt."

Asthmaanfälle um bis zu 70 Prozent reduziert

"Tezepelumab" lautet der sperrige Name des neuen Hoffnungsträgers. Er reduzierte die Anfälle der Versuchs­teilnehmer um bis zu 70 Prozent, nachdem man diese ein Jahr lang ­damit behandelt hatte. Beteiligt waren ausschließlich Menschen, deren Symp­tome sich mit gängigen Therapien kaum kontrollieren ließen. 10 bis 15 Prozent aller Asthmapatienten gehören zu dieser Gruppe: Sie benötigen Kortison-Tabletten samt all ihren bedenklichen Nebenwirkungen.

Für sie könnte Tezepelumab künftig eine Alternative darstellen. Doch wie lassen sich die erstaunlichen Studien­ergebnisse erklären? "Es handelt sich um eine neue Generation von Antikörper-Wirkstoffen, die zu einem sehr frühen Zeitpunkt in die Entzündungskaskade des Körpers eingreifen", ­erklärt Experte Buhl. Dadurch könnten sie bei unterschiedlichen Asthmaformen helfen.

Wie wirken Antikörper?

Antikörper sind maßgeschneiderte Proteine, mit denen das Immun­system Erreger erkennt und bekämpft. Dieses Prinzip machen sich Mediziner zunutze, um damit Krankheiten zu behandeln. Bei Asthma beispielsweise, das auf einer Überreak­tion des Immunsystems beruht, schalten gentechnisch hergestellte Antikörper bestimmte Immun­reak­tionen gezielt aus.

Deshalb kommen diese Wirkstoffe schon seit Jahren bei der Behandlung zum Einsatz – mit guten Ergebnissen. Die bisher auf dem Markt befind­lichen Mittel hemmen Botenstoffe wie Immunglobulin E (IgE) oder die Interleukine 4, 5 und 13, die bei Asthma eine entscheidende Rolle spielen. Die Nebenwirkungen fallen dabei sehr moderat aus. Darin unterscheiden sich die Asthma-Antikörper deutlich etwa von jenen, die gegen Krebs eingesetzt werden.

Noch keine Zulassung

"Aus medizinischer Sicht ist das Potenzial solcher Mittel enorm", sagt Dr. Thomas Hering vom Berufsverband Deutscher Pneumologen. Er kritisiert allerdings, dass es bisher keine klaren Regeln gibt, an denen sich Ärzte bei einer Verordnung orientieren können. Deshalb zögern sie, Rezepte dafür auszustellen.

Tezepelumab ist noch nicht zugelassen und muss sein Potenzial nun in einer größeren Studie belegen. Gelingt dies, kommt das Medikament trotzdem nur für eine kleine Gruppe von Betroffenen in Betracht – in Deutschland schätzungsweise für etwa 80 000 bis 100 000 Patienten. Nicht nur, weil die meisten Patienten mit den gängigen Sprays ihr Asthma gut beherrschen, sondern auch, weil die Antikörper teuer sind. "Über ein Jahr betrachtet, kostet eine Behandlung mit Kortison etwa 1000 Euro. Setzt man stattdessen Antikörper ein, schlägt das mit der zwanzigfachen Summe zu Buche", sagt Hering.

Alternative zu Kortisontabletten

Ein Gewinn wäre der Wirkstoff dennoch für jene Menschen, die dauerhaft Kortison in Tablettenform schlucken müssen. Eine solche Therapie ist meist mit erheblichen Nebenwir­kungen verbunden und kann zu Folge­schäden wie beispielsweise Osteoporose, starker Gewichtszunahme, Diabetes oder grauem Star führen. Buhl und Hering sind sich einig: "Für solche Patienten wäre der neue Wirkstoff eine tolle Alterna­tive."