Operation: So finden Sie gute Chirurgen

Das Ergebnis einer Operation hängt stark von der Erfahrung des Chirurgen ab. Trotzdem bieten auch Krankenhäuser ohne Expertise entsprechende Eingriffe an. Warum sich die Suche nach einer spezialisierten Klinik lohnt

von Dr. Reinhard Door, 06.09.2018
OP-Saal

Blick in einen Operationssaal: Der Erfolg des Eingriffs hängt von der Erfahrung des OP-Teams ab


Wird alles gut gehen? Bringt der Eingriff das gewünschte Ergebnis? Was, wenn es zu Komplikationen kommt? Bin ich in diesem Krankenhaus gut aufgehoben, bei diesem Chirurgen? Kann der das? Rund 17 Millionen Operationen nahmen Ärzte 2016 in deutschen Kliniken vor. Viele Patienten dürften sich vorher bange Fragen gestellt haben. Diese zu beantworten, ist gar nicht so einfach. Wie beurteilt man – vor allem als medizinischer Laie – die Qualität eines Krankenhauses?

Unzählige Studien haben sich mit dieser Thematik befasst und belegen: Wie hoch das Risiko ist, in einer Klinik zu sterben, hängt längst nicht nur von der Krankheit ab, wegen der man eingeliefert wurde. Sondern auch von der Erfahrung des Chirurgen mit dem betreffenden Eingriff. Davon, wie oft er diesen vornimmt. Von der richtigen Reaktion auf Komplikationen. Hinzu kommt die apparative und personelle Ausstattung des Hauses. Ist zum Beispiel die Intensivstation reibungslos organisiert und rund um die Uhr mit Fachkräften besetzt?

Spezialisierte Zentren statt flächendeckende Versorgung

Auch Politiker und Ärzte haben erkannt, dass solche Qualitätskriterien wichtiger sind als eine möglichst kurze Entfernung zum nächsten Krankenhaus. Spezialisierte Zentren und dazu Kliniken für die Grundversorgung, etwa Blinddarm-OPs oder die Betreuung von Patienten mit Herzschwäche – so sieht für zahlreiche Experten eine Zukunft der deutschen Krankenhauslandschaft aus. Viele Eingriffe sollen nicht mehr flächen­deckend angeboten werden, sondern nur dort, wo hohe Fallzahlen und hohe Qualität möglich sind.

Operation

"Die Zeit des chirurgischen Tausendsassas, der alle Eingriffe gleichermaßen gut beherrscht, ist vorbei", betont etwa Professor Albrecht Stier, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Visceralchirurgie (DGAV). "Und das ist auch gut so." Die DGAV und die Deutsche Krebs­gesellschaft vergeben inzwischen Zertifikate für einzelne Operationsgebiete an Kliniken, die bestimmte Kriterien erfüllen. Momentan ist das fast die einzige Möglichkeit für Patienten, sich über ein Haus zu informieren – abgesehen von den Qualitätsberichten, die jede Einrichtung erstellen muss, die für Laien aber meist unverständlich sind.

Hilfe bei der Online-Suche nach geeigneten Kliniken

Die Gesellschaft für Allgemein- und Visceralchirurgie vergibt Siegel für zehn Bereiche. Darunter Eingriffe an Leber, Schilddrüse und Speiseröhre.

Hinter diesem Angebot stehen von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierte Zentren für unterschiedliche Krebsoperationen.

Die Suchmaschine der Weissen Liste (Bertelsmann-Stiftung) basiert auf den Daten, die jede Klinik in ihrem Qualitätsbericht veröffentlicht. Neben Fallzahlen sind das Ausstattung, Personal, Patientensicherheit und Hygiene. Die Anzeige kann auf Kliniken begrenzt werden, die ein Mindestmaß an Qualität erfüllen. Viele Krankenkassen nutzen den Service auf ihren Webseiten. Auch die Apotheken Umschau ist Kooperationspartner der Weissen Liste.

DGAV-Zertifizierung: Fallzahlen, Personal und Ausstattung zählen

Als Basis der Zertifizierung dient den Chirurgen ein Register, in dem sie Daten über die Behandlung von 110 000 Patienten gesammelt haben. Nicht nur die Einhaltung von Fallzahlen ist für ein Siegel nötig, sondern auch entsprechendes Personal und Ausstattung. "Für komplexe Eingriffe an den Organen gilt die Regel 24/7", erklärt Stier. "Rund um die Uhr an allen Wochentagen brauchen wir ein Team, das geschult ist und weiß, wie es auf Komplikationen nach der Operation reagieren muss."

Krankenschwester

Mehr als 300 Kliniken haben aktuell ein Zertifikat der DGAV. Mindestens 5000 Euro kostete sie die notwendige Überprüfung für das Siegel, mit dem sie für ihre Leistungen werben können. Etwa jedes zehnte Haus ist durchgefallen. Besser wären verpflichtende Vorgaben. Derzeit gibt es nur für sieben Eingriffe solche Mindestmengen, etwa für Nierentransplantationen, komplexe Opera­tionen an der Bauchspeicheldrüse sowie den Einbau künstlicher Kniegelenke. Weitere sollen folgen. Zudem denkt man über – streng geregelte – Ausnahmen für kleinere Einrichtungen nach, die die Eingriffe zwar nicht häufig durchführen, aber dennoch die Qualitätskriterien erfüllen. 

Erforderliche Fallzahlen könnten zu unnötigen Operationen führen

Haken an der Regelung: Krankenhäusern, die sich nicht an die Fallzahlen halten, drohten bisher keine Konsequenzen. Strafen sind nicht vorgesehen, erstattet wurden die OP-Kosten in der Regel ebenfalls. Letzteres könn­te sich nun ändern. Die AOK werde Eingriffe in Kliniken, die die Mindestmengen unterschreiten, künftig nicht mehr bezahlen, kündigt der Vorsitzende ihres Bundesverbands an. Vielleicht ziehen andere Kassen nach. Wegen finanzieller Anreize könnten Mindestmengen allerdings auch den gegenteiligen Effekt haben: Statt selten durchgeführte Operationen generell nicht mehr anzubieten, könnten Kliniken versuchen, die geforderten Fallzahlen um jeden Preis zu erfüllen – und ihre Patienten zu unnötigen chirurgischen Eingriffen drängen.

Wer sich einem Eingriff unterziehen muss, sollte sich deshalb nicht nur die Frage stellen, wo er diesen am besten durchführen lässt. Sondern auch: Ist eine Operation in meinem Fall wirklich notwendig? Der Entscheidung sollten ausführliche Beratungsgespräche bei Haus- oder Facharzt sowie in der Klinik vorausgehen. Eventuell macht es zusätzlich Sinn, eine zweite Meinung einzuholen. Bei der Wahl der Klinik zeigt die reine Statistik jedenfalls deutlich: Insbesondere wenn es sich um komplizierte Eingriffe und/oder lebensbedrohliche Krankheiten handelt, steigen die Erfolgsquoten mit den Fallzahlen. 

Fünf Fragen, die Sie Ihrem Chirurgen stellen sollten

  • Würden Sie sich in meiner Situ­ation und mit meiner Diagnose ebenfalls einer solchen Operation unterziehen?
  • Wie oft haben Sie einen solchen Eingriff bereits vorgenommen? Wie viel Erfahrung hat Ihr Haus mit ­Patienten wie mir? Sollte ich lieber in ein anderes Haus gehen?
  • Wird es mir nach diesem Eingriff mit hoher Wahrscheinlichkeit dauerhaft besser gehen?
  • Gibt es Alternativen zu der ­Operation? Gibt es Behandlungsmöglichkeiten, die man vorab zu­mindest ausprobieren sollte? Lässt sich die Operation aufschieben?
  • Was würde passieren, wenn ich mich gar nicht operieren lasse?

Dennoch klaffen dabei in Deutschland Anspruch und Wirklichkeit oft weit auseinander. Das verdeutlichen etwa Abrechnungsdaten ­der AOK. Beispiel Brustkrebs: In einem Viertel der Krankenhäuser wurden 2015 weniger als acht Patientinnen operiert. Die Krebsgesellschaft fordert eine Mindestmenge von 100 Eingriffen. Dieses Ideal erreichte nicht einmal die Hälfte der über 800 Kliniken, die diese Eingriffe vornehmen. Beispiel Darmkrebs: Über 1000 deutsche Kliniken operierten Betroffene. Doch etwa die Hälfte der Häuser nahm den Eingriff weniger als 23 Mal vor. Für eine gute Qualität seien mindestens 50 Operationen erforderlich, sagt die Krebsgesellschaft.

OP-Erfahrung beeinflusst das Überleben des Patienten

Das hat Folgen, wie eine Studie der Technischen Universität Berlin zeigt. Professor Thomas Mansky, Leiter des Fachgebiets Strukturentwicklung und Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen, fand dabei heraus: Bei 20 von 25 gängigen Eingriffen hängt von der Zahl der Operationen unmittelbar ab, wie viele Patienten bereits in der Klinik sterben.  Hätten die Kliniken eine Mindestmenge eingehalten, wären deutschlandweit rein rechnerisch 280 Darmkrebskranke weniger im Krankenhaus verstorben, 124 weniger an Pankreaskrebs, 74 weniger an Lungenkrebs. Meist hätten die Patienten die Klinik nicht gesund verlassen, aber doch noch Wochen, Monate oder Jahre gelebt.

"In Deutschland gibt es einfach zu viel Gelegenheitschirurgie," sagt Christian Günster vom Wissenschaftlichen Institut der AOK. Auch er fordert, Operationen nur noch in Kliniken mit ausreichender Fallzahl vorzunehmen. Untersuchungen zeigen, dass das die flächendeckende Versorgung nicht gefährden würde. Für Darmkrebspatienten etwa würde sich der durchschnittliche Anfahrtsweg von acht auf 16 Kilometer erhöhen. Nur gut zwei Prozent der Patienten müssten weiter als 50 Kilometer vom Wohnort entfernt behandelt werden.