Knorpelschäden: Hilft eine Eigenbluttherapie?

Bei Arthrose, Tennisellbogen und Muskelverletzungen spritzen manche Orthopäden plättchenreiches Plasma ins Gelenk. Das soll kaputten Knorpel heilen. Doch die Wirksamkeit des Verfahrens ist umstritten

von Dr. Roland Mühlbauer, 29.08.2018
Mann steigt eine Treppe empor

Bis jetzt kann man kaum etwas gegen geschädigte Gelenke tun. Ob sich das durch die Eigenbluttherapie ändert, ist umstritten


Blut erfüllt im Körper zahlreiche Funktionen, zum Beispiel als Transport- und Nachrichtensystem, für die Verteilung der Wärme und die Immunabwehr. Wer sich eine Wunde zuzieht, kann dem Lebenssaft bei der Arbeit zusehen: Er bildet eine schützende Barriere und regt das umliegende Gewebe dazu an, sich zu erneuern. Da liegt es nahe, die Heilkraft des Bluts auch für innere Schäden verwenden zu wollen, wenn zum Beispiel Knorpel, Muskeln oder Sehnen angegriffen sind.

Besonders die Blutplättchen, Thrombozyten genannt, beinhalten Stoffe, die für die Regeneration des Gewebes wichtig sind, zum Beispiel Wachstums­­hormone. "Insofern eignen sich die Blutplättchen gut als Vehikel, um diese Substanzen an den gewünschten Ort zu transportieren", sagt Professor Philipp Niemeyer, der bei der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) die Arbeitsgruppe "Klinische Geweberegenera­tion" leitet.

Blutplättchen sollen Verletzungen und Arthrose heilen

Forscher ließen deshalb das Blut in einer Zentrifuge schleudern, damit sich seine Bestandteile entmischen und die Flüssigkeit in mehreren "Phasen" vorliegt. So lassen sich die für ­diese Art der Therapie überflüssigen Elemente wie die roten Blutkörperchen entfernen. Übrig bleibt plättchenreiches Plasma (PRP), eine gelbliche Flüssigkeit. Per Spritze wird sie dann dorthin injiziert, wo sie heilen soll.

Eigenbluttherapie

Zunehmend mehr Orthopäden wenden die Methode an. Zu ihren Kunden ge­­hören unter anderem Profifußballer, die sich davon eine kürzere Genesungs­­zeit nach Verletzungen versprechen. "Allein in München bieten wohl über 50 Praxen die Behandlung mit PRP an", sagt Niemeyer, der das Verfahren bei seinen Patienten selbst einsetzt. Auch Nicht-Leistungssportler können mit der Methode in Berührung kommen.

Vor allem bei beginnenden Verschleißerscheinungen der Gelenke machen viele Ärzte ihren Patienten Hoffnung, dass PRP die Beschwerden lindern kann. Zum Beispiel bei frühen Stadien der Kniearthrose. Weil es sich nicht um eine Kassenleistung ­handelt, zahlen viele die Behandlung selbst. "Wir berechnen pro Spritze ins Gelenk in etwa 100 Euro. Die Anzahl der Spritzen richtet sich nach der Indikation; oft sind zwei bis drei Spritzen nötig", sagt Niemeyer.

Dr. Stefan Sauerland

Wirkweise der Plasma-Spritzen ist noch nicht geklärt

Jedoch ist die Wirksamkeit der Methode bei Arthrose fraglich. Zwar erleben die Orthopäden durchaus Erfolge in der Praxis, wie auch Niemeyer bestätigt. Das könne aber auch ein Placebo-Effekt sein, wendet Dr. Stefan Sauerland vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) ein: "Je aufwendiger eine Behandlung, desto größer die subjektiv empfundene Wirkung einer eigentlich unwirksamen Scheintherapie." Dieses Phänomen sei bereits wissenschaftlich gut belegt, so der Experte.

Und niemand wisse bisher genau, was nach einer PRP-Spritze im Gelenk geschieht, sagt Sauerland: "PRP enthält eine Menge Substanzen, darunter Faktoren, die die Aktivität der Zellen be­einflussen – auch solche, die Entzündungsreaktionen hervorrufen. Durch die Entzündungsreaktion soll dann die Neubildung von Knorpelgewebe angeregt werden. Wie das genau funktionieren könnte und welcher Pfad aktiviert wird, ist weitgehend unbekannt."

Forschung: Studien liefern widersprüchliche Ergebnisse

Zudem habe es in den letzten Jahren zwar viele Studien gegeben, aber die meisten nur mit wenigen Teilnehmern. Manche Untersuchungen zeigten einen positiven Effekt des PRPs bei Kniebeschwerden. Andere fanden dagegen keine deutlichen Unterschiede im Vergleich zu Patienten, die eine Scheinbehandlung erhalten hatten. Eine im Fachblatt Arthroscopy erschienene Übersichtsarbeit vom März 2017 wertete die Messungen von zehn Studien mit über 1000 Patienten aus.

Nach sechs Monaten hoben sich die Ergebnisse noch nicht deutlich von den Vergleichsgruppen ab, denen Kochsalz­lösung oder Hyaluronsäure ins Gelenk gespritzt worden war. Erst nach einem Jahr gaben die Probanden mit der PRP-Therapie im Durchschnitt weniger Schmerzen an, und die Funktion ihrer Kniegelenke wurde etwas besser bewertet als in den anderen Gruppen.

Dr. Peter Jüni, der das Zentrum für ­klinische Forschung am St. Michael’s Hospital an der Universität Toronto (Kanada) leitet, schätzt jedoch die Aussagekraft dieser Übersichtsarbeit als gering ein, nachdem er sich die verwendeten Studien genauer ansah: "Die Arbeiten, die PRP mit Kochsalzspritzen vergleichen, haben alle eine zu geringe Teilnehmerzahl für ernsthafte Schlussfolgerungen."

Eigenbluttherapie so wirksam wie Hyaluronsäure - oder ein Placebo

Bei den Vergleichen mit Hyaluronsäure sind nur zwei etwas größere Studien enthalten. Bei der ersten gibt es zwar in einem Parameter bezüglich der Abnahme von Schmerzen einen Vorteil für PRP. Andere Messgrößen spiegeln aber diesen Vorteil nicht wider. Und bei der zweiten Studie ist die PRP gleichauf mit der Hyaluronsäure. "Weil sich jedoch die Wirksamkeit von Hyaluronsäure kaum von einem Placebo – also einer Scheinbehandlung – unterscheidet, steht die PRP dadurch nicht besser da."

Sauerland sieht die Studienlage ebenfalls kritisch: "Bei einer effizienten Methode und einem klar definierten Anwendungsgebiet müssten sich die Ergebnisse der einzelnen Stu­dien viel mehr ähneln." Dass sie so unterschiedlich sind, könne ­meh­rere Gründe haben: "Möglicherweise wurden im Studiendesign Fehler gemacht, zum Beispiel bei der Verteilung der Probanden auf die Behandlungs- und Kontrollgruppe."

Empfehlung zur Herstellung von PRP-Präparaten fehlt

Vielleicht liege es auch daran, dass unterschiedlich wirksame PRP-Präparate zum Einsatz kamen, vermutet Sauerland. Inzwischen gibt es weltweit ungefähr 30 verschiedene Systeme, um das Plasma zu erzeugen. Deshalb kann es sich in der Zusammensetzung unterscheiden, zum Beispiel ob es noch weiße Blutkörperchen enthält oder nicht. "Die Studien lassen aber bisher auch keinen Schluss darüber zu, welche PRP-Zubereitung die meisten Vorteile bietet", sagt Sauerland.

In der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie zur Behandlung der Kniearthrose, die Ende 2017 erschien, steht der kurze Satz: "Eine Aussage zu PRP kann noch nicht getroffen werden." Die Verfasser bemängeln ebenfalls die geringe Anzahl hochwertiger klinischer Studien. Weiter stellen sie fest: "Eine Empfehlung für ein bestimmtes Verfahren zur Herstellung von PRP kann derzeit noch nicht gegeben werden." 

Behandlungen müssen sicher, aber nicht erfolgreich sein

Wie kommt es, dass trotzdem viele Ärzte die Behandlung anbieten? "Für so eine Methode braucht es lediglich eine Genehmigung der zuständigen Landesbehörde", erklärt Sauerland. "Dort prüft man aber nicht, ob die Behandlung wirksam ist." Vielmehr geht es darum, ob bestimmte Hygiene­­standards eingehalten werden und ob es sich um ein sicheres Verfahren handelt, also die Gefahr schwerer Nebenwirkungen gering ist.

Prof. Dr. med. Philipp Niemeyer

Weil es sich um das eigene Blut eines Patienten handelt, können über das Plasma keine HI- und Hepatitis-Viren fremder Personen übertragen werden – zumindest, solange keine Präparate vertauscht und keine Spritzen mehrmals verwendet werden. Jedoch besteht grundsätzlich die Gefahr, dass durch die Punktion Bakterien eingeschleust werden und sich das Gelenk entzündet. Das Risiko liegt bei eins zu mehreren 1000. "Eine hohe Sorgfalt bei der Applikation und das Einhalten strenger Hygienemaßnahmen sind hier von großer Bedeutung", sagt Orthopäde Niemeyer.

Eigenbluttherapie ist keine Krankenkassenleistung

Damit aber so eine Methode als Kassenleistung zugelassen wird, müsste zum Beispiel die kassenärztliche Vereinigung einen Antrag einreichen, woraufhin der Gemeinsame Bundesausschuss und das IQWiG ein Gutachten zur Wirksamkeit verfassen würden. "Aber bei der derzeitigen Datenlage wäre es ein Himmelfahrtskommando, die Krankenkassenerstattung zu beantragen", meint Sauerland.

Er könnte sich zwar grundsätzlich vorstellen, bei Knieschmerzen die Methode als Patient auszuprobieren. "Aber nur im Rahmen einer gut geplanten Studie. Weil wir noch weitere Studien brauchen, um zu verstehen, ob an der Methode was dran ist." Auch Jüni stellt fest: "Leider haben wir immer noch kein Wundermittel gegen Arthrose gefunden." Also bleibe nur übrig, den Lebensstil anzupassen, um die Gelenke möglichst lange zu erhalten: sich bewegen und gegebenenfalls abnehmen.

Eigenbluttherapie in der Dermatologie: Vampir-Lifting 

Auch in der ästhetischen Medizin wird PRP eingesetzt: Beim "Vampir-Lifting", manchmal auch "Dracula-Therapie" genannt, sollen Injektionen die Haut straffen und erneuern sowie bei Aknenarben, großporiger Haut, Augenringen, Knitterhänden, faltigem Hals und Bindegewebsschwäche helfen. 

Bisher gibt es aber kaum Untersuchungen, wie der Behandlungserfolg längerfristig ausfällt. Entscheidend ist wohl die individuelle Reaktion des Körpers, weshalb sich die Wirkung schwer abschätzen lässt. Üblicherweise dürften regelmäßige Auffrischungen nötig sein.