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Leben mit sozialer Phobie

Ständig alarmbereit: Menschen mit sozialer Angst sind massiv in ihrer Lebensführung eingeschränkt. Ein Betroffener erzählt

von Diana Faust, 14.05.2019
Collage von mehreren Menschen

Die meisten kennen die Beklemmung in Situationen, in denen man sich von anderen Menschen kritisch beobachtet fühlt. In einigen Fällen entwickelt sich diese Angst zur sozialen Phobie und übernimmt die Oberhand beim täglichen Handeln


Manchmal sind es wenige Minuten, die die Weichen für ein ganzes Leben stellen. Bei Günther Fabig (63) passierte es mit 15 Jahren mitten im Schulunterricht. Er kaute Kaugummi. Das war verboten. Der Lehrer rief ihn auf vorzulesen. Fabig, der seinen richtigen Namen hier nicht lesen möchte, bekam Herz­klopfen. Seine Handflächen wurden schweißnass, sein Puls ging schneller und schneller, die Stimme drohte zu versagen. Fabig hatte das Gefühl, gleich würde ihm die Luft wegbleiben.

Getrieben von entfesselter Angst

Da war nur noch die Angst, erwischt zu werden und einen Verweis nach Hause zu bringen. Er las ein paar Zeilen, brach ab, sagte, er sei heiser. "Das kann dir jetzt immer passieren", schoss es ihm durch den Kopf. "Du bist nie wieder sicher." Der Beginn seiner sozialen Phobie, unter der Günther bis heute leidet. Und damit ist er nicht alleine.

"Rund elf Prozent der Bevölkerung leiden einmal in ihrem Leben an einer sozialen Phobie", sagt Dr. Sebastian Rudolf, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psycho­somatik am Helios-Klinikum in Schleswig. Günther hat erlebt, was entfesselte Angst bedeutet. Dass sich dieses Gefühl jederzeit wiederholen könnte, entzog ihm den Boden unter den Füßen.

Soziale Phobie ist definiert als "die Angst, sich der prüfenden Beobachtung der anderen Menschen zu unterziehen", erklärt Professor Peter Zwanzger, Chefarzt der Klinik für Allgemeinpsychiatrie und Psychosomatik am kbo-Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg am Inn. Das kann so weit gehen, dass Erkrankten der kalte Schweiß ausbricht, wenn der Kellner im Restaurant zum Kassieren an den Tisch kommt.

Einschränkungen bestimmen das Leben

Es gibt Situationen, in denen fast jedem Menschen ein wenig mulmig zumute wird. Die meisten bekommen feuchte Hände, wenn sie zum ersten Mal einen Vortrag vor vielen Menschen halten sollen. "Der Gesunde kann trainieren, mit solchen Situationen umzugehen. Jemand mit sozialer Angst schafft das nicht", sagt Zwanzger. Nicht jeder schüchterne Mensch gilt als Angstpatient. Das wird er erst, wenn er massiv in seiner Lebensführung beeinträchtigt ist. Wenn die Angst bestimmt, was man tut – nicht die Vernunft.

Bei Günther Fabig übernahm immer wieder die Angst die Regie. Er überstand die Schulzeit. Doch sobald er vorlesen musste, brach er wegen Heiserkeit ab. "Zwei Lehrer wussten Bescheid, sie halfen mir." Danach studierte er Medizin, weil ein Bekannter ihm erzählt hatte, dass man durch diesen Studiengang käme, ohne Vorträge zu halten. Fabig schloss sein Studium ab, er promovierte sogar. Als Arzt gearbeitet hat er dann allerdings nie. "Eigentlich wusste ein Teil von mir während des ganzen Studiums, dass ich in eine Sackgasse steuere."

Begegnung mit der Furcht als Therapie

Zu groß waren Günther Fabigs Befürchtungen, er könne in einer Situation versagen, in der es womöglich um Menschenleben geht. Während einer Operation zum Beispiel oder auch nur beim Blutabnehmen. "Mir gehen meine Nerven durch, wenn ich sie brauche", sagt er. "Das konnte ich keinem Patienten zumuten."

Sein Geld verdient Fabig heute als ­medizinischer Kodierer. Er überträgt Diagnosen in sogenannte ICD-Codes. Das sind Nummern, unter denen  ­­Ärzte zum Beispiel mit den Krankenkassen abrechnen. Nach all den Jahren hofft Fabig immer noch, seine Ängste irgendwann komplett loszuwerden. Deshalb macht er zurzeit wieder eine Therapie. Das Gespräch, das notwendig war, um diesen Beitrag zu schreiben, war für ihn ­eine Herausforderung – er musste sich seiner Angst stellen.

Sich ständig mit den Situationen auseinanderzusetzen, die Furcht auslösen, ist ein grundlegender Bestandteil der Behandlung von Angststörungen. Fachleute sprechen von Exposition. "Dabei überschreibt man quasi falsch erlernte Reaktionsmuster wieder", erläutert Rudolf.

Prof. Dr. med. Peter Zwanzger

Denn bei Angstpatienten springt auch in nicht bedrohlichen Situationen das Furchtzentrum im Gehirn an und setzt körperliche Reaktionen in Gang wie Schwitzen, Schwindel, Herzrasen. Die Wahrnehmung verengt sich, um sich auf eines der beiden Reaktionsmuster zu konzentrieren: Flucht oder Kampf. Bei Gesunden laufen diese Reaktionen nur in echten Gefahrensituationen ab.

Übereifrige Alarmanlage

Grundsätzlich ist Angst ein Schutzmechanismus unseres Organismus, ohne den wir nicht überleben könnten. "Bei Angstpatienten kann man sich das Furchtzentrum allerdings wie eine zu fein eingestellte Alarmanlage vorstellen", sagt Zwanzger. "Sie schlägt schon an, wenn heftiger Wind geht und die Fenster vibrieren – obwohl niemand einbricht."

Warum dieses Schicksal manche Menschen ereilt und andere nicht, hängt neben der genetischen Veranlagung von Lebensereignissen, Belastungen und Stress ab. Die Struktur der Persönlichkeit spielt ebenfalls eine Rolle. "Menschen, die sich schon als Kind wenig zugetraut haben, neigen eher zu Angsterkrankungen", erklärt Psychotherapie-Facharzt Zwanzger.

So war es auch bei Fabig. Als Einzelkind von Eltern aus einer traumatisierten Kriegsgeneration lernte er, möglichst unauffällig durchs Leben zu gehen, Autoritäten zu fürchten und nicht infrage zu stellen. "Es war mir immer wichtig, es anderen recht zu machen", sagt er.

Viele Jahre schämte er sich für seine Angststörung, dafür, anders als die anderen zu sein. Dass er "unnormal" war, konnte er sich lange nicht verzeihen. "Man ist kein Waschlappen, wenn man eine Angststörung hat. Es ist eine Erkrankung wie jede andere auch", betont Zwanzger. Und sie lässt sich gut behandeln. "Man muss sich nicht ausgeliefert fühlen", betont auch Experte Rudolf.

Ein gutes Gefühl

Das weiß Fabig heute. Nach einigen Therapien geht er gelassener mit sich und seiner Krankheit um. "Ich bin mir bewusst, dass ich keine Schuld trage. Auch wenn ich das nicht gut spüren kann." Seine größte Hoffnung? "Einen Vortrag vor großem Publikum halten – ohne Angst." Mit dem Gespräch für diesen Beitrag ist Günther Fabig seinem Ziel ein kleines Stück ­­nähergekommen. "Mir ging es während des Interviews gut. Danach war ich mit mir im Reinen."