Die Macht der Angst bezwingen

Jeder kennt sie, die Angst. Doch wenn das Gefühl zu einer Belastung wird, muss man handeln

von Dr. Achim Schneider, aktualisiert am 03.12.2015

Beklemmendes Gefühl: Angst


Bammel, Herzklopfen, Fracksausen, Nervosität, Schiss. Mit diesen Begriffen beschreiben wir ein Gefühl – und weichen dem eigentlichen Wort geschickt aus: Angst. Ganz so, als könnte das die ungute Empfindung von uns fernhalten. Dabei sind Ängste hilfreich. Aus ihnen schöpfen wir die nötige Kraft, um wichtige Aufgaben zu bewältigen. Puls und Atem beschleunigen sich, Blutdruck und Muskelspannung steigen, unser Körper mobilisiert Energiereserven. Alles wichtige Voraussetzungen, um auf Bedrohungen angemessen reagieren zu können.

Ängstlichkeit ist ein Charakterzug

Es ist außerdem nicht unbedingt von Nachteil, ein Angsthase zu sein. "Diese Menschen passen sich gut an und handeln oft besonders klug und vorsichtig", sagt Psychologin Domschke. Extreme Hasenfüße laufen aber Ge­­fahr, im Leben zu kurz zu kommen. Denn man muss sich schon ­etwas zutrauen, um zum Beispiel eine Liebesbeziehung einzugehen und im Beruf zu bestehen. Doch das andere Ex­trem – Furcht vor nichts – ist auch kein Erfolgsrezept. Es verleitet nämlich dazu, sich zu überschätzen und Bedrohungen zu übersehen.

Ängstlichkeit ist also ein Charakterzug – und keine Krankheit. Experten sprechen erst dann von einer Störung, wenn dieses Gefühl unangemessen stark ist, lange andauert, übermäßig häufig auftritt und die betroffene Person in ihrem alltäglichen Leben behindert. "Wer als Kind schüchtern und nicht aufgeschlossen gegenüber Neuem ist, trägt ein erhöhtes Risiko dafür, später einmal eine Angststörung zu entwickeln", sagt Professor Frank Jacobi, Verhaltenstherapeut an der Psychologischen Hochschule in Berlin. Doch prinzipiell kann es jeden treffen.

Wenn U-Bahnfahrten zur Qual werden

Wären Dennis B. nur ein paar Prüfungen auf den Magen geschlagen, hätte auch er sich kaum um diese Problemchen kümmern müssen. Doch der Jurist versank immer tiefer in seinen Ängsten: Restaurants und Kinos mied er. U-Bahn-Fahrten wurden für ihn zu einer Qual. Oft stieg er aus und kehrte um, ohne sein Ziel erreicht zu haben. In der Uni ließ er sich nur blicken, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Wohl niemals vergessen wird er diese eine Situation vor einem Referat: Bereits die Vorstellung, vor seinen Mitstudenten sprechen zu müssen, war ihm unerträglich. "Ich wusste, sobald ich damit beginne, ist das Gefängnis gebaut. Denn bis zum letzten Satz gibt es für mich keine Möglichkeit zu flüchten." Schon Tage vorher brach B. der Schweiß aus, seine Angst wuchs zur Panik. Es folgten quälend lange Sekunden im Badezimmer: "Ich wusste nicht mehr, auf welcher Seite des Spiegels ich stand."

Nur mit größter Mühe kämpfte er sich einige Tage später durch das ­Referat – und übergab sich danach auf der Toilette. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Drei Wochen lang konnte Dennis B. seine Wohnung nicht verlassen. Die Welt draußen war ihm zum Feindesland geworden. "Ich fühlte mich völlig nutzlos und leer, weil mein Leben nicht mehr stattfand."

Vermutlich hatte Stress im Studium und im Privaten B.s Angstproblem entfacht. Sehr oft kommen solche Störungen in belastenden Phasen auf. "Dazu zählen auch alle Lebensereignisse, die mehr Verantwortung mit sich bringen, wie Heirat, die Geburt eines Kindes, die Beförderung in eine Führungsposi­tion", sagt Expertin Domschke.

Wenn Alltägliches bedrohlich wird

Übersteigerte Ängste zählen zu den häufigsten psychischen Störungen. Experten unterscheiden fünf Typen.

Dass Männer nur halb so oft eine Diagnose bekommen wie Frauen, hat mehrere Gründe. So haben Frauen möglicherweise niedrigere Serotonin- und Noradrenalinspiegel, was das Entstehen von Angststörungen begünstigen kann. Doch es gibt auch soziale Ursachen. So neigen Männer dazu, Angst­symptome zu verschweigen, in ­Alkohol zu ertränken oder durch ­aggressives Gebaren zu überspielen. Deshalb bleibt die Störung oft unentdeckt.

  • Spezifische Phobie: Die Furcht vor Konkretem, wie Spinnen, dem ­Anblick von Blut oder dem Fliegen.
  • Agoraphobie: Die Angst vor Kon-trollverlust, etwa auf weiten Plätzen, im Gedränge oder auf Reisen.
  • Soziale Phobie: Die Furcht, im Mittelpunkt zu stehen und sich vor anderen beschämend zu verhalten.
  • Generalisierte Angststörung: ­Unklare Sorgen, Befürchtungen und Ängste wegen Alltäglichem über ­mindestens sechs Monate hinweg.
  • Panikstörung: Spontane Attacken mit extremer Angst. Oft kommen sie bei Agoraphobien auf.

 

Ängste eingestehen

Oft schaukelt sich eine anfängliche Beklommenheit hoch. Verhaltens­­therapeut Jacobi erklärt, was die unheilvolle Spirale antreibt: "Man wird vorsichtiger, damit das unangenehme Gefühl verschwindet. Doch dadurch gibt man der Angst recht, und sie wird langfristig schlimmer." So ex­trem wie bei Dennis B. muss es sich jedoch nicht zuspitzen. Denn je eher man sich übermäßige Ängste eingesteht, desto leichter fällt es, sich ihnen entgegenzustemmen.

Manchmal genügt es bereits, Kleinigkeiten zu verändern: zum Beispiel ausreichend zu schlafen, regelmäßig zu essen, genug Pausen einzulegen, Stress abzubauen und Konflikte auszuräumen. Auch Sport und Entspannungstechniken wie Meditation sind wirksame Gegenmittel. Helfen all die genannten Methoden nicht, sollten sich Betroffene Hilfe bei einem Experten holen, also einem Arzt oder Psychotherapeuten.

In Gruppentreffen lernen, über die Angst zu sprechen

Entfesselte Ängste wieder zu zähmen, das erfordert eine gehörige Portion Willenskraft und Mut. Eine Erfahrung, die auch B. machte. Nach drei Wochen Isolation zu Hause beschloss er: So kann es nicht weitergehen. Er wandte sich an die Münchner Angst-Selbsthilfe. "Am schwersten war es, mich erstmals meinem Pro­blem zu stellen. Doch dann wurde es nach und nach besser", erinnert sich der heute 28-Jährige.

Bei den regelmäßigen Gruppentreffen lernte er, über seine Emotionen zu sprechen. Und er fand dort Hilfe von Menschen, die mit ähnlichen Problemen kämpfen. Der Student fuhr wieder regelmäßig U-Bahn und fürchtete sich mit der Zeit immer weniger davor. "Wenn das negative Gefühl verschwindet, empfinden wir das als etwas sehr Angenehmes", erklärt Experte Jacobi. Diese positiven Erfahrungen nehmen den ursprünglich angstbesetzten Situationen das Bedrohliche.

Positives weitergeben

Heute leitet Dennis B. eine eigene Selbsthilfegruppe. Damit will er seine Erfahrungen an andere Betroffene weitergeben. "Ängste schränken mein Leben nicht mehr ein", sagt er inzwischen von sich. Eine Herausforderung bleibt allerdings noch: wieder unbekümmert Auto zu fahren. Der Student hat sich bereits eine Fahrschule ausgesucht, die spezielle Kurse zur Bewältigung von Ängsten anbietet. Im Moment benötigt B. kein ­eigenes Fahrzeug, er nutzt in erster Linie die ­U-Bahn. Und als er vor Kurzem alle Prüfungen zum zweiten Staatsexamen absolviert hatte, fuhr er mit dem Intercity Express zu seinen ­Eltern. Ohne Zwischenstopps. Und ohne den Wunsch auszusteigen.

Was tun bei krankhafter Furcht?

Angststörungen sind oft sehr belastend, doch den meisten Betroffenen kann gut geholfen werden.

Wie kommen Fachärzte zu einer treffenden Diagnose?

Experten empfehlen, bereits dann einen Arzt aufzusuchen, wenn un­­angemessen heftige Ängste durch eigenes Zutun nach einigen Wochen nicht abklingen. Spezialisten stützen sich bei ihren Untersuchungen auf umfangreiche Fragebögen, die ihnen etwas über den Ursprung, das Ausmaß und die Art der Ängste sagen. Hinzu kommen körperliche und psychische Tests, um auszuschließen, dass Ängste die Begleitsymptome anderer psychischer und körperlicher Krankheiten sind.

Welche medikamentösen Therapien kommen infrage?

In erster Linie Wirkstoffe, die den Abbau der Nervenbotenstoffe Serotonin und/oder Noradrenalin blockieren. Profitiert der Patient davon, sollte er das Medikament mindestens sechs Monate lang einnehmen. Um unerwünschte Effekte zu vermeiden, muss man die Dosis anfangs behutsam steigern und zum Schluss ausschleichen. Von Beruhigungsmitteln wie Benzodiazepinen raten die Leitlinien ab, weil diese abhängig machen können.

Welche Psychotherapien gibt es?

Eine kognitive Verhaltenstherapie ist bei jeder Art von Angststörung eine Option. Die Patienten lernen, ihre Gefühle und Gedanken positiv zu ­­verändern. Bei Phobien gehört zudem eine Konfrontation mit den Angst­auslösern immer zur Therapie. Bei komplexeren Ängsten wie sozialen Phobien, Panikstörungen und generalisierten Angststörungen kommen psychodynamische Therapien infrage. Sie zielen darauf ab, unbewältigte Konflikte aus der Vergangenheit zu lösen – die eigentlichen Verursacher der krankhaften Ängste.