{{suggest}}


Forschung: Verursachen Keime Alzheimer?

Der Keim des Vergessens – Jüngste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Infektionen die krankhaften Prozesse im Gehirn fördern. Herpesviren werden verdächtigt, aber auch Bakterien aus Zahnfleischtaschen

von Dr. Achim G. Schneider, 29.05.2019
Gehirn

Blick ins Hirn: Im Bild leuchten die typischen Ansammlungen von Amyloid-Eiweißen rot und gelb


Finde den Keim! So lautet das Motto eines Wettbewerbs, den der US-Mediziner und Verleger Leslie Norins ausgeschrieben hat. Wer bis Ende 2020 erforscht hat, welche Krankheitserreger Alzheimer aus­lösen, dem winkt ein Preisgeld von ­einer Million US-Dollar. "Es ist an der Zeit, dass die Jagd nach einem Mikroorganismus, der bei Alzheimer die Rolle des Übeltäters spielt, offensiver mit Finanzmitteln ausgestattet wird", sagt Norins.

Der Initiator ist überzeugt davon, "dass die meisten Fälle von Alzheimer- Demenz durch einen bisher noch nicht identifizierten Keim verursacht werden". Und er ist nicht der Einzige. Bereits vor drei Jahren forderten 33 Wissenschaftler aus aller Welt im Journal of Alzheimer’s Disease, endlich die Rolle von Krankheitserregern zu erforschen und entsprechende Therapien an Freiwilligen zu testen.

Bisher richten sich fast alle erprobten Wirkstoffe gegen bestimmte Eiweiße im Gehirn der Patienten – ohne Erfolg. Keine Studie konnte zeigen, dass sich so Alzheimer stoppen lässt.

Viren im Gehirn

Bereits Jahrzehnte bevor die Demenz-Erkrankung ausbricht, sammeln sich die Eiweiße im Gehirn an: zuerst Beta-Amyloide, später Tau-Proteine. Sie dienen zwar dazu, Alzheimer zu diagnostizieren und das Stadium der Erkrankung zu erkennen. Doch einige Experten halten sie nicht für die Ursache der Krankheit, die vor allem ältere Menschen trifft.

Was aber spricht dafür, dass stattdessen eine Infektion Alzheimer verursacht? Zum Beispiel Erkenntnisse der letzten Jahre, wonach Beta-Amyloide, die sich im Gehirn Betroffener ansammeln, Viren und Bakterien abtöten. Manche Forscher halten die Eiweiße sogar für einen Teil unseres Immunsystems, das Krankheitserreger eliminiert.

Virus

Es sind auch bereits mehrere Erreger in den Fokus der Wissenschaft geraten, darunter Herpesviren. So fanden Forscher am Mount Sinai Hospital in New York (USA) vor Kurzem heraus: Die Gehirne von verstorbenen Alzheimer-Patienten enthalten auffällig viele Viren vom Typ HHV-6 und -7. Beide wechselwirken mit Genen, die das Alzheimer-Risiko erhöhen, zumindest laut einer Computeranalyse. Die Ergebnisse wurden im Juni 2018 in der Fachzeitschrift Neuron veröffentlicht.

"Das ist spannend, bedeutet aber noch lange nicht, dass zwischen den Viren und Alzheimer ein ursächlicher Zusammenhang besteht", urteilt Professorin Anja Schneider vom Deutschen Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen und von der Universitätsklinik Bonn. So tragen fast alle Erwachsenen diese Herpesviren in ihrem Körper, nicht alle bekommen aber später Alzheimer.

Die meisten infizieren sich schon als Säuglinge und Kleinkinder, erkranken dadurch am Dreitagefieber. Abwehrzellen des Immunsystems bekämpfen die Eindring­linge erfolgreich, beseitigen sie mitunter jedoch nicht komplett.

Viren und Bakterien unter Verdacht

Mit antiviralen Medikamenten könnte es gelingen, sie loszuwerden. Schneider hält die Zeit aber noch nicht für reif, das bereits an Menschen zu testen. Vorher sei noch viel experimentelle Arbeit zu leisten. "Man müsste etwa zeigen, dass in­fizierte Mäuse an Alzheimer erkranken und Medikamente etwas dagegen bewirken", so die Expertin.

Gegen andere weitverbreitete Herpesviren erprobt man an Freiwilligen bereits eine antivirale Therapie. Die Mittel erhalten Menschen mit mildem Alzheimer, die Herpes-simplex-­Viren beherbergen, die Auslöser von Lippen- und Genitalherpes. Die Studie erfolgt am New York State Psychiatric Institute in den USA und wird bis Mitte 2022 andauern.

Doch auch Bakterien stehen im Verdacht, Alzheimer zu verursachen oder zumindest zu verschlimmern: zum Beispiel der Erreger Porphyromonas gingivalis. Er siedelt bei Menschen mit fortgeschrittener Parodontitis in den tiefen Zahnfleischtaschen und ist mitverantwortlich für die Zerstörung des Gebisses. Vor Kurzem fand ein internationales Team heraus: Diese Bakterien und ihr Stoffwechselprodukt Gingipain finden sich auch in den Gehirnen von verstorbenen Alzheimer-Patienten.

Laborversuche zeigten: Das Bakterium gelangt bei infizierten Mäusen vom Zahnfleisch bis ins Gehirn und verursacht krankhafte Veränderungen wie bei Alzheimer. Ein Hemmstoff gegen Gingipain bremste den zerstörerischen Prozess. Die Ergebnisse wurden im Januar im Fachblatt Science Advances publiziert. Noch diesen Monat soll ein Test an Alzheimer­Patienten mit dem Hemmstoff starten.

Verstärkt durch Infektionen

Bis dahin bleibt unbewiesen, ob der Parodontitis-Keim Alzheimer verursacht. Es könnte sich auch umgekehrt verhalten. Schneider: "Die Demenz ist zuerst da. Die Blut-Hirn-Schranke wird dadurch durchlässig für Erreger, sodass sie in das Gehirn eindringen." Sie würden den krankhaften Prozess nur verstärken, der schon viele Jahre zuvor begonnen hat.

Immerhin gäbe es dann ein weiteres Argument für die konsequente Therapie von Parodontitis und für gute Mundhygiene. Beides wird bei Menschen mit Demenzerkrankungen in der Pflege vernachlässigt. Auch das haben Studien der vergangenen Jahre immer wieder offenbart.