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Unbehandelte Wolle als Hausmittel

Frisch vom Tier: Naturbelassene Schafwolle, auch Fettwolle oder Heilwolle genannt, soll bei vielen Beschwerden helfen

von Barbara Kandler-Schmitt, 18.12.2018
Schafe

Sehr gut isoliert: Die Wolle schützt vor Kälte und Feuchtigkeit


Schafe haben es immer mollig warm. "Bereits ab zehn Grad Außentemperatur müssen die Tiere Energie aufwenden, um sich abzukühlen", erklärt Burkhard Schmücker, Schäfermeister aus dem nordrheinwestfälischen Büren und Sprecher des Arbeitskreises Schafwolle bei der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände. "Außerdem nehmen Wollfasern 38 Prozent ihres Eigen­gewichts an Feuchtigkeit auf, ohne dass sie sich feucht anfühlen."

Den Schutz vor Kälte und Feuchtigkeit haben Schafe allerdings weniger ihrem dichten Fell zu verdanken sondern einem natürlichen Gemisch aus Fettsäuren und Fettalkoholen auf den Haaren. Dieses Wollwachs produzieren die Tiere in ihren Talgdrüsen, von wo aus es sich in der Wolle verteilt – und ihr neben dem charakteristischen Geruch die isolierende Wirkung verleiht.

Eine Eigenschaft, die sich nicht nur die Textilindustrie zunutze macht. Seit einiger Zeit erlebt naturbelassene Schafwolle, auch Fettwolle genannt, eine Renaissance als Hausmittel.

Schafffell

Wolle für die Windel

Viele Mütter legen die Wolle in die Windel ihres Babys, um den wunden Po zu beruhigen. Oder sie füllen damit ihren BH, wenn die Brustwarzen vom Stillen strapaziert und entzündet sind. Auch Apotheken haben inzwischen Heilwolle im Angebot oder können sie kurzfristig beschaffen.

Der Münchner Hautarzt Professor Dietrich Abeck hat ebenfalls schon gute Erfahrungen damit gemacht. "Wundflächen sind oft schwer zu therapieren, sodass sich ein Versuch mit Heilwolle für den Arzt durchaus lohnt, wenn andere Methoden nichts bringen." Der Allergologe schränkt jedoch ein: "Bei Hauterkrankungen wie Neurodermitis, die mit einer gestörten Hautbarriere einhergehen, ist Heilwolle wegen ihres hohen Gehalts an Wollwachs nicht geeignet." Dieses kann nämlich Allergien verursachen, weshalb eine langfristige Anwendung nicht zu empfehlen ist.

Allergien gegen Wollwachs

Schätzungsweise 1,4 Prozent der Bevölkerung reagieren allergisch auf die Substanz. Sie steckt unter anderem in zahlreichen Kosmetika und Cremes, weil sie die Haut pflegt, Wasser bindet und stark rückfettet. "Auch wenn das allergieauslösende Potenzial gering ist, empfehle ich meinen Patienten grundsätzlich Cremes ohne Wollwachs", sagt Dermatologe Abeck.

Neben der Gefahr allergischer Hautreaktionen können Wollfasern die Haut mechanisch reizen. Wie ein Wollpullover, der unangenehm kratzt. "Je feiner die Wollfasern sind, umso weniger kommt es zu Irritationen", erläutert Dietrich Abeck.

Schafschur

Heilwolle erinnert in ihrer Struktur an Watte. Für sie werden besonders feine Fasern verwendet – in der Regel von frei laufenden Schafen aus ökologischer Haltung. "Die feinste Wolle liefern Merinoschafe, die ursprünglich aus Spanien kommen und wegen des milden Klimas dort dünnere Wollfasern haben als heimische Arten aus Deutschland", erklärt Schäfermeister Schmücker.

Fasern so weich wie Watte

Nach dem Scheren wird die Wolle per Hand von groben Verschmutzungen gereinigt und ohne chemische Zusätze in warmem Wasser gewaschen. Nur so bleibt möglichst viel Wollwachs erhalten. Ihre weiche, watteartige Konsistenz erhält die Heilwolle nach dem Trocknen durch ausgiebiges  Kämmen. "Die Verarbeitung der Wolle kostet so viel, dass für den Schäfer am Ende nichts übrig bleibt", sagt Schmücker. Die meisten Züchter profitieren also nicht vom Heilwolle-­Trend. Schmücker selbst jedenfalls besitzt rund 250 Schafe und Lämmer und betreibt seine Schäferei lediglich als Hobby.

Heilwolle wärmt nicht nur und saugt Feuchtigkeit auf. Dem alternativen Heilmittel werden noch viele weitere Fähigkeiten zugeschrieben. Es soll Entzündungen hemmen, die Durchblutung fördern, den Stoffwechsel anregen, Schmerzen lindern und sogar Bakterien abtöten. Deshalb wird Heilwolle von vielen Menschen nicht nur als Wundauflage verwendet,
sondern zudem bei Ohren- und Halsschmerzen, Husten, Migräne, Muskelverspannungen, Rücken- und ­Gelenkbeschwerden eingesetzt.

Hausmittel ohne Wirksamkeitsbeleg

"Allerdings fehlen für diese Wirkungen belastbare wissenschaftliche Belege", betont Abeck. Der durchblutungsfördernde Effekt ist für den Dermatologen noch am plausibelsten: "Die mechanische Hautreizung durch die feinen Fasern regt die Durchblutung an und erzeugt ein angenehmes Wärmegefühl."

Wer die Wirkung von Heilwolle einmal ausprobieren möchte: Man legt sie einfach direkt auf die zu behandelnde Stelle und fixiert sie dort mit einem Tuch, Schal oder Verband. Aber nicht direkt auf offene Stellen geben, wie Mediziner Abeck betont: "Weil die Fasern mit der Wunde verkleben können, sollte man zunächst eine netzartige Wundauflage darüberlegen."

Außerdem rät der Dermatologe davon ab, zusätzlich Cremes oder Salben aufzutragen: "Dann kann die Wolle keine Feuchtigkeit mehr aufnehmen und verliert ihre Wirkung." Aus hygienischen Gründen muss die Heilwolle nach jeder Anwendung ausgetauscht werden. Denn beim Waschen würde zu viel Wollwachs verloren gehen – also das eigentliche Geheimnis hinter der wohl besten Isolierung, die die Natur zu bieten hat.