Traditionelle chinesische Medizin (3):
Die "Energie", die alles bewegt

Bereits den Menschen des Altertums war Qi ein Begriff
von Apotheken Umschau, 26.06.2010
Mauritius/Steve Vidler

Lange übersetzte man Qi mit "Energie", eine Gleichsetzung, die der Franzose George Soulié de Morant (1878 bis 1955), langjähriger Konsul in Peking, eingeführt hatte. Heute halten viele Experten das für irreführend. Qi kann zum Beispiel ebenso die Atmosphäre eines Raumes bezeichnen, die sich bedrückend oder befreiend auswirkt. Auch in der modernen Gesellschaft Chinas ist der Begriff noch allgegenwärtig. So lautet ein gängiger Ausdruck für aufkommenden Ärger: "Das Qi steigt nach oben."

 
Das chinesische Schriftzeichen für Qi bedeutete ursprünglich "Dampf aus dem Reistopf". Mit diesem Bild war eine unsichtbare Kraft gemeint, die im gesamten Universum wirkt. "Das Konzept nahm seinen Anfang mit der Beobachtung der Wolken: Sie sind sichtbar in Bewegung, während der Wind, der sie treibt, nicht zu sehen ist", erklärt die chinesische Ärztin Han Chaling, die in München und Rom die chinesische Massagetechnik Tuina lehrt.

Die bewegende Kraft nannten die Menschen im Altertum das Qi. Alle Phänomene, die ohne erkennbaren Anlass eine Veränderung des vorherigen Zustands zeigten, deuteten sie als Ergebnis einer Einwirkung des Qi. In einem philosophischen Werk aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert, dem "Zhuangzi", heißt es: "Das Leben des Menschen ist eine Ansammlung von Qi. Wenn es sich sammelt, bedeutet es Leben, wenn es sich zerstreut, bedeutet es Tod."

 
"Modern ausgedrückt, könnte man von einer funktionellen Wirkkraft sprechen", schlägt Dr. Johannes Greten vor, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Traditionelle Chinesische Medizin in Heidelberg. Er möchte das alte Wissen mit der Medizin der Gegenwart in Einklang bringen. "Qi ist die vegetative, also nicht willentlich beeinflussbare Arbeitsbereitschaft eines Organs oder Gewebes", erläutert der Forscher.


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