{{suggest}}


Therapie: Mehr Heilpflanzen in Leitlinien?

Pflanzliche Arzneien finden zunehmend Platz in medizinischen Leitlinien. Professor Jost Langhorst vom Klinikum Bamberg sieht noch mehr Potenzial. Ein Interview über Evidenz in der Naturheilkunde

von Barbara Kandler-Schmitt, 01.08.2019
Pfefferminzöl

Naturheilkunde: 70 Prozent der Deutschen nutzen Naturheilmittel. Trotzdem sind große Pharmakonzerne nicht an ihnen interessiert


Prof. Dr. Jost Langhorst

Professor Jost Langhorst leitet die Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde am Klinikum Bamberg und ist Leitlinienbeauftragter der Gesellschaft für Phytotherapie. Wir haben ihn interviewt:

Herr Professor Langhorst, was sind eigentlich medizinische Leitlinien?

Darin fassen medizinische Fachgesell­schaften nach festgelegtem Prozedere wissenschaftlich überprüfte Therapie­optionen zusammen. Ärzten, Apothekern und auch Patienten dienen sie zunehmend als Maßstab für die Behandlung – im Streitfall, obwohl rechtlich nicht bindend, auch den Juristen.

Warum sind pflanzliche Arzneimittel darin so wenig vertreten?

Bis 2013 war die naturheilkundliche Fachkompetenz in den zuständigen Kommissionen fast gar nicht oder nur zufällig vertreten. Seitdem hat die Gesellschaft für Phytotherapie in mehr als 20 Leitlinien Inhalte von Naturheilkunde, Phytotherapie und Komplementärmedizin verankert.

Ginkgo Blätter

Welche zum Beispiel?

Johanniskraut steht in der Leitlinie zur Depression, Ginkgo wird bei verschiedenen Formen der Demenz erwähnt. Bei Reizdarmsyndrom konnten wir Pfefferminz- und Kümmelöl platzieren, bei Colitis ulcerosa Flohsamen, Myr­rhe, Kamillenblüten und Kaffeekohle, bei chronischen Kreuzschmerzen die Weidenrinde. Dabei handelt es sich immer um "Kann-Emp­fehlungen", es wird also weder zu- noch abgeraten.

Weidenrinde

Für eine klare Empfehlung reicht die Datenlage also nicht aus?

Dazu bräuchten wir noch mehr Evidenz. Die Währung, auf die sich Leit­linien-Kommissionen stützen, sind kontrollierte wissenschaftliche Studien, bei denen die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip auf Gruppen verteilt werden. Vor allem Heilpflanzen mit traditioneller Anwendung sind in Deutschland oft nur als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen, sodass für Medikamente definierte Qualitätskriterien nicht erfüllt werden.

Warum gibt es nicht mehr aussagekräftige Studien?

Phytopharmaka sind für große Unternehmen wirtschaftlich nicht interessant und fast ausschließlich in der Hand mittelständischer Betriebe. Da die Auflagen für Arzneimittelstudien extrem gestiegen sind, können oder wollen sich kleinere Firmen das oft nicht leisten. Da müssten unabhän­gi­ge Geldgeber wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft einspringen – aber die haben für Naturheilkunde keinen eigenen Förderbereich.

Kaffeebohnen

Wie könnte man das ändern?

Indem die Bevölkerung ihr Interesse stärker äußert. Immerhin greifen 70 Prozent der Deutschen auf Naturheilmittel zurück, der Bedarf ist also da. In unserer Klinik unterstützen wir die ambulante und stationäre Therapie chronischer Erkrankungen mit pflanzlichen Arzneimitteln, was von allen Krankenkassen getragen wird. In der Phytotherapie sind noch viele Schätze zu heben.


Ändern Sie Ihr Verhalten aufgrund der stark gestiegenen Zahl an Corona-Neuinfektionen?
Zum Ergebnis