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Fasten trotz Corona: Die besten Tipps

Haben wir nicht schon genug verzichtet – auf Kontakte, auf Freizeit, auf Selbstbestimmung? Und jetzt noch freiwillig fasten? Warum das eine gute Idee sein könnte, erklären eine Psychologin und ein Ernährungsmediziner

von Beatrice Sobeck, 18.02.2021

Eigentlich sollten auf dieser Seite viele Kommentare stehen. Von Familien, die auf Süßigkeiten verzichten, bei denen für knapp sieben Wochen der Fernseher aus bleibt, das Daddeln auf dem Tab­let tabu ist oder das Auto in der Garage bleibt. Nur: Viele wollen auf den Verzicht verzichten. Offenbar fällt Fasten dieses Jahr aus. Kein Wunder: Die Co­rona­Pandemie verlangt uns nun seit einem Jahr so viele Entbehrungen ab, wer verzichtet da noch frei­ willig auf irgendetwas?

Trotzdem fragten wir uns: Kann man dem Fasten oder dem Verzichten trotz der vielen Corona­-Regeln etwas Positives abgewin­nen? Darüber sprachen wir mit der Psychologin Johanna Lubig aus Berlin und dem Ernährungs­mediziner Dr. Matthias Riedl aus Hamburg. Beide mussten nicht lange nachdenken und finden: ja.

Selbstbestimmt verzichten

Die Liste mit Beschränkungen zur Eindämmung der Corona­-Pandemie ist ellenlang. "Dadurch ha­ben wir das Gefühl, stärker von außen gesteuert zu sein. Nicht wir kontrollieren unsere Handlungen und agieren frei, sondern wir halten uns während der Pandemie an mehr Regeln. Wir haben die Selbstkontrolle ein Stück weit verloren", fasst Lubig das Dilemma zusammen.

Beim Fasten – ganz gleich – sei das anders. Über das Was und das Wie lange entscheiden wir selbst, und wir tun es freiwil­lig und selbstbestimmt. "Es ist quasi der Gegenent­wurf zu den momentan notwendigen Entbehrun­gen. So können wir uns etwas Selbstkontrolle zurückholen", erklärt die Psychologin. Kommt dann noch der Stolz dazu, weil wir unser Ziel erreicht ha­ ben, fühlen wir uns rundum wohl in unserer Haut.

"Sogar Kinder können davon profitieren und lernen durch den freiwilligen Verzicht das Prinzip der Selbstwirksamkeit: Was ich mir vornehme, kann ich schaffen, auch wenn das manchmal schwer­ fällt", sagt Lubig.

Fasten zur Familien-Challenge machen

In der aktuellen Situation, in der wir durch die Corona­-Pandemie ohnehin schon im Ausnahmezu­stand sind, empfiehlt die Psychologin, es sehr redu­ziert anzugehen. Gerade Familien sollten beim Fas­ten oder Verzichten darauf achten, dass sie nicht zusätzliche Konflikte schaffen, indem sie sich zu viel vornehmen.

"Suchen Sie ein Thema, das alle Familienmitglieder gleichermaßen mittragen wollen. Wenn Mama oder Papa beschließt, eine strenge Fastenkur zu machen, aber die einzige Person ist, die sonst im Alltag für leckeres Essen sorgt, kann das für viel Frust sorgen", erklärt die Psychologin. Besser: in einer Familien­-Challenge versuchen, mal ein paar Wochen nichts zu naschen oder den Medienkonsum herunterzuschrauben.

Von Wünschen, Zielen, Hindernissen und Plänen

Bei der Umsetzung kann das WOOP­Modell helfen. Die einzelnen Buchstaben benennen im Englischen die einzelnen Prozesse: Sie beginnen damit, einen Wunsch (W wie wish) zu definieren. Etwa: Wir wollen mehr gemeinsame Zeit aktiv verbringen. Wir wollen uns gesünder er­nähren. Wir wollen weniger shoppen (Klamotten, Spielzeug).

Weiter geht’s mit der Zielvorstellung (O wie outcome). Sie werfen einen Blick in die Zu­kunft und stellen sich vor, wie Ihr Familienleben aussieht, wenn sich der Wunsch erfüllt. Im dritten Schritt überlegen Sie, welche Hindernisse (O wie obstacle) Sie womöglich überwinden müssen.

Im letzten Schritt stellen Sie einen Plan auf (P wie plan), wie Sie unter Berücksichtigung der Hinder­nisse Ihr Familienziel erreichen können. "Kasteien Sie sich und Ihre Familie nicht über die Maßen. Seien Sie nachsichtig mit sich und den anderen. Wer in einem schwachen Moment einen Schoko­riegel nascht, hat nicht gleich auf ganzer Linie ver­sagt. Wertschätzen Sie die Tage, an denen alle tap­fer durchgehalten haben und machen Sie nach dem Schnitzer einfach weiter", ermuntert Lubig.

16 Stunden nichts essen? Das schaffen Sie!

Ernährungsmediziner Matthias Riedl sieht im Fas­ten nur Vorteile – bei Erwachsenen. "Dauert eine Essenspause mindestens zwölf, besser 16 Stunden, wirkt sich das positiv auf den Körper aus. Die Insu­linproduktion wird mal deutlich heruntergefahren, das Immunsystem kann in dieser Fastenphase auf­räumen, kaputte Zellen erneuern und Schadstoffe abtransportieren", erklärt er.

Sie denken, zwölf Stunden nichts essen – das schaffe ich nicht? "Ver­suchen Sie es mal mit Nachtfasten", empfiehlt Riedl. Das schaffe jeder. Wer um 19.30 Uhr die letzte Mahlzeit beendet, kann am nächsten Tag ab 7.30 Uhr frühstücken. Der Clou: Die Nascherei am Abend fällt aus.

"Aus gesundheitlicher Sicht brau­chen wir keine Snacks zwischen den drei Haupt­mahlzeiten. Enthalten diese viel Gemüse und eine Eiweißquelle, machen sie auch lange satt", erklärt der Ernährungsmediziner. Auf diese Weise könn­ten sogar Schwangere und Stillende Verzicht üben, ohne einen Nährstoffmangel zu provozieren.

Ab dem Grundschulalter können auch Kinder mit einem abgestuften Verhalten ans Süßigkeiten­ fasten herangeführt werden, etwa indem es Süßes nur am Wochenende gibt. "Kinder lernen am Mo­dell der Eltern. Naschen die nichts, fordern Kinder auch nichts ein", sagt Riedl.