Was ist eine Kreuzallergie?

Die Allergene mancher Pollen und Lebensmittel ähneln sich so sehr, dass das Immunsystem von Allergikern sie nicht unterscheidet – es kommt zu Kreuzreaktionen

von Nina Himmer, aktualisiert am 06.03.2018

Vorsicht: Pollenallergiker reagieren teils auch auf Lebensmittel wie Äpfel allergisch


Atemnot, tränende, gerötete Augen, juckende Haut: Allergien sind ein Volksleiden, mit dem sich fast jeder vierte Deutsche herumplagt. Meist sind Blütenpollen, Hausstaubmilben oder Lebensmittel die Auslöser allergischer Reaktionen, die bei den Betroffenen zu teils erheblichen Beschwerden führen.

Häufige Kreuzallergie: Birkenpollen und Äpfel

Doch damit nicht genug: Weil sich die Allergene, also die allergieauslösenden Substanzen (meist Eiweißbestandteile), mancher Stoffe in ihrer Struktur sehr ähneln, kommt es über die ursprüngliche Allergie hinaus mitunter zu sogenannten Kreuzreaktionen. "Rund 60 Prozent aller Birkenpollen-Allergiker sind zum Beispiel auch auf Äpfel, Nüsse, rohes Kern- und Steinobst oder Erdbeeren allergisch", sagt Sonja Lämmel vom Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB). Tatsächlich entwickeln sich aus einer Allergie gegen Frühblüherbäume wie Birke, Erle oder Hasel mit Abstand am häufigsten Kreuzallergien.

Aber auch andere Pollenallergene sind problematisch. So können Beifußpollen-Allergiker zum Beispiel empfindlich auf Sellerie (roh, gekocht oder auch als Gewürzsalz), Paprika oder rohe Karotten reagieren. Bei einer Latex-Allergie sollte man unter anderem vorsichtig mit Bananen sein, und auch zwischen Hausstaubmilben und Krustentieren sind Kreuzreaktionen bekannt. Grundsätzlich können diese sowohl innerhalb verschiedener Lebensmittelgruppen als auch zwischen Pollen und Lebensmitteln oder Kontaktallergenen wie etwa Latex und Lebensmitteln vorkommen. Die Liste der Kreuzallergene ist lang. Die Kombination aus Pollen- und Nahrungsmittelallergien ist bei Erwachsenen übrigens die häufigste Ursache für Lebensmittelunverträglichkeiten.

Fehlgeleitete Antikörper

Kreuzallergien können auftreten, müssen es aber nicht. Ihre Ursache findet sich im Immunsystem und hängt eng mit den Ablauf der allergischen Reaktion zusammen. Allergien sind stets eine Überreaktion der körpereigenen Abwehr, die gegen eigentlich harmlose Umweltstoffe wie Pollen, Tierhaare oder Lebensmittel vorgeht – statt wie vorgesehen gegen Krankheitserreger. Menschen, die allergisch auf bestimmte Stoffe reagieren, bilden nach dem Erstkontakt gezielt Antikörper gegen diese aus. Bei einer Pollenallergie zum Beispiel sind es Immunglobulin-Antikörper vom Typ E (IgE).

Diese Antikörper sind auf bestimmte Allergene, zum Beispiel das Birkenpollen-Allergen Bet v1, ein Hauptallergen der Birkenpollen, spezialisiert. Man bezeichnet sie deshalb als "spezifische Antikörper". Sie verbleiben im Organismus und binden sich an die Oberfläche der für die Immunabwehr wichtigen Mastzellen, die vor allem im Bindegewebe und der Schleimhaut vorkommen. Erfolgt nun ein Kontakt mit dem Allergen, setzt das Immunsystem einen Abwehrmechanismus in Gang, der typische Symptome wie Fließschnupfen, Schwellungen, Juckreiz, Pelzigkeitsgefühl und Brennen im Mund oder asthmatische Beschwerden auslöst.

Völliger Verzicht ist meist nicht nötig

"Kreuzallergien folgen dem gleichen Prinzip", sagt Sonja Lämmel vom DAAB, "allerdings reagiert das Immunsystem eben nicht auf die eigentlichen, sondern auf strukturähnliche Allergene." Ein Beispiel: Hat ein Birkenpollen-Allergiker in seinem Blut spezifische Antikörper gegen ein bestimmtes Birkenpollen-Protein, so ist es durchaus möglich, dass er auch auf Äpfel oder Nüsse allergisch reagiert. Selbst bei einem Erstkontakt. Warum? Weil die chemische Struktur der Allergene von Äpfeln und Birkenpollen sehr ähnlich ist. Deshalb kann der Körper sie nicht immer unterscheiden – und reagiert im Zweifel allergisch. Kreuzallergien beruhen also, vereinfacht gesagt, auf einer Verwechslung von Allergenen durch das Immunsystem.

Die gute Nachricht: Ganz auf bestimmte Lebensmittel verzichten müssen Kreuzallergiker meist nicht. "Gerade bei Äpfeln und Steinobst hilft oft Erhitzen, und auch Menge und Sorte der Lebensmittel spielen eine Rolle", sagt Lämmel. Sie rät Allergikern zu einer individuellen Beratung durch spezialisierte Ernährungswissenschaftler. Außerdem können Faktoren wie Stress, körperliche Belastung, starker Pollenflug oder Alkohol Kreuzallergien spürbar verschlimmern. Vorbeugen kann man ihnen übrigens nur bedingt, denn die erbliche Komponente lässt sich nicht ausschalten. "Aber es ist auf jeden Fall immer wichtig, die Hauptallergie ordentlich zu behandeln, damit sich daraus gar nicht erst andere Beschwerden wie Asthma oder Kreuzallergien entwickeln."