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Allergien und Klimawandel

Menschen mit Heuschnupfen leiden immer länger. Das hängt auch mit dem Klimawandel und der Städteplanung zusammen

von Annika Mengersen, 14.04.2020
Haselnussblüte

Die Hasel zählt zu den Frühblühern. Die Hauptblütezeit liegt eigentlich in den Monaten Februar und März. Die ersten Pollen können aber schon ab etwa fünf Grad Celsius fliegen - das kann bereits Ende September sein


Die Zeiten, in denen Pollenallergiker im Winter durchatmen konnten, sind vorbei. Die Heuschnupfensaison dauert inszwischen fast das ganze Jahr. Für die Betroffenen bedeutet das nicht nur eine ständig laufende Nase: "Allergien ziehen starke Beeinträchtigungen nach sich - von einer erhöhten Infektionsanfälligkeit über Konzentrations- und Schlafstörungen bis hin zu Asthma", erklärt der Immunologe und Biochemiker Professor Carsten Schmidt-Weber.

Warum der Klimawandel Allergikern besonders zusetzt und wie Sie sich vor aggressiven Pollen schützen können, erklärt er im Interview:

Prof. Schmidt-Weber, steigt die Zahl der Pollenallergiker in unseren Breitengraden?

Hierzulande wird bei etwa jedem siebten Erwachsenen im Laufe des Lebens Heuschnupfen diagnostiziert. In der Gruppe der Kinder und Jugendlichen leidet etwa jeder Elfte darunter - Tendenz steigend.

Eine aktuelle Studie zeigt, dass mittlerweile jedes zweite Grundschulkind auf mindestens ein Allergen empfindlich reagiert; vor zehn Jahren war nur jedes zehnte Kind auf diese Weise vorbelastet. Auch bei Atemwegserkrankungen wie Asthma bronchiale ist eine deutliche Zunahme zu verzeichnen.

Woran liegt das?

Ein wichtiger Grund ist die Vorverlagerung und Verlängerung der Pollenflugzeit durch den Klimawandel. Die insgesamt höheren Durchschnittstemperaturen bewirken, dass wir den Pollen von Frühblühern wie Hasel und Erle immer zeitiger und stärker ausgesetzt sind. Sie blühen in milden Wintern oft schon im Januar. Birke, Esche, Gräser, Roggen und andere allergene Pflanzenarten schließen sich im Jahresverlauf an.

Durch die aus den USA eingeschleppte Pflanze Ambrosia verlängert sich die Pollenbelastung in Regionen mit milder Witterung bis in den November hinein. Bereits zehn Ambrosia-Pollen pro Kubikmeter Luft können schwere allergische Symptome hervorrufen. Zum Vergleich: Bei der Birke sind 40 Pollen die kritische Grenze.

Pollenflugkalender für Gesamtdeutschland

Bleiben im besten Fall zwei pollenfreie Monate pro Jahr.

Oft nicht mal das: In Städten werden zunehmend robuste Erlenarten gepflanzt, die auch in Sibirien vorkommen und bereits im Dezember blühen. In Vorträgen versuchen wir, den Städte- und Grünflächenplanern diese Problematik nahezubringen.

Unserer Ansicht nach sollten in Städten und 30 Kilometer um sie herum weder Birken noch Erlen gepflanzt werden.

Wie reagieren die Zuständigen auf Ihre Hinweise?

Ein häufiges Gegenargument ist: "Wenn wir keine Birken und Erlen mehr pflanzen, wird der nächste Baum zum No-Go erklärt." Das stimmt aber nicht, denn es bleibt regional nachweisbar bei den meisten kritischen Allergenquellen. Ohne Birken und Erlen wären viele Allergiker hierzulande deutlich besser dran.

Temperaturen und Bepflanzung sind aber nicht die einzigen Gründe für die Zunahme der Allergiker.

Die zunehmende Kohlenstoffdioxidbelastung der Luft bewirkt, dass die Blütenpollen der Pflanzen aggressiver werden. Wir haben in den vergangenen zehn Jahren eine schrittweise Zunahme der Allergenität beobachtet.

Können Sie das genauer erklären?

Pollen selbst sind keine Allergieauslöser, sondern Organismen, die bestimmte allergene Eiweißpartikel enthalten. Durch die verstärkte CO2-Belastung, aber auch andere klimatische Stressoren wie hohe Ozonwerte oder extreme Trockenperioden setzen Pflanzen mehr von diesen kritischen Eiweißen frei - sozusagen als Überlebensstrategie.

Stimmt es, dass sich Ruß- und Feinstaubpartikel auf die Pollen setzen und sie so aggressiv machen?

Fest steht: Feinstaub und Co. stellen ein Problem für unsere Atemwege dar und fördern die Entwicklung von Allergien. Der genaue Zusammenhang ist noch nicht erforscht. Nach neuen Erkenntnissen ist das Anlagern von Schadstoffen an Pflanzenpollen nicht der Grund dafür, dass Menschen in Großstädten stärker unter Allergien leiden.

Eher werden die Atemwege durch die Luftschadstoffe angegriffen und die Allergene anschließend schlechter vertragen. Möglicherweise ist es auch umgekehrt - und die Pollen beeinträchtigen die Atemwege so stark, dass Allergiker empfindlicher auf Luftschadstoffe reagieren.

Heißt das alo im Umkehrschluss: Eine bessere Luft könne die Allergieraten senken?

Die Luft in den deutschen Großstädten ist in den vergangenen zehn Jahren wieder sauberer geworden - die Zahl der Allergiker aber weiter gestiegen. Lebensweise, Ernährungsgewohnheiten und weitere Faktoren spielen ebenfalls eine große Rolle.

Es heißt, Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, leiden seltener an Allergien. Warum ist das so?

Ein positiver Effekt ist primär bei Kindern zu beobachten, die ihre ersten Lebensjahre auf einem ursprünglich wirtschaftenden Milchviehhof verbracht haben. Werden nur Schweine oder Schafe gehalten, bringt das wenig.

Die sogenannte Hygienehypothese - sie besagt, dass Kinder, die mit Tieren aufwachsen und im Dreck spielen, seltener Allergien entwickeln - greift also nicht.

Neueren Untersuchungen zufolge schützen bestimmte Mikroben aus dem Staub in Kuhställen vor Allergien. Derzeit wird in klinischen Studien erforscht, ob man Kinder durch den Einsatz einer nichtinfektiösen Rohmilch mit dieser mikrobiellen Vielfalt versorgen kann.

Was kann jeder Einzlene angesichts der zunehmenden Pollenbelastung für seine Gesundheit tun?

Mit Blick auf den Klimawandel und höhere Allergenkonzentrationen in der Luft sollten wir auf die Pflege unserer Atemwege achten. Rauchen und Passivrauchen sind ganz klar tabu, weil sie Allergien und Atemwegsbeschwerden verstärken. An Tagen mit starkem Pollenflug ist es sinnvoll, die Nasenschleimhäute durch Spülungen zu säubern.

In Zukunft dürfte die Nasendusche einen ähnlich selbstverständlichen Platz im Bad einnehmen wie die Zahnbürste.

Hilfreiche Maßnahmen bei Heuschnupfen

  • Bettwäsche, Vorhänge und Teppiche regelmäßig reinigen
  • Wäsche nur drinnen trocknen lassen
  • Getragene Kleidung nicht im Schlafzimmer ausziehen oder aufhängen
  • Abends die Haare waschen, um die Pollen auszuspülen
  • Gezielt stoßlüften: In der Stadt ist die Pollenkonzentration zwischen 6 und 8 Uhr am geringest, auf dem Land zwischen 19 und 24 Uhr
  • Staubsauger mit Pollenrüster nachrüsten bzw. allergikergeeignetes Gerät anschaffen
  • Indoor-Sport treiben (Wer trotz Heuschnupfens draußen trainieren möchte, sollte dies in den Zeiträumen mit niedriger Pollenkonzentration tun, s.o.)
  • Draußen eine Brille oder Sonnenbrille tragen

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