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Allergien altern

Beim einen verschwinden sie mit den Jahren. Beim anderen entstehen sie erst: Allergien sind keine Frage des Alters

von Iris Röll, 14.04.2020
Allergisch im hohen Alter: Experten raten, Allergien genau diagnostizieren und behandeln zu lassen. Andernfalls können sie sich zu chronischen Erkrankungen entwickeln

Allergisch im hohen Alter: Experten raten, Allergien genau diagnostizieren und behandeln zu lassen. Andernfalls können sie sich zu chronischen Erkrankungen entwickeln


Entweder man gehörte dazu oder nicht und durfte sich glücklich schätzen. Denn ob man eine Allergie hatte oder von der krankhaften Immunreaktion verschont blieb, galt lang als Schicksal das früh feststand. Inzwischen ist klar: Allergien kann jeder bekommen, in jedem Alter. Und behandelt werden müssen sie immer - je nach Situation des Patienten.

Am häufigsten ist Heuschnupfen, gefolgt von Nahrungsmittelallergien, Neurodermitis und Nesselsucht. Fast jeder dritte Erwachsene in Deutschland berichtet von einer diagnostizierten Allergie im Laufe seine Lebens. Das heißt aber nicht, dass 30 Prozent aller Deutschen aktuell leiden.

Allergien können zu verschiedenen Zeitpunkten auftreten

Fragt man dieselbe Person nach allergischen Beschwerden in den vergangenen zwölf Monaten, dann sind es gut 19 Prozent, ergab eine groß angelegte Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI). Denn es kommt vor, dass Allergien im Alter schwächer werden oder sogar ganz verschwinden.

Auch Hormone in Schwangerschaft oder Wechseljahren haben oft eine Auswirkung. "Wir können allerdings nicht vorhersagen, in welche Richtung - ob die Allergie besser oder schlechter wird", sagt Professor Jörg Kleine-Tebbe von der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie.

Zudem steigt - entgegen der weitverbreiteten Wahrnehmung - die Zahl der Menschen mit einer Allergie nicht. Die Diagnosen von Kontaktallergien und Nesselsucht haben im Zeitraum von 1998 bis 2013 laut RKI sogar deutlich abgenommen. Wahrscheinlich, weil allergene Stoffe wie Nickel in Modeschmuck oder Formaldehyd in Kosmetika nur noch selten zum Einsatz kommen. Vielleicht aber auch, weil leichte Kortisonsalben mittlerweile rezeptfrei erhältlich sind und die Betroffenen seltener zum Arzt gehen.

Allergiegeplagte Großeltern

Auf der anderen Seite steht eine Erfahrung, die immer mehr Allergologen im Behandlungszimmer machen: "Wir sehen zunehmend ältere Allergiker", sagt Kleine-Tebbe. "Zum einen weil die Patienten jetzt einfach älter werden. Zum anderen diagnostizieren wir aber auch bei immer mehr Betroffenen im Rentenalter erstmals die Erkrankung."

Eine neue Allergie im Großelternalter - das schien früher undenkbar. Und das ist ein Problem: "Viele Ärzte und Patienten ziehen diese Möglichkeit in Betracht", erklärt Torsten Zuberbier, Professor für Allerlogie an der Charité in Berlin und Leiter der europäischen Stiftung für Allergieforschung. "Deshalb brauchen wir viel mehr Forschung, wie sich Allergien im Alter entwickeln und neu entstehen."

Symptome typischer Alterserkrankungen

Dass die Diagnose Medizinern häufig schwerfällt, liegt aber auch daran, dass die Symptome oft typischen Alterserkrankungen ähneln: Infekten etwa, Beschwerden durch aufsteigende Magensäure, einer sogenannten Alters-Rhinitis, bei der äußere Reize wie ein Temperaturwechsel wässrigen Schnupfen auslösen, aber auch der chronischen Lungenerkrankungen COPD.

Allergie oder nicht?

  • Allergischer Schnupfen kommt anfallsartig und geht genauso schnell wieder, wenn man den Allergenen nicht länger ausgesetzt ist. In der Pollensaison spricht ein länger anhaltender Fließschnupfen, der nicht von einem allgemeinen Krankheitsgefühl begleitet wird, für eine allergische Ursache.
  • Typisch für eine Allergie sind zusätzlich juckende Augen, nicht unbedingt brennende oder tränende.
  • Nächtlicher Hustenreiz und Atemnot sowie pfeifende Atemgeräusche bei Anstrengungen können auf Asthma hindeuten.
  • Wer den Verdacht hat, auf etwas allergisch zu sein, sollte notieren, in welchem zeitlichen Abstand zum vermuteten Auslöser die Symptome auftraten und wann sie wieder aufhörten.

"Die reflexartige Diagnose von COPD bei Menschen, die nie geraucht oder in größerem Maße Schadstoffe eingeatmet haben, ist oft falsch", beklagt Jörg Kleine-Tebbe. "Da wünsche ich mir von Kollegen mehr Aufmerksamkeit. Ein Arzt muss die richtigen Fragen stellen."

Unverträglichkeiten im Alter häufiger

Wie viele Menschen in fortgeschrittenem Alter neu an Allergien erkranken, weiß die Wissenschaft bislang nicht. Einzelne Studien geben Hinweise: Jedes zehnte allergische Asthma tritt erst nach dem 60. Lebensjahr auf, zeigte beispielsweise eine argentinische Untersuchung 2018 im Fachblatt Asthma Research and Practice.

Die meisten Betroffenen berichteten aber auch über Heuschnupfen in jüngeren Jahren. Wahrscheinlich handelt es sich hier also meist um den gefürchteten Etagenwechsel: wenn die allergischen Beschwerden von der Nase eine Etage tiefer in die Lunge rutschen.

Schweizer Forscher vom Universitätsspital Zürich berichten in einer Überblicks-Studie im Allergo-Journal, das Senioren ein bis drei Mal häufiger auf Medikamente allergisch reagieren als Jüngere. Meist waren Antibiotika die Ursache, aber auch Schmerzmittel, Heparine (Gerinnungshemmer) oder Antiepileptika. Auch nichtallergische Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie die gegen Laktose (Milchzucker) treten im Alter deutlich häufiger auf.

Fittes Immunsystem und dünne Haut

Warum mehr und mehr Senioren neu erkranken, dazu gibt es verschiedene Theorien: Für eine Allergie braucht der Körper ein aktives Immunsystem. Und die Immunabwehr der heutigen Rentner ist im Schnitt wesentlich fitter als die der Rentner vor 30 Jahren.

Zum anderen wird im Alter die Haut dünner und trockener. Das lässt Allergene leichter eindringen. Auch die viel verordneten Protonenpumpenhemmer zur Reduzierung der Magensäure stehen im Verdacht, Allergien zu fördern. Forscher vermuten, dass Nahrungseiweiße durch den verminderten Säuregehalt unverdaut in den Darm gelangen und von dort in den Stoffwechsel. So können sie Allergien auslösen.

Allergien ernst nehmen

Patienten sollten ihre Allergie gründlich diagnostizieren und behandeln lassen. "Wird ein allergisches Asthma nicht vernünftig behandelt, kann es chronisch werden und dann unabhängig von den Allergieauslösern auch beim Sport oder bei Infekten auftreten", warnt Jörg Kleine-Tebbe. "Das ist dann eine wirklich schwere Erkrankung, die meist lebenslang bleibt."

Auch leichtere Allergien sollte man ernst nehmen, warnt Torsten Zuberbier: "Sieben Prozent der befragten Heuschnupfenpatienten machten in einer aktuell von uns veröffentlichten Studie ihre Allergie für einen Verkehrsunfall oder einen Beinahe-Unfall verantwortlich. Wer niest, ist einen Augenblick lang nicht wirklich reaktionsfähig."

Keine Altersgrenze zur Allergietherapie

Der Allergologe betont, dass es längst Allergietabletten (Antihistaminika) gibt, die nicht oder nur wenig müde machen. Oder Kortison-Nasensprays, die auch bei längerer Anwendung als gut verträglich gelten. Auch die Spezifische Immuntherapie, die sogenannte Hyposensibilisierung, gehört heute im Alter zu den Behandlungsmöglichkeiten.

"Eine Altersgrenze gibt es heute - im Gegensatz zu früher - nicht mehr", erklärt Jörg Kleine-Tebbe. "Studien weisen darauf hin, dass auch Betroffene im hohen Alter davon profitieren, vor allem, wenn sie eine neue Allergie entwickelt haben."

Experten empfehlen die Spritzen- oder Tablettenkur aber nur, wenn herkömmliche Medikamente nicht ausreichend helfen und andere verordnete Arzneien, zum Beispiel Beta-Blocker, nicht dagegen stehen.

Vorbeugen kann man Allergien im Erwachsenenalter bislang nicht. Wer noch nicht zu den Schniefenden und Hustenden gehört, darf sich weiterhin glücklich schätzen - allerdings unter Vorbehalt.