Politik: Zaghafter Kampf gegen Alkohol

Deutschland trinkt viel und gerne. Bei mehr als sieben Millionen Bundesbürgern gilt der Konsum als problematisch. Die Politik setzt auf Aufklärung. Doch genügt das?

von Ralph Müller-Gesser, 03.04.2018

Gewohnte Droge: Alkohol ist im Alltag vieler Deutschen fest verankert


Natürlich beginnt das Fußballspiel mit einem kühlen Pils. Und der folgende Spielfilm auch. Werbespots für alkoholische Getränke laufen im deutschen Fernsehen ständig und zur besten Sendezeit.

Ihre Botschaft ist unmissverständlich: Trink Alkohol, und du fühlst dich gut, bist vol­ler Tatendrang, lebenslustig. Dieses positive Bild der legalen Droge Alkohol erfreut Winzer wie Brauereien. Ihr Ab­satz stimmt – bei Verbrauchern aller Altersklassen.

Sinkender, aber nach wie vor problematischer Konsum

Kurioserweise erfreuen die Zahlen zum Alkohol auch Ärzte und Drogenexperten – zumindest auf den ersten Blick. Denn der durchschnittliche Alkoholkonsum pro Person sinkt in Deutschland seit Jahren, wie ein kürzlich vom Krebsforschungszentrum in Heidelberg veröffentlichter Bericht feststellt.

Zugleich macht der sogenannte Alkohol­atlas aber deutlich: Mehr als sieben Millionen Bundesbürger konsumieren riskante Mengen. So trinken 18 Prozent der Männer täglich mehr als 20 Gramm reinen Alkohol (rund einen halben Liter Bier), 14 Prozent der Frauen mehr als 10 Gramm (etwa einen Viertelliter Bier).

Zahlreiche Gesundheitsschäden durch Alkohol

Regelmäßiger Alkoholkonsum sei stets problematisch – unabhängig von der Menge, sagt Professor Helmut Seitz, Direktor des Alkoholforschungszen­­trums der Universität Heidelberg. "Es hält sich hartnäckig der Glaube, ein Glas Wein pro Tag sei gut für Gesundheit und Herz." Doch bei den meisten, vor allem bei jüngeren Menschen, hat regelmäßiges Alkoholtrinken ungünstige Folgen.

So ist die legale Droge erwiesener­maßen an der Entstehung von mehr als 200 Krankheiten und Symptomen beteiligt. Zuletzt ließen zum Beispiel entsprechende Studien zum Brustkrebs­risiko aufhorchen. Seitz: "Da gibt es keine Schwellendosis. Selbst kleine Mengen Alkohol erhöhen das Risiko."

Jedes Land geht einen eigenen Weg

Da verwundert es nicht, dass der Kampf gegen Alkohol längst auf der Agenda internationaler Vereinigungen steht, etwa der Weltgesundheitsorga­­nisation oder der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Auch in der Euro­päischen Union hat man sich auf das gemeinsame Ziel verständigt, den ­Alkoholkonsum nachhaltig zu reduzieren. Einen einheitlichen Plan gibt es dafür allerdings nicht. "Die EU-Mitgliedsstaaten haben jeder für sich eigene Strategien entwickelt und umgesetzt", sagt Marlene Mortler (CSU), bis zuletzt Drogenbeauftragte der Bundesregierung.

Niedriges Problembewusstsein in der Bevölkerung

In Deutschland liegt der Schwerpunkt auf Aufklärung: mit Online-Programmen für Studenten und Auszubildende, mit Schulprojekten sowie Werbekampagnen, die speziell Erwachsene ansprechen sollen.

Das Problembewusstsein sei nach wie vor zu niedrig, stellt Mortler fest: "Alkohol darf bestenfalls als ein in Maßen zu konsumierendes Genuss­mittel verstanden werden, jedoch auf keinen Fall als Lebensmittel, das wie die Butter zum Brot gehört." Dennoch bezeichnet sie die Aufklärungsmaßnahmen als Erfolg: "Der regelmäßige Alkoholkonsum von Jugendlichen ist innerhalb von zehn Jahren deutlich gesunken."

Ist Alkohol zu niedrig besteuert?

Aufklärung sei unverzichtbar, findet auch Dr. Katrin Schaller vom Alkoholforschungszentrum in Heidelberg. Da­rüber hinaus aber sieht die Mitautorin des Alkoholatlasses erheblichen Handlungsbedarf. "Beim Tabak haben wir gesehen, wie es funktioniert: Mit höheren Steuern, Werbeverboten und einer erschwerten Verfügbarkeit lässt sich der Konsum senken."

Die Expertin ist überzeugt, dass diese Maßnahmen auch beim Alkohol greifen würden. Das zeige das Beispiel der sogenannten Alcopops. Die süßen, alkoholhaltigen Mischgetränke sind seit 2014 fast vollständig vom deutschen Markt verschwunden. Warum? Der Gesetzgeber verteuerte die Produkte mit einer Sondersteuer.

Vorbild Schweden

Als Vorbild in Sachen Alkoholpolitik gilt vielen Fachleuten Schweden. Dort wurde wirkungsvoll an den Stellschrauben gedreht: Der Staat erhebt hohe Steuern auf Alkohol, das Mindestalter für den Kauf von Wein und Spirituosen liegt bei 20 Jahren (18 Jahre für Bier), Alkoholwerbung ist verboten. Schweden gehört im europäischen Vergleich zu den Ländern mit dem niedrigsten ­Alkoholkonsum pro Kopf.

Viele der Maßnahmen wären auch ein Weg für Deutschland, sagt die Drogenbeauftragte Mortler. "Jedoch haben wir bisher dafür keine Mehrheiten." Schaller hält Deutschland ebenfalls nicht reif für unpopuläre Weichenstellungen und kritisiert: "Beim Alkohol stehen wir heute da, wo wir beim Tabak in den 1960er-Jahren waren."