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Corona-Krise daheim: Wie viel Alkohol ist normal?

In Zeiten von Corona kaufen die Menschen deutlich mehr Alkohol. Doch zu viel Bier und Wein können das Immunsystem schwächen oder der Psyche schaden. Wie viel ist zu viel?

von Jan Schwenkenbecher, 07.05.2020
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Nur in Maßen ein Genuss: Auch wenn die Zeiten schwer sind, so ist Alkohol kein Heilmittel für Ängste und Depressionen


Der Mädelsabend beim Italiener, das Feierabendbier in der Kneipe, der Gin Tonic in der Bar – alles Situationen, die gerade wegfallen. Was aber nicht wegzufallen scheint, ist der Alkohol: Verschiedenen Zahlen zufolge kaufen die Menschen in der Coronakrise deutlich mehr davon als zuvor.

Absatz steigt um bis zu 55 Prozent

Zahlen des Marktforschungsinstuts GfK, die dem Spiegel vorliegen, zeigen etwa, dass die Deutschen zwischen Ende Februar und Ende März 34 Prozent mehr Wein kauften als in denselben Wochen im Jahr zuvor. Auch für Bier (11,5 Prozent), klare Spirituosen wie Gin oder Korn (31,2 Prozent), Sherry und Portwein (47,5 Prozent) und Alkoholmischgetränken (87,1 Prozent) nahmen die Einkäufe zu.

In anderen Ländern sieht der Trend ähnlich aus. In den USA stieg gemäß des Martkforschers Nielsen der Absatz von Alkohol in der letzten Märzwoche um 55 Prozent an. Auch in Spanien, Russland oder Brasilien kaufen die Menschen mehr Alkohol als gewöhnlich. Und in Südafrika oder Indien wurde der Verkauf dagegen gesetzlich gestoppt.

Unbeantwortet bleibt derzeit die Frage, ob sich der Alkoholkonsum aus Restaurants, Kneipen und Bars nur in die eigenen vier Wände verlagert, oder ob tatsächlich auch mehr getrunken wird. Was sich aber in jedem Fall ändert, ist die Situation, in der das geschieht.

Ängste werden mit Alkohol wegspült

Möglicherweise verändern sich die Motive fürs Trinken, wenn sich der Konsum nach Hause verschiebt, gibt Ursula Havemann-Reinecke, Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen zu bedenken. "Das ist aber erst einmal eine Hypothese, die untersucht werden muss."

Doch könne die Corona-Krise durchaus zu Verunsicherung bei den Menschen führen und Ängste auslösen: "Existenzängste, Verlustängste, Ängste um den Arbeitsplatz oder Angst, nicht mehr Miete und Wohnung bezahlen zu können. Da gibt es unter den jetzigen Umständen viele Probleme, die stärker werden." Man müsse aufpassen, dass der Konsum nicht außer Kontrolle gerate.

"Erst einmal kann Alkohol die Stimmung verbessern und Ängste nehmen", so Havemann-Reinecke. Aber bei chronischem Konsum bewirke er genau das Gegenteil. "Dann erhöhen sich nämlich Depressivität und Angstsymptomatik. Und so wird nach und nach immer mehr getrunken, um denselben Effekt zu erreichen."

Warum trinken Sie?

Ist die Gefahr, in die Abhängigkeit zu rutschen, also automatisch größer, wenn sich das Trinken von der Kneipe nach Hause verlagert? "Das hängt von den Gründen ab, weswegen jemand mehr zu Hause trinkt", sagt Ursula Havemann-Reinecke, die bei der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) das Referat für Abhängigkeitserkrankungen leitet.

Es mache einen Unterschied, ob ein Paar, dass sein Glas Wein, das es sonst im Restaurant getrunken hätte, jetzt zum Abendessen trinkt. Oder ob jemand einsam in einer Einzimmerwohnung in zweiwöchiger Quarantäne sitzt und trinkt – die Ausgangssituation spiele immer eine Rolle.

"Wenn es das einsame depressive Trinken ist, alleine zu Hause, um die Stimmung zu verbessern, dann kann das schon ein Risikofaktor sein für die Entwicklung einer Abhängigkeit", so die Expertin.

Alkoholkonsum steigert Risiko für Corona-Infektion

Tatsächlich schadet Alkohol so gut wie jedem Organ im Körper. Dabei wird der Schaden größer, je mehr man trinkt. In Corona-Zeiten kommt aber ein besonderer Faktor hinzu: "Alkohol ist ein Zellgift, schädigt die Organe und schwächt das Immunsystem", sagt die Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Heidrun Thaiss.

Damit werde die Fähigkeit des Körpers verringert, mit Infektionen umzugehen. "Außerdem erhöht starker Alkoholkonsum das Risiko eines akuten Atemnotsyndroms, einer der schwerwiegendsten Komplikationen von COVID-19."

Doch wie viel Alkohol ist noch in Ordnung? "Eine Alkoholabstinenz ist am gesündesten", sagt Thaiss. Wer nicht komplett verzichten kann oder möchte, solle sich an folgende Empfehlungen halten: Für einen risikoarmen Alkoholkonsum liegen die Trinkmengen bei gesunden, erwachsenen Frauen bei einem kleinen Glas Wein, Bier oder Schnaps an maximal fünf Tagen pro Woche, für  Männer bei der doppelten Menge. Zwei Tage pro Woche sollten komplett alkoholfrei sein, damit sich eben keine Gewöhnung einstellt, die zur Abhängigkeit führen kann.

Deutliche Warnsignale

Würde täglich mehr getrunken, als es diese Empfehlungen nahelegten, sei das ein mögliches Warnzeichen für einen zu hohen Alkoholkonsum. "Ebenso ist es ein Warnsignal, wenn die Gedanken täglich um den Alkohol kreisen", sagt Thaiss. Weitere Alarmzeichen: wiederholte, erfolglose Versuche, weniger oder gar keinen Alkohol zu trinken oder ein schlechtes Gewissen wegen des eigenen Alkoholkonsums. "Und wer heimlich trinkt, hat bereits ein Alkoholproblem."

Betreffe das Trinken eher den Partner als einen selbst, dann könne im ersten Schritt ein Gespräch unter vier Augen hilfreich sein. "Zeigen Sie, dass Sie sich sorgen und helfen möchten", so Thaiss, "Vorwürfe oder Belehrungen haben dagegen keine Erfolgsaussichten."

Ich-Botschaften wie "Ich beobachte, dass … und machen mir deswegen Sorgen um dich" könnten die Bereitschaft zum Gespräch fördern. "Alkoholprobleme sind nach wie vor tabuisiert. Niemand spricht gerne darüber, deshalb ist viel Fingerspitzengefühl von Nöten."

Wer testen möchte, ob sein Alkoholkonsum problematisch ausfällt, findet unter "Kenn Dein Limit" einen Selbsttest der BZgA. Außerdem bietet die BZgA ein Infotelefon zum Thema an, das unter 0221-892031 angerufen werden kann.

Wer sich an eine Suchtberatungsstelle wenden möchte, kann sich die nächstgelegene unter bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e. V. heraussuchen.

Eine Übersicht zu Selbsthilfegruppen bietet die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Unterstützung von Selbsthilfegruppen. Und wer online eine kostenfreies Selbsthilfeprogramm absolvieren möchte, für den gibt es das unter www.selbsthilfealkohol.de.