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Akupunktur: Gesund gepikst

Dass Akupunktur funktioniert, ist für viele Symptome erwiesen. Wie sie wirkt, muss allerdings weiter erforscht werden

von Konstanze Faßbinder, 27.02.2020
Kopf Akupunktur

Akupunkturhilfe: Büste mit eingezeichneten Zielpunkten für die Nadelstiche


Der systematische Kanon des Stechens und Brennens": Der  Titel des ersten chinesischen Werks über Akupunktur klingt ziemlich rabiat. Im 3. Jahrhundert nach Christus beschrieb Huangfu Mi darin mehrere Hundert Punkte am Körper, in die man mit feinen Nadeln stechen solle, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Bis heute hat sich daran grundsätzlich nicht sehr viel geändert. Dass die Jahrtausende alte Heilmethode aus der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) bei bestimmten Symptomen wirkt, legen zahlreiche Studien nahe. Doch wie sie genau funktioniert, ist nicht restlos geklärt – und das sorgt nach wie vor für Skepsis vonseiten mancher Schulmediziner.

Lediglich für chronische Kniegelenksschmerzen und chronische Rückenschmerzen übernehmen seit 2007 alle gesetzlichen Krankenkassen die Therapiekosten. Dabei gibt es inzwischen auch viele Hinweise, dass Akupunktur genauso bei Spannungskopfschmerzen und Migräne, bei Übelkeit und Erbrechen nach Operationen und Chemotherapien sowie bei Heuschnupfen ein wirksames Mittel sein kann.

Blockierte Lebensenergie

Die TCM erklärt Krankheitssymptome damit, dass die Lebensenergie Qi im Körper nicht mehr frei fließen kann. Dessen Leitbahnen, die Meridiane, seien blockiert, wodurch ein Symptom oder eine Krankheit entstehe. Mittels der gezielten Nadelstiche in bestimmte Punkte würden diese Blockaden gelöst. Die Symptome lassen nach und verschwinden bestenfalls. 361 dieser Punkte befinden sich laut TCM verteilt über den ganzen Körper: im Gesicht, auf Armen, Händen, Beinen, Füßen sowie am Rumpf. Doch warum sollen genau dort die Nadeln gesetzt werden? Und was passiert an den Einstichstellen und ausgehend von dort im Organismus? 

"Ende der 1980er-Jahre hat ein deutscher Anatom alle 361 Akupunkturpunkte seziert, wie sie in den Körperatlanten beschrieben sind", erklärt  Dr. Jan Valentini. Der Facharzt für Allgemeinmedizin und Akupunktur leitet das Team Komplementäre und Integrative Medizin am Universitätsklinikum Tübingen. "Das Ergebnis: Sehr häufig liegen sie über Faszienlücken. Dort sind Gefäß- und Nervenbündel, viele freie Nervenendigungen, die Signale aufnehmen können, und eine hohe Dichte an Tastkörperchen." Diese anatomischen und histologischen Eigenschaften seien gut untersucht und unter dem Mikroskop sichtbar, so Valentini. Zudem sei die Leitfähigkeit der Haut an den beschriebenen Stellen deutlich größer.

Ein Feuerwerk an Botenstoffen

Wird eine Nadel dort eingestochen, passiert zunächst Ähnliches, wie wenn man sich schneidet: "Es werden beispielsweise Histamin, Stickstoffmonoxid, Adenosin und Substanz P ausgeschüttet – da geht ein richtiges Feuerwerk an Botenstoffen los", sagt Valentini. Diese bewirken lokal unter anderem, dass die Gefäße erweitert und besser durchblutet werden. "Die Botenstoffe docken aber auch an Synapsen, also Nervenübertragungsstellen, an, sodass Signale über das periphere Nervensystem ins Rückenmark und von dort aus weiter zum Gehirn geschickt werden", erklärt Allgemeinmediziner Valentini. Die Existenz der Meridiane als Energieleitbahnen hingegen wurde bisher nicht nachgewiesen. Inzwischen stellen auch TCM-Experten sie zunehmend infrage.

"Man muss berücksichtigen, dass Konzepte der TCM teilweise vor unserer Zeitrechnung entstanden sind", erläutert der Internist Professor Gustav Dobos, der die Fachklinik für Natur­heilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte leitet. "Ihnen liegt ein völlig anderes anatomisches beziehungsweise Wissenschaftsverständnis zugrunde, das wir heute adaptieren müssen." Als Lehrstuhlinhaber für Naturheilkunde an der Universität Duisburg-Essen erforscht er, wie erfahrungsbasierte traditionelle Heilsysteme wie die TCM auf Basis wissenschaftlicher Überprüfung in evidenzbasierte Medizin umgesetzt werden können.

Schon der Stich allein wirkt

"Bei Forschungen sind wir zum Beispiel zu dem Schluss gekommen, dass allein schon die Wirkung einer Akupunkturnadel – an einem beliebigen Punkt gestochen – einen Schmerzlinderungsprozess im Körper auslöst", sagt Dobos. Es spreche viel dafür, dass dieser Prozess auf diffuse Stimuli reagiere, also nur zum Teil an spezielle Akupunkturpunkte gebunden sei. "Man kann dieses Phänomen mit ‚Schmerz hemmt Schmerz‘ umschreiben", sagt Dobos: "Neue Schmerzreize werden von alten unterschieden, die bereits bekannten dadurch abgeschwächt." So begegnet er der Hauptkritik von Akupunkturgegnern, die die Wirksamkeit der Anwendung für einen reinen Placebo-Effekt halten.

Denn Anfang der 2000er-Jahre hatten die groß angelegten deutschen Art- und Gerac-Studien Akupunktur mit sogenannter Scheinakupunktur verglichen. Hier waren Nadeln an "falschen" Punkten der Haut gesetzt worden – und erzielten trotzdem ähnliche Effekte wie die traditionelle Behandlung.

Akupunktur wirkt stärker

Dennoch: An den beschriebenen Akupunkturpunkten erfolgt aufgrund ihrer besonderen Charakteristik meist eine stärkere Reaktion, so Valentini. Neuere Studien zeigten das auch anhand funktioneller Magnetresonanztomografie: Von echter Akupunktur aktivierte Hirnareale seien darin größer als jene von Scheinakupunktur. "Zudem sprechen wir heute auch weniger von Millimeter großen Akupunkturpunkten als von Akupunkturarealen", fügt er hinzu.

Weil in den beiden Studien aber auch Scheinakupunktur bei Migräne und Kopfschmerzen gute Ergebnisse erzielte, übernähmen die Kassen nach wie vor nicht die Kosten, kritisiert Dobos. Dabei erzielt Akupunktur bei der Behandlung von Migräne und Kopfschmerzen – speziell bei episodischen Spannungskopfschmerzen – sehr gute Erfolge. "Ein 2018 im Journal of Pain veröffentlichtes Update zur Wirkung von Akupunktur bei chronischen Schmerzen beschreibt eine anhaltende Wirkung, die über einen reinen Placebo-Effekt hinausreicht", sagt Gustav Dobos. "Ein wichtiger Punkt ist auch, dass sie deutlich weniger unerwünschte Wirkungen hat als die zum Teil schweren Medikamente und gleichzeitig kein Suchtpotenzial." So heiße es bereits in der 2009 aktualisierten Cochrane-Review, Akupunktur sei eine wertvolle nicht pharmakologische Therapiemöglichkeit und mindestens so wirksam, möglicherweise sogar wirksamer als eine medikamentöse prophylaktische Therapie.

Jahrtausende an Erfahrung

Die Herausforderung ist laut Valentini diese: "Bei der Medikamentenforschung sind oft die genauen Krankheitsursachen bekannt. Die Mittel werden für eine bestimmte Schlüsselfunktion hypothetisch konstruiert und dann getestet." Bei der Akupunktur gebe es dagegen eine 3.000 bis 6.000 Jahre alte Erfahrung aus der Praxis. "Für die suchen wir die zugrundeliegende Theorie und den exakten Wirkmechanismus."