Adipositas und Esssucht: Therapie

Mehr Bewegung und eine Ernährungsumstellung – das sind die beiden wichtigsten Säulen der Adipositas-Behandlung. Manchmal sind jedoch noch weitere Maßnahmen nötig

aktualisiert am 07.02.2014

Ran an den Speck: Regelmäßiges Training macht nicht nur zufrieden, sondern lässt auch die Pfunde schmelzen


Wird dem Körper weniger Energie zugeführt, als er benötigt, dann werden gespeicherte Kalorien verbraucht, das Gewicht sinkt langsam. Deshalb ist es die Grundlage jeder Adipositas-Behandlung, die Kalorienzufuhr durch eine dauerhafte Ernährungsumstellung zu reduzieren und den Kalorienverbrauch durch mehr körperliche Aktivität zu erhöhen.

Entscheidend für den Erfolg ist dabei die Motivation des Betroffenen, sprich: Hat er den Willen mitzumachen und die Disziplin, längerfristige Therapie-Maßnahmen auch konsequent umzusetzen? Denn das Therapieziel ist es, das reduzierte Gewicht dann auch zu halten. Von strengen Diäten mit oft nur kurzfristigem Effekt raten Experten daher übereinstimmend ab.

Viele Betroffene therapieren sich erfolgreich in Eigenregie, wobei die moralische Unterstützung durch Verwandte und Freunde wichtig ist. Doch es kann in schweren Fällen auch sinnvoll oder sogar unerlässlich werden, Medikamente einzusetzen oder einen operativen Eingriff in Betracht zu ziehen.

Welche Therapiemaßnahmen zum Einsatz kommen, hängt vom Ausmaß des Übergewichts ab und davon, ob und welche Folgeerkrankungen bereits eingetreten sind oder drohen. Bei Übergewicht (Körpermasse-Index (BMI) von 25 bis 29,9 – siehe Kapitel "Was ist Adipositas?") und bestehenden Erkrankungen, die sich dadurch verschlimmern, wird eine Behandlung angeraten. Bei BMI-Werten über 30 sollte in jedem Fall eine Therapie erfolgen.

Ernährungsumstellung

Schon einige Kilo weniger reichen häufig aus, um Begleiterkrankungen zu lindern oder zu heilen. Das gilt zum Beispiel für die Zuckerkrankheit. Fachleute gehen davon aus, dass bereits eine Gewichtsreduktion von fünf bis zehn Kilogramm die Blutzuckerwerte deutlich verbessert oder normalisiert.

Wichtig um erfolgreich und auf Dauer abzunehmen ist es, das Gewicht langsam zu reduzieren. Sonst kommt es zum so genannten Jo-Jo-Effekt, was bedeutet: Nach raschem Abnehmen hat sich der Körper auf diese verminderte Kalorienzufuhr eingestellt. Beenden Betroffene dann ihre Diät und essen wieder normal (also vergleichsweise mehr), so verwertet der Körper die jetzt zugeführte überschüssige Energie sofort. Die Folge: eine übermäßige neuerliche Zunahme des Körpergewichts.

Hinzu kommt: Rasche Abspeck-Aktionen haben in der Regel keinen Einfluss auf die zur Routine gewordenen Essgewohnheiten. Doch genau darum geht es: Das Ernährungsverhalten und damit der Lebensstil müssen verändert werden, um das reduzierte Gewicht auf Dauer auch halten zu können.

Aus all diesen Gründen halten Experten wenig von den allermeisten Blitz-Diäten. Sinnvoller ist eine Ernährungsumstellung mit dem Ziel einer ausgewogenen, nicht allzu kalorienreichen Kost sowie regelmäßige Bewegung.

Eine Orientierung bei der Ernährungsumstellung können die Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sein. Diese zehn Regeln der DGE sollen helfen, auf der Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse genussvoll und gesund zu essen. Dazu gehört es reichlich Getreideprodukte, Gemüse und Obst zu essen, auf verstecktes Fett zu achten (etwa in Wurst, Gebäck, Fastfood), Zucker und Salz nur in Maßen zu konsumieren und sich für die Mahlzeiten Zeit zu nehmen.

Bei starker Reduktion der Kalorienzufuhr können Nebenwirkungen auftreten. Der schnelle Gewichtsverlust kann zum Beispiel zu fallendem Blutdruck, vorübergehender Erschöpfung und Schwindel führen. Bei sehr rascher Gewichtsreduktion treten gehäuft Gallensteine auf.

Eine ärztliche Überwachung einer kalorienreduzierten Ernährung ist im Zweifel daher angeraten. Menschen mit krankhaften Essstörungen, anderen Allgemeinerkrankungen oder Schwangere und Stillende sollen keine Kalorienreduktion ohne Rücksprache mit einem Arzt durchführen. Bei Kindern ist der Kinderarzt hinzuzuziehen.

Mehr Bewegung

Ein Bewegungsprogramm gilt inzwischen als genauso wichtig wie eine kalorienreduzierte Ernährung. Zwar führt mehr Bewegung nicht unbedingt zu einem größeren Gewichtsverlust. Denn körperliche Aktivität reduziert zwar die Fettmasse, baut aber zugleich Muskelmasse auf. Doch durch die Zunahme der Muskelmasse steigt jedoch auch der Energieumsatz. Mehr Bewegung hilft deswegen vor allem, ein reduziertes Gewicht auch auf Dauer zu halten. Außerdem hat Sport einen günstigen Einfluss auf das Sättigungsgefühl und hilft der Psyche: Stress wird abgebaut, und die Motivation gesteigert.

Die größte Wirkung zeigen Ausdauer-Sportarten wie Joggen, Wandern, Walking, Schwimmen oder Radfahren. Hierbei gilt: Die eigene Leistung langsam steigern. Wer schon länger keinen Sport mehr getrieben hat, über 35 Jahre alt ist oder unter körperlichen Einschränkungen oder Krankheiten leidet, sollte vorher unbedingt ärztlichen Rat einholen. Auch mehr Bewegung im Alltag kann schon positive Effekte zeigen. Also zum Beispiel Treppen gehen, anstatt Aufzug zu fahren oder das Auto mal stehen lassen und aufs Fahrrad umsteigen.

Verhaltensänderung

Eine typische Verhaltenstherapie mit wöchentlichen Sitzungen über einen Zeitraum von durchschnittlich 18 Wochen kann hilfreich sein, um ein Ernährungs- und Bewegungsprogramm umzusetzen. Denn durch solche Therapien werden Eigenkontrolle und Stressbewältigung verbessert, dabei Techniken und Prinzipien erlernt, mit deren Hilfe Essgewohnheiten verändert und die körperliche Aktivität gesteigert werden können.

Hierzu gehört unter anderem die Selbstbeobachtung des Ess- und Trinkverhaltens. Etwa die Fragen: Warum esse ich so viel? Aus Frust? Und wie kann ich besser mit dem Frust umgehen? Wie kann ich mich angemessen belohnen? Wie kann ich Sport und Bewegung besser in meinen Alltag integrieren? Wie kann ich Misserfolge beim Abnehmen besser bewältigen? Auch der Besuch von Selbsthilfegruppen kann dazu beitragen, sich gegenseitig Mut zu machen, Erfahrungen auszutauschen und so den Kampf gegen die Pfunde besser zu meistern.

Medikamente

Der Einsatz von Medikamenten wird in der Regel dann erwogen, wenn andere Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg zeigen, der BMI über 30 steigt oder wenn bestimmte Begleiterkrankungen vorliegen. Die medikamentöse Therapie kann auch unterstützend zu diätetischen und verhaltenstherapeutischen Maßnahmen erwogen werden. Eine ärztliche Kontrolle muss dafür gewährleistet sein.

Der Wirkstoff Orlistat verringert die Fettaufnahme im Darm. Nimmt der Patient zu fettreiche Nahrung zu sich, kann die Substanz heftige Blähungen auslösen – was Betroffenen die Lust nimmt, weiter so fettreich zu speisen. Die gewichtssenkende Wirkung von Orlistat beträgt im Schnitt zwei bis drei Kilogramm. Patienten mit Gallensteinen und verminderter Bauchspeicheldrüsenfunktion darf Orlistat nicht verabreicht werden.

Chirurgische Eingriffe

Chirurgische Maßnahmen kommen bei extrem übergewichtigen Erwachsenen (Körpermasse-Index (BMI) größer 40 / Grad III – siehe Kapitel "Was ist Adipositas?) in Betracht, die nicht auf andere Therapieformen ansprechen oder bei Patienten mit einem BMI größer als 35 (Grad II), wenn zugleich schwerwiegende Begleiterscheinungen vorliegen. Es kommen verschiedene Verfahren zum Einsatz, die das Ziel haben, das Volumen des Magens zu verkleinern oder die Aufnahme von Nährstoffen im Dünndarm zu verringern.

Eine wichtige Methode ist das so genannte Gastric Banding. Hierbei wird ein Silikonband um den oberen Teil des Magens gelegt und so dessen Durchmesser reduziert. Das Sättigungsgefühl tritt dadurch wesentlich schneller ein. Das Silikonband kann mit Flüssigkeit gefüllt und somit der Magendurchmesser nachträglich reguliert werden.

Nach dem chirurgischen Eingriff nehmen die Patienten rasch ab. Der Gewichtsverlust pendelt sich nach 18 bis 24 Monaten ein, häufig im Bereich des Übergewichts. Durchschnittlich sinkt das Gewicht um 30 bis 60 Kilogramm.

Wie bei vielen Operationen sind die Nebenwirkungen und Gefahren nicht zu unterschätzen. Die Sterblichkeit bei Adipositas-Operationen liegt bei 0,3 bis 1,6 Prozent. Auch verschiedene, zum Teil schwerwiegende Komplikationen, können auftreten. Etwa 20 Prozent der operierten Patienten machen aber den Behandlungserfolg zunichte, indem sie hochkalorienreiche, flüssige Nahrung zu sich nehmen. Oder sie essen nach einiger Zeit größere Mengen und dehnen dadurch den verkleinerten Magen wieder aus.

Auch nach Operationen ist es daher sehr wichtig, dass Lebensstil und Ernährung nachhaltig verändert werden. Die Speisen sollen vor allem ausgewogen sein, denn wegen der jetzt vergleichsweise kleinen Mahlzeiten kann es sonst zur Mangelernährung kommen.

Die Fettabsaugung (Liposuktion) wird nicht zur Therapie der Adipositas eingesetzt. Denn hierbei geht es nur um die Entfernung überschüssiger, lokaler Fettmengen. Fettabsaugung ist also ein rein kosmetisches Verfahren.