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Umgang mit ADHS: So können Sie Ihre Kinder unterstützen

Mit konsequenter Erziehung können Sie die Symptome der ADHS und das Verhalten Ihres Kindes positiv beeinflussen. Die wichtigsten Tipps

von Dr. Julian Hörner, 01.08.2019

Chaos im Kinderzimmer, Wutanfälle und die ständigen Probleme mit den Hausaufgaben... Der Umgang mit ADHS-Kindern kostet Eltern enorm viel Kraft. Doch Eltern können einiges tun, um die Situation zu verbessern.

Grundlegend empfehlen Fachleute immer ein umfassendes Elterntraining, wenn ein Kind eine Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS hat. Nicht nur das Kind soll begreifen, was mit ihm vorgeht und sein auffälliges Verhalten in den Griff bekommen. Auch die Eltern des Kindes sollen erfahren, wie sich ADHS bei ihrem Kind äußert.

Prof. Manfred Döpfner

Grundregel: Teufelskreis durchbrechen

"Fehler in der Erziehung machen fast alle Eltern", weiß der Professor für Psychotherapie Manfred Döpfner. Aber das sei etwas sehr menschliches. "Kinder mit ADHS reagieren jedoch schneller auf Erziehungsfehler – und man selbst handelt bei ihnen nicht immer richtig." Laut Döpfner tappen fast alle Eltern von ADHS-Kindern in dieselbe Falle: Sie geraten in einen Teufelskreis aus Ermahnen, Schimpfen, Schreien, Drohen und Weinen. (siehe Grafik)

Infografik: Teufelskreis ADHS

Geben die Eltern schließlich nach, verhalten sich die Kinder nur noch auffälliger und die Symptome der ADHS werden stärker. Werden die Eltern aggressiv, lernt das Kind: Aggression löst Probleme. Diesen Teufelskreis gilt es an verschiedenen Stellen aufzubrechen. Diese drei Punkten können können Ihnen im Umgang mit Ihrem Kind helfen:

  1. Positive Beziehung stärken
  2. Regeln aufstellen und konsequent durchsetzen
  3. Selbstfürsorge

Kinder führen –  Jugendliche einbinden

Die hier vorgestellten Ratschläge richten sich in erster Linie an Eltern von etwa drei- bis zwölfjährigen Kindern. Sie brauchen vor allem Orientierung und Führung. Jugendliche hingegen müssten stärker in diese Trainings eingebunden werden und selbst mehr Verantwortung dabei übernehmen, empfiehlt Döpfner. Im Grunde geht es aber auch bei den Trainings für Jugendliche darum, den Teufelskreis der ADHS zu durchbrechen.

Tipp 1: Positive Beziehung stärken

Psychotherapeut Döpfner weiß aus seiner täglichen Praxis, dass sich Eltern und Kinder häufig nur noch negativ erleben. Er rät den Eltern daher, sich immer zu fragen: "Was läuft noch gut?" Es sei wichtig, die negative Brille abzusetzen und die positiven Seiten in der Beziehung wahrzunehmen.

  • Achten Sie besonders darauf, was Sie an Ihrem Kind mögen: Ist es besonders fantasievoll, sportlich, gewitzt?
  • Führen Sie sich vor Augen, was Ihrem Kind im Alltag alles besser gelingt als früher. Beachten Sie dabei auch Kleinigkeiten und Selbstverständliches. 
  • Zeigen Sie Ihrem Kind immer wieder, dass Sie es gern haben. Sagen und zeigen Sie ihm, worüber Sie sich freuen.
  • Versuchen Sie möglichst häufig, etwas Schönes mit Ihrem Kind zu erleben. Setzen Sie sich beispielsweise feste Zeiten, zu denen Sie mit Ihrem Kind spielen.

Tipp 2: Regeln aufstellen und konsequent durchsetzen

Regeln geben Ihrem Kind Halt, Sicherheit und Orientierung. Gerade Kinder mit ADHS haben Probleme damit, sich selbst zu steuern, erklärt Döpfner und empfiehlt: "Stellen Sie die wichtigsten Familienregeln auf. Erarbeiten Sie diese Regeln zusammen mit Ihrem Kind."

Wenige klare Regeln, die Sie durchsetzen können, sind besser als immer neue Ge- und Verbote, auf deren Einhaltung niemand achtet. Häufig gäbe es zu viele Regeln, so der Psychologieprofessor. Döpfner rät hier, Prioritäten zu setzen. "Was ist wirklich wichtig für das Kind und das Zusammenleben in der Familie? Ist es beispielweise so schlimm, wenn es abends früher vom Essenstisch aufsteht?"

Unmittelbare Konsequenzen sind wichtig

Besprechen Sie mit Ihrem Kind auch die Konsequenzen, sollte es sich nicht an die Regeln halten. Die Konsequenzen für Regelverstöße müssen nicht hart sein. Wichtig ist dagegen, dass sie immer und unmittelbar auf ein problematisches Verhalten Ihres Kindes erfolgen.

ADHS-Kinder unterscheiden sich hier von anderen Kindern. Sie reagieren kaum darauf, wenn Sie Strafen erst Stunden später aussprechen oder dasselbe Verhalten einmal durchgehen lassen und ein andermal nicht. Stimmen Sie sich deshalb in Ihrer Beziehung oder mit den Bezugspersonen des Kindes über die wichtigsten Regeln ab. Legen Sie zusammen die Konsequenzen fest, sollte Ihr Kind gegen die Regeln verstoßen.

Auch Selbstverständliches verdient Lob

Zur Konsequenz gehört auch, dass Sie Ihr Kind für positives Verhalten loben. Hier gilt dasselbe wie für Strafen: Damit das Kind den Bezug zum Anlass herstellen kann, müssen Sie Ihr Kind immer ganz unmittelbar für positives Verhalten loben. Das gilt auch für scheinbar Selbstverständliches.

Viele Eltern kommen in Döpfners Sprechstunde und meinen, es sei doch selbstverständlich, dass das Kind seine Hausaufgaben mache. Dem entgegnet der Psychologie-Professor, dass sich Kinder mit ADHS viel mehr anstrengen müssten als andere Kinder. Deswegen sei es auch wichtig, solche sogenannten Selbstverständlichkeiten positiv herauszustellen.

Loben Sie Ihr Kind immer, wenn es eine Regel eingehalten hat. Lob bedeutet Anerkennung und Bestätigung. Diese positive Verstärkung führt eher als Strafen dazu, dass Ihr Kind sein Verhalten ändert.

Situationen durchspielen

Als Eltern kennen Sie die Situationen, in denen es immer wieder Probleme gibt. Setzen Sie sich deshalb vorher mit Ihrem Kind zusammen und wiederholen Sie gemeinsam die drei wichtigsten Regeln.

Schulkinder haben beispielsweise immer wieder Probleme damit die Hausaufgaben zu machen. Der Verhaltenstherapeut Döpfner empfiehlt daher er bei seinen Elterntrainings, mit dem Kind ganz klare Regeln zu vereinbaren und im Vorfeld festzulegen:

  • Der Arbeitsplatz Ihres Kindes sollte immer an der gleichen Stelle sein. Außerdem sollten nicht zu viele Spielzeuge im Blickfeld des Kindes liegen. Das lenkt ab.
  • Legen Sie mit Ihrem Kind eine konkrete Uhrzeit fest, wann es mit den Hausaufgaben anfängt – beispielsweise immer 20 Minuten nach dem Mittagessen oder direkt im Anschluss daran.
  • Vereinbaren Sie mit Ihrem Kind, dass es ein Schulfach nach dem anderen durcharbeitet.
  • Sehen Sie sich die Hausaufgaben Ihres Kindes an und sagen Sie ihm, wie lange es höchstens für jedes Fach brauchen darf.
  • Sagen Sie Ihrem Kind, dass Sie ihm gerne helfen, wenn es nicht weiterkommt. Trotzdem soll es sich erst einmal anstrengen und die Aufgaben möglichst alleine lösen.

"Vereinbaren Sie mit Ihrem Kind für jeden einzelnen dieser Schritte eine Belohnung, wenn es das meistert", rät Döpfner. Das kann beispielsweise eine Spielzeit am Computer oder der Spielekonsole sein.

Tipp 3: Selbstfürsorge

Bei aller Fürsorge für Ihr Kind sollten Sie einen Menschen niemals aus dem Blick verlieren: sich selbst.

Entspannen

Achten Sie auf Ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Überlegen Sie sich, was Ihnen gut tut und was Sie entspannt. Für manche sind es Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung oder Meditation. Anderen hilft es sich bei Sport auszupowern und so zur Ruhe zu finden.

Auszeiten nehmen

Außerdem hilfreich: Nehmen Sie regelmäßige Auszeiten von der Erziehung. Möglicherweise können Sie sich mit Ihrem Partner bei einzelnen Aufgaben der Erziehung abwechseln oder nahe Verwandte, wie die Großeltern, um Hilfe bitten. Wenn Sie dadurch immer wieder neue Kraft schöpfen, hilft das nicht nur Ihnen selbst. Auch Ihr Kind wird davon profitieren.

Gelassen bleiben

Ihre Aufgabe als Eltern ist es, den Überblick über die jeweilige Situation zu behalten und trotz aller Provokationen ruhig und gelassen einen inneren Abstand zu wahren. Doch wenn der Geduldsfaden zu reißen droht, kann Folgendes helfen: Machen Sie sich bewusst, dass Ihr Kind eine Beeinträchtigung hat. Das macht es ihm schwer, wie andere Kinder zu reagieren. "Dafür kann das Kind nichts", unterstreicht der Psychologie-Professor Döpfner. "Wenn man sich das klar macht, wird man vielleicht nicht so schnell sauer." Die Aggression des Kindes ist in der Regel auch nicht gegen Sie als Person gerichtet, sondern gegen Ihre Rolle als Verbieter.

Abstand gewinnen

In emotional überhitzten Situationen können Diskussionen jedoch auch fruchtlos sein. Hier ist es manchmal besser, die Auseinandersetzung zu unterbrechen. Geben Sie sich selbst und Ihrem Kind ein wenig Abstand voneinander. Verlassen Sie das Zimmer, atmen Sie tief durch und versuchen Sie zu entspannen.

Verhaltenstherapie und Medikamente: Manchmal nötig bei ADHS

Die Symptome der ADHS können auch so stark ausgeprägt sein, dass eine Erziehungsberatung alleine nicht mehr ausreicht. Bei extremer Unruhe, Konzentrationsschwäche und Impulsivität empfehlen Fachleute zusätzlich eine Verhaltenstherapie oder auch eine Behandlung mit Medikamenten. Doch selbst dann machen Elterntrainings als begleitende Maßnahme Sinn.

Wo finde ich Unterstützung?

Als erste Anlaufstelle bietet sich immer Ihre Praxis für Kinderheilkunde an. Dort kennt man die Beratungsstellen in Ihrer Umgebung und kann eine Psychotherapie verordnen, falls das nötig sein sollte. Bei entsprechender Zusatzausbildung kann die Praxis auch selbst Elterntrainings durchführen. In der Regel übernehmen die Krankenkassen die Kosten für Elterntrainings als psychoedukative Maßnahme.

Andere Eltern von ADHS-Kindern haben vermutlich ganz ähnliche Sorgen und Probleme wie Sie. Sich darüber in Selbsthilfegruppen auszutauschen, kann eine wichtige Stütze im Alltag sein. Außerdem können Selbsthilfegruppen Sie beraten und den Kontakt zu ADHS-Netzwerken in Ihrer Nähe herstellen.

Weiterführende und unabhängige Informationen finden Sie auch hier:

Quellen

Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP), der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (DGPPN), der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin e.V. (DGSPJ): ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, 05/2017. Online: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/028-045.html (Abgerufen am: 10.07.2019)

Döpfner M, Schürmann S, Frölich J: Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten (THOP), 4. Auflage, Weinheim Beltz, Psychologie Verlags Union 2007