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Hungerbremse: Mit Spritzen abnehmen?

Ein neues Diabetesmittel namens Semaglutid erzeugt ein Gefühl der Sättigung und zügelt den Appetit. Dadurch lässt es die Pfunde ­kräftig purzeln. Eignet es sich auch allein zum Abnehmen?

von Dr. Christian Heinrich, 06.05.2019
Frau lehnt Teller mit süßen Kuchen ab

Der Wunschtraum vieler Menschen, die abnehmen möchten: Ein Medikament, das den Hunger ausschaltet


Wer sein Gewicht verringern will, muss seinen Lebensstil ändern. Vorrangig geht es um die Umstellung der Ernährung, an zweiter Stelle um mehr Bewegung. Doch Adipositas, so der medizinische Name für starkes Übergewicht, ist extrem schwer zu bekämpfen. Meist bringt alle Disziplin nichts, und manche Menschen nehmen sogar weiter zu. Nur die wenigsten schaffen es, ihren Diätplan einzuhalten.

Medikamente, die den Erfolg verbessern, wären ein großer Fortschritt. Forscher und Pharmafirmen setzen einige Hoffnung in die Substanz Sema­­glutid. Sie wird einmal wöchentlich unter die Haut gespritzt. Mit der höchsten Dosierung konnten adipöse Menschen binnen eines Jahres ihr Körpergewicht im Schnitt um fast 14 Prozent reduzieren. Das ist mehr, als zuvor in einer Abnehmstudie mit einem Medikament erreicht wurde. Die Ergebnisse der vom Hersteller unterstützten Studie erschienen im August 2018 im Fachmagazin Lancet.

Ein Jahr - 14% weniger Gewicht

Semaglutid ähnelt dem körpereigenen Darmhormon GLP-1 und imitiert dessen Effekte. So zügelt es unter anderem den Appetit und erzeugt das Gefühl von Sättigung. Der verwandte Wirkstoff Liraglutid ist bereits seit drei Jahren in Deutschland zum Abnehmen auf dem Markt. Bei beiden Substanzen handelt es sich primär um Medikamente zur Behandlung von Typ-2-­Diabetes. Lira­glutid wurde im Jahr 2009, Sema­glutid Anfang 2018 europaweit dafür zugelassen.

Doch zur Gewichtsreduktion darf Semaglutid weltweit noch nicht eingesetzt werden. Dazu sind Untersuchungen an einer größeren Anzahl adipöser Menschen nötig. Erst dann wird sich zeigen, ob der Abnehm­effekt wirklich deutlich größer ist als mit Liraglutid. Darauf deuten die vorläufigen Ergebnisse hin.

Kein Allheilmittel

Ein Allheilmittel gegen Adipositas sind diese Arzneimittel allerdings nicht. "Medikamente werden in der Regel erst dann verordnet, wenn die Umstellung der Ernährung, körperliche Bewegung und verhaltenstherapeutische Maßnahmen nicht greifen", so Stefan Engeli, Professor am Institut für Klinische Pharmakologie an der Medizinischen Hochschule Hannover und Vorstandsmitglied der Deutschen Adipositas-Gesellschaft.

Arzneimittel können die Abnehm­bemüh­ungen des Einzelnen lediglich unterstützen. Doch immerhin: "Manche Patienten erzielen damit eine Gewichtsreduktion, die sie vorher mit Lebens­stiländerungen allein nicht erreicht haben", sagt Engeli.

Wirkstoffe imitieren das Hormon - zwei wichtige Effekte

Adipositas ist keine Krankheit

Ähnlich bewertet es Andreas Birkenfeld, Professor für Metabolische- und Gefäßmedizin an der Technischen Universität Dresden und Mitautor der Lancet-Studie. Aber er sieht auch einige Hürden. So erkennen die gesetz­­lichen Krankenkassen Medikamente zur Gewichts­reduktion nicht als notwendig an – unter anderem, weil Adipositas nicht als Krankheit gilt. Selbst Ernährungsberatungen und Abnehmprogramme werden längst nicht immer von den Krankenkassen bezahlt.

Verordnet ein Arzt einem Nichtdiabetiker also Liraglutid oder künftig eventuell Sema­glutid zum Abnehmen, muss der Patient die Kosten von mehreren Tausend Euro jährlich aus der eigenen Tasche bezahlen.

Ein weiteres mögliches Hindernis: Sema­glutid muss einmal pro Woche injiziert werden. "Viele Diabetiker sind es gewohnt, sich ­regelmäßig zu spritzen, aber wer keinen Diabetes hat, kann davor zurückschrecken", sagt Birkenfeld. Man entwickle jedoch bereits Tabletten zum Schlucken.

Signale aus dem Dünndarm: Bereits wenige Minuten nach dem Beginn einer Mahlzeit reagiert der Körper. Ein Hormon mit dem Kürzel GLP-1 spielt dabei eine wichtige Rolle
Prof. Dr. med. Dipl.-Biol. Stefan Engeli

Lebenslange Therapie gegen den Jo-Jo-Effekt

Aber wie nachhaltig ist der binnen eines Jahres durch Substanzen wie Semaglutid unterstützte Erfolg? "Gewichtsreduktion und -erhaltung bedürfen der lebenslangen Therapie. Beendet man eine Diät, nimmt man zu. Setzt man ein gewichtsreduzierendes Arzneimittel ab, nimmt man zu", sagt Engeli. Die meisten Menschen benötigen also dauerhaft Medikamente, um den Jo-Jo-­Effekt zu vermeiden.

Ein weiterer Punkt sind die Nebenwirkungen von Semaglutid. Häufig kommt es in den ersten Wochen zu Übelkeit und Erbrechen, weil das Präparat die Magenentleerung verzögert. Normalerweise verschwinden die Beschwerden aber nach einigen Tagen. Ob und welche unerwünschten Effekte nach jahrelangem Gebrauch auftreten, wird sich hingegen erst in einiger Zeit zeigen.

Behandlungen bei Adipositas

Ein Anspruch auf Übernahme der Behandlungskosten besteht nicht. Therapien müssen von der Kasse gebilligt werden.

Klinische Abnehmprogramme: Unter professioneller Anleitung lernen die Teilnehmer, ihre Ernährung umzustellen. Ein langfristiger Verlust von bis zu zehn Prozent des Körpergewichts ist realistisch.

Chirurgische Eingriffe: Letztes Mittel bei ausgeprägter Adipositas. Es gibt mehrere Verfahren. Das häufigste: Operateure verkleinern den Magen und schalten einen Teil des Dünndarms aus. Eine langfristige Reduktion des Körpergewichts um ein Fünftel bis zu einem Drittel ist möglich. Doch die Eingriffe bergen kurz- und langfristig auch Risiken.