Diät-Spritze Liraglutid: Kein Wundermittel

Appetithemmende Medikamente als Hilfe zum Abnehmen sind nicht neu, geraten aber immer wieder in Verruf. Wie der neu zugelassene Wirkstoff Liraglutid wirkt und welche Nebenwirkungen er hat
von Gerlinde Gukelberger-Felix, aktualisiert am 09.08.2016

Großes Versprechen: Nutzen und Risiken sind bei der Diät-Spritze genau abzuwägen

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Viele Übergewichtige setzen ihre Hoffnung darauf, mit Hilfe von Medikamenten abzunehmen. Wäre ja auch zu schön, wenn das so einfach klappen würde. Vor allem wenn sie schon alle anderen Optionen wie Ernährungsumstellung und mehr Bewegung erfolglos ausprobiert haben. Es wäre ein gigantisch großer Markt.

Genau bei diesen Hoffnungen setzt die "Diätspritze" an, die unter dem Wirkstoff-Namen Liraglutid seit April 2016 auch in Deutschland erhältlich ist. Das Medikament ist rezeptpflichtig und war in den USA bereits ein Jahr früher auf dem Markt. Liraglutid ist als Abnehm-Arzneimittel für Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 und mehr zugelassen. Wenn gewichtsbedingte Risikofaktoren wie zu hohe Cholesterinwerte vorliegen, kann das Präparat bereits ab einem BMI von 27 verschrieben werden. Es wird täglich als Spritze verabreicht.

Ursprünglich ein Arzneimittel gegen Typ-2-Diabetes

Liraglutid ist als Wirkstoff bereits aus der Therapie für Typ-2-Diabetiker bekannt: Vor ein paar Jahren wurde es in geringerer Dosierung (1,2 bis 1,8 mg/Tag) als Medikament zur Behandlung der Zuckerkrankheit zugelassen. Da sich gezeigt hat, dass Patienten durch Liraglutid etwas Gewicht verlieren, soll es nun in deutlich höherer Dosierung auch Übergewichtigen helfen, die nicht unter Typ-2-Diabetes leiden.

"Firmen neigen dazu, eine möglichst große Bandbreite an Krankheitsbildern für einzelne Produkte abzudecken", sagt der Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber der Fachzeitschrift Arznei-Telegramm. Die Dosis wird langsam auf drei Milligramm Liraglutid gesteigert, die pro Tag unter die Haut gespritzt werden – also fast doppelt so viel wie beim Maximal-Einsatz als Diabetes-Medikament. Die Kosten müssen die Patienten in der Regel selbst zu bezahlen. "Jährlich summiert sich das auf bis zu 3500 Euro", rechnet Becker-Brüser aus.

Wie wirkt Liraglutid?

"Liraglutid imitiert die Wirkung eines Darmhormons, das die insulinproduzierenden Betazellen zur vermehrten Insulinproduktion anregt", erklärt Professor Andreas Fritsche, der den Lehrstuhl für Ernährungsmedizin und Prävention sowie Diabetologie am Universitätsklinikum Tübingen innehat und wissenschaftlicher Berater der Herstellerfirma ist. Das Darmhormon heißt Glucagon-like Peptid 1, kurz GLP-1. Zugleich verzögere Liraglutid die Entleerung des Magens und vermittle über GLP-Rezeptoren im Gehirn eine frühzeitige Sättigung.

Blick zurück: Oft versucht, nie erfolgreich

Ganz neu ist die Idee, starkes Übergewicht mit Medikamenten zu behandeln, nicht. Richtig erfolgreich war dabei bislang aber kein Pharmaunternehmen. Im Gegenteil, einige gerieten in Verruf: Erstmals aufgetaucht sind Abnehmpräparate in den 1960er Jahren. Die Hersteller suggerierten, dass appetithemmende Medikamente wie Menocil die gewichtsbedingten Risiken auf das Herz-Kreislauf-System verringern können. Bewiesen war das nicht. Bis Ende der 60er Jahre erkrankten 1000 Menschen, die Menocil eingenommen hatten, an Lungenhochdruck. Die Krankheit führt zu Herzschwäche, weshalb die Betroffenen im Durchschnitt nach dreieinhalb Jahren verstarben (siehe dieser Artikel auf dem Portal gutepillen-schlechtepillen.de).

Die Abnehm-Medikamente verschwanden nach und nach vom Markt, kamen aber teilweise in neuer Zusammensetzung zurück. Aktuell sind vier Medikamente gegen starkes Übergewicht zugelassen. Drei davon sind Amphetamin-Abkömmlinge, also aufputschende Wirkstoffe, die im Hungerzentrum des Gehirns den Appetit hemmen sollen. Die Gewichtsabnahme, die sich damit erzielen lässt, bewegt sich im Bereich üblicher Diäten. Doch auch diese Präparate können zu Lungenhochdruck und Schlaganfall sowie zu weiteren Nebenwirkungen führen.

Das vierte Präparat enthält den Wirkstoff Orlistat. Orlistat ist kein Amphetamin-Abkömmling, sondern sorgt dafür, dass Fettbestandteile der Nahrung in geringerem Maße vom Körper aufgenommen und stattdessen ausgeschieden werden. Bauchkrämpfe, Stuhlinkontinenz und Bauchspeicheldrüsenentzündungen sind der mögliche Preis für eine überschaubare Gewichtsabnahme.


Viele Menschen, die Abnehmmittel genommen haben, mussten außerdem die bittere Erfahrung machen, dass ihnen die Medikamente den von vielen Reduktionsdiäten berühmten Jo-Jo-Effekt nicht ersparten. Nach dem Absetzen des Medikamentes waren die Pfunde ganz schnell wieder auf den Hüften.

Wie erfolgreich ist die Therapie mit Liraglutid?

Auf den ersten Blick stimmen die Studienergebnisse für Liraglutid optimistisch: An der sogenannten SCALE-Studie nahmen fast 2500 Probanden teil. Jene Teilnehmer, die 56 Wochen lang Liraglutid nutzten, nahmen in dieser Zeit im Durchschnitt 8,4 Kilogramm ab – gegenüber den lediglich 2,8 Kilogramm, die Studienteilnehmer verloren, wenn sie mit einem wirkstofffreien Scheinmedikament behandelt wurden. Alle Mitwirkenden an der Studie erhielten zudem Empfehlungen, wie sie ihren Lebensstil ändern können. Wenn sie Liraglutid verschrieben bekommen, sollen sie sich gleichzeitig auch kalorienärmer ernähren und mehr bewegen – so die Voraussetzung.

"Doch wer kontrolliert das?", fragt Apotheker und Arzt Wolfgang Becker-Brüser. Außerdem steht im Beipackzettel – ähnlich wie beim schon länger verfügbaren Mittel Orlistat –, dass die Anwender nach zwölf Wochen mindestens fünf Prozent ihres ursprünglichen Gewichtes verloren haben sollten. Ansonsten sollte die Therapie als nicht erfolgreich beendet werden. Bei der SCALE-Studie verloren zwei Drittel der Probanden, die Liraglutid verabreicht bekamen, zwar mehr als fünf Prozent ihres Gewichtes, aber nicht innerhalb von zwölf, sondern 56 Wochen. "Dieser Gewichtsverlust ist nicht besonders hoch", kritisiert Becker-Brüser. Nur bei einem Drittel der SCALE-Probanden betrug der Gewichtsrückgang nach 56 Wochen mehr als zehn Prozent. Was nach dieser Zeit passiert, ist noch nicht bekannt: Reagiert der Körper dann überhaupt noch auf den Wirkstoff?

Jo-Jo-Effekt: Ohne Spritze kommen die Kilos zurück

Dass Medikamente zum Abnehmen eingesetzt werden, sehen sowohl Apotheker Becker-Brüser als auch Andreas Fritsche generell skeptisch. Für den Tübinger Mediziner kommt Liraglutid eigentlich nur für stark fettleibige Menschen mit gewichtsbedingten Folgeerkrankungen wie Gelenkschäden, Bluthochdruck, Diabetesvorstufen und Fettstoffwechselstörungen infrage: also für Menschen, die nachweislich von einer Lebensstiländerung nicht profitieren. Ein weiteres Einsatzgebiet sieht er, wenn sich sehr fettleibige Menschen einer Magenverkleinerung unterziehen und vorab noch abnehmen sollen.

Gemäß der Zulassung sollte Liraglutid nach einem Jahr wieder abgesetzt werden. "Danach steigt das Gewicht unweigerlich wieder an, wenn sich in der Zeit der Lebensstil nicht gewandelt hat – ein typischer Jo-Jo-Effekt", warnt Apotheker Becker-Brüser. "Damit sie nachhaltig etwas bewirken, müssen Änderungen der Lebensgewohnheiten den Rest des Lebens durchgehalten werden", sagt der Herausgeber des Arznei-Telegramms.

Viele mögliche Nebenwirkungen und Kontraindikationen

Der Wirkstoff Liraglutid ist keine harmlose Zuckerpille. Becker-Brüser bewertet ihn vielmehr als vergleichsweise schlecht verträglich. Viele Versuchspersonen in der SCALE-Studie brachen die Behandlung wegen Nebenwirkungen vorzeitig ab. 40 Prozent von ihnen litten zum Beispiel unter Durchfall und Übelkeit. Hinzu können Bauchspeicheldrüsenentzündungen, Probleme mit der Gallenblase, ein beschleunigter Herzschlag im Ruhezustand, Nierenprobleme, schwere allergische Reaktionen oder Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen kommen. Die "Diätspritze" kann außerdem zu Unterzuckerungen, also Hypoglykämien, führen, wenn sie unsachgemäß zusätzlich zu Diabetesmedikamenten (z.B. Sulfonylharnstoffen) eingesetzt wird. Wer Insulin benötigt, für den ist die Gewichtsabnahme mit Hilfe von  Liraglutid tabu.

Zudem verlangsamt der Wirkstoff in der höheren Dosierung die Magenleerung und kann die Wirkung anderer Medikamenten, die den Magen schnell passieren sollen, negativ beeinflussen. Abschließend sei noch auf das erhöhte Risiko hingewiesen, Schilddrüsenkrebs zu entwickeln – insbesondere, wenn der Patient Tumore in mehr als einer Drüse (Multiple Endokrine Neoplasie Syndrom Typ 2) hat oder Familienmitglieder an speziellen Schilddrüsenkrebsformen erkrankt sind. Im Tierversuch mit Mäusen und Ratten entdeckten die Forscher  vermehrt Tumore der Schilddrüse, die die Diätspritze verursacht hat. Schwangere oder Frauen, die eine Schwangerschaft planen, dürfen die Liraglutid-Diätspritze nicht anwenden, weil sie dem Ungeborenen schaden könnte.

Fazit: Auch mit der "Diätspritze" erfüllt sich vermutlich nicht die Hoffnung auf einen bequemen Weg aus Übergewicht und Fettleibigkeit. Liraglutid ist ein Medikament, das neben den erwünschten Effekten auch zahlreiche schwerwiegende Nebenwirkungen haben kann. Es sollte also nicht leichtfertig verabreicht werden. An nachhaltigen Lebensstiländerungen führt bei starkem Übergewicht kein Weg vorbei – ob mit oder ohne "Diätspritze".

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