Schnellender Finger: Was steckt dahinter?

Lässt sich der Finger nur schwer strecken und schnalzt plötzlich nach vorne, sind oft die Sehnen überlastet – ein Schnappfinger liegt vor. Wie es dazu kommt und wann welche Therapie hilft
von Dr. Martina Melzer, 10.07.2012

Schnellender Finger? Beim Arzt bekommen Patienten eine zweifelsfreie Diagnose

Your Photo Today/BSIP

Rund 22.000 Mal am Tag bewegen wir unsere Finger – schätzen Experten. Wir strecken und beugen sie, tippen und schneiden mit ihnen. Wir bewegen sie so oft, dass wir es schon gar nicht mehr wahrnehmen. Da kann es passieren, dass Finger und Hände irgendwann überlastet sind und streiken. "Am häufigsten sehe ich Patienten, die ein Karpaltunnelsyndrom haben oder einen schnellenden Finger", sagt Dr. Michael Ruggaber, Handchirurg am Klinikum Friedrichshafen. Mehr zum ersten Krankheitsbild lesen Sie hier: Karpaltunnelsyndrom.

Wie kommt es zu einem schnellenden Finger?

Welche Ursachen genau zu einem schnellenden Finger führen, ist noch nicht ganz klar. Experte Ruggaber meint, dass eine angeborene Veranlagung, belastende Tätigkeiten und Verletzungen eine Rolle spielen. So beanspruchen zum Beispiel Handwerker und Monteure ihre Finger und Hände stark – und das über viele Jahre. Auch wer die Finger ungewohnt intensiv belastet, etwa durch Gartenarbeit oder bei einem Umzug, kann sie überanstrengen. Manchmal tritt das Phänomen im Rahmen einer rheumatischen Erkrankung auf. Frauen kämpfen häufiger mit einem schnellenden Finger als Männer.


Entzündet sich die Beugesehne am Finger, passt sie nicht mehr durch das Ringband – das führt zu einem schnellenden Finger

W&B/Jörg Neisel

Zu einem schnellenden Finger, umgangssprachlich Schnappfinger und medizinisch Tendovaginitis stenosans genannt, kommt es, wenn sich bestimmte Beugesehnen verdicken. Die Sehnen, die an den Fingern verlaufen, gleiten durch enge Kanäle, die sogenannten Sehnenscheiden. Stabilisiert werden beide durch Ringbänder, welche die Sehnen am Knochen halten. Diese Verstärkung verhindert, dass sich die Sehnen beim Beugen der Finger vom Knochen lösen.

Verdickt sich nun die Sehne durch bestimmte Faktoren, kommt sie nicht mehr ungehindert durch die straffen Ringbänder hindurch. "Die Sehne reibt verstärkt an den Ringbändern und es kommt zur Entzündung", erklärt Ruggaber. Dabei bildet sich ein Knötchen auf der Sehne. Je größer es wird, desto schlechter gelangt die Sehne durch den engen Tunnel. Der Finger lässt sich nur unter Kraftaufwand strecken oder beugen und schnellt plötzlich nach vorne oder hinten. Ist das Knötchen zu groß, ist der Finger blockiert und lässt sich nicht mehr bewegen.

Schnellender Daumen und Schnappfinger: Ist das dasselbe?

Die Begriffe "schnellender Daumen" und "Schnappfinger" werden oft synonym benutzt. "Der Daumen ist jedoch am häufigsten betroffen", sagt Ruggaber. Deshalb hat sich vermutlich der Name eingebürgert. Laut dem Handchirurg beanspruchen wir den Daumen von allen Fingern am stärksten, auf ihn wirken die größten Kräfte ein. Deshalb sei er besonders anfällig für eine Tendovaginitis stenosans. Doch auch die Langfinger – wie Mittel, Ring- und Zeigefinger – können überlastet sein. Es kann zudem einen oder gleichzeitig (teilweise auch nacheinander) mehrere Finger treffen.

Symptome: Gibt es erste Anzeichen?

Schnellt der Finger beim Beugen oder Strecken nach vorne oder hinten oder ist gar in seiner Position blockiert, sind dies eindeutige Zeichen. "Die ruckartigen Bewegungen bereiten häufig Schmerzen", sagt Ruggaber weiter. Doch ein schellender Finger kündigt sich vorher an. Erste Warnsignale: Schmerzen in der Handfläche, ein Ziehen auf der Außen- oder Innenseite eines Fingers, gelegentliches Schnappen eines Fingers. Gehen Sie zum Arzt, wenn Sie solche Beschwerden haben.

Diagnose: Wie stellt der Arzt einen schnellenden Finger fest?

Schnappt der Finger vor den Augen des Arztes, fällt die Diagnose eindeutig aus. Zudem stellt der Arzt gezielte Fragen und tastet den betreffenden Finger ab. "Das Knötchen an der Sehne lässt sich oft durch die Haut ertasten", erläutert der Handspezialist. Es bewegt sich beim Strecken und Beugen des Fingers mit.

Therapie: Wann Medikamente, wann Operation?

Ein schnellender Finger lässt sich prinzipiell konservativ oder operativ behandeln. Die konservative Therapie zielt darauf ab, die Entzündung an der Sehne zu bekämpfen. "Dafür spritzt der Arzt im Normalfall Kortison an das betroffene Ringband", so Ruggaber. Kortison wirkt antientzündlich und abschwellend. Allerdings sei die Behandlung teilweise mit Nebenwirkungen verbunden, meint der Experte.

Hilft das Kortison nicht ausreichend oder ist die Sehne schon zu stark verdickt, empfiehlt sich eine Operation. Es handelt sich um einen kleinen Eingriff, der meist ambulant erfolgt und laut Ruggaber nur zirka 15 Minuten dauert. "Man durchtrennt das Ringband, durch welches die angeschwollene Sehne nicht mehr ungehindert hindurchkommt", erklärt der Handchirurg. Der Finger lässt sich normalerweise unmittelbar nach der OP wieder problemlos bewegen, die Sehne schwillt mit der Zeit von selbst ab. "Gezielte Bewegungen unter Anleitung sind sehr wichtig, damit die Beugesehnen im Finger nicht miteinander verkleben" rät Ruggaber. Allerdings sollten Sie den Finger mindestens zwei Wochen nicht übermäßig belasten. Einschränkungen gebe es nach dem Eingriff keine, sagt Ruggaber. Die restlichen Ringbänder würden die Aufgaben des durchtrennten Bandes auffangen.


Sehnenscheidenentzündung am Handgelenk (Tendovaginitis stenosans de Quervain)

Die Sehnenscheidenentzündung am Handgelenk ist nicht zu verwechseln mit dem schnellenden Daumen. Zwar bereitet das Strecken und Spreizen des Daumens Schmerzen und fällt zunehmend schwerer. Zugleich macht jedoch auch das Handgelenk Beschwerden: Es zieht, schmerzt und es kommt manchmal zu einem hörbaren Reiben, wenn Sie das Handgelenk anwinkeln oder etwas greifen möchten. Ursache sind verdickte Sehnen, allerdings sind die Strecksehnen der Hand betroffen. Auch das Band, das diese Sehnen stützt, schwillt an einer bestimmten Stelle an (erstes Strecksehnenfach) und erschwert das Hindurchgleiten der Sehnen. Die Tendovaginitis stenosans de Quervain, die nach ihrem Entdecker benannt ist und auf deutsch salopp "Sehnenscheidenentzündung am Handgelenk" heißt, lässt sich konservativ oder operativ behandeln. Das Krankheitsbild kommt häufiger bei Frauen als bei Männern vor.


Unser Experte: Dr. Michael Ruggaber

W&B/Privat

Unser Experte: Dr. Michael Ruggaber, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie, Handchirurgie, Leiter dieser Bereiche am Klinikum Friedrichshafen


Wichtiger Hinweis:

Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.


Quellen:

Niethard, Pfeil, Biberthaler: Orthopädie und Unfallchirurgie, Duale Reihe, 6. Auflage

Online-Informationen von spezialisierten Kliniken, Stand Juni 2012



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