Was ist Procalcitonin?
Procalcitonin (PCT) heißt die Vorstufe eines körpereigenen Schilddrüsenhormons. Diese Vorstufe ist normalerweise kaum oder gar nicht im Blut nachweisbar. Kommt es jedoch im Körper zu einer Entzündung, steigt die PCT-Menge im Blut plötzlich an – insbesondere, wenn Bakterien der Auslöser sind. Diesen Mechanismus machen sich Mediziner bei der Diagnose von Infektionskrankheiten zunutze.
Aus hohen Procalcitonin-Blutwerten können Ärzte zweierlei schließen: erstens liegt vermutlich eine Entzündung vor. PCT dient demnach als Entzündungsmarker. Zweitens sind Bakterien die wahrscheinliche Ursache. Diese Informationen helfen, schnell die passende Therapie zu finden. Denn handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine bakterielle Infektion, verordnen Ärzte frühzeitig Antibiotika. Sind dagegen Viren der Auslöser der Entzündung, bleibt der PCT-Wert meist niedrig. Antibiotika kommen dann eher nicht zum Einsatz. Denn gegen Viren richten diese Medikamente nicht viel aus.
Haupteinsatzgebiet des Laborwerts Procalcitonin ist die Diagnose und Therapie der Blutvergiftung (Sepsis). Die gefährliche Krankheit wird meist durch Bakterien ausgelöst. Hier liefert PCT den Ärzten auch Anhaltspunkte zum voraussichtlichen Krankheitsverlauf: Schnellt der Wert in die Höhe, ist das ein Warnsignal. Womöglich droht dann ein Organversagen oder ein sogenannter septischer Schock. Auch anhaltend hohe PCT-Werte gelten als eher ungünstiges Zeichen.
Auf Intensivstationen kann PCT genutzt werden, um Risikopatienten auf bakterielle Infektionen und Entzündungen hin zu überwachen. Steigt der Wert an, muss nach einer Infektions- oder Entzündungsursache gesucht werden.
Allerdings: Es ist wichtig, Procalcitonin immer im Zusammenhang mit der Krankengeschichte des einzelnen Patienten sowie weiteren Untersuchungsbefunden zu betrachten. Denn neben Infektionskrankheiten lösen auch andere Ereignisse – meist nur kurzfristig – erhöhte Procalcitonin-Werte aus: zum Beispiel Verbrennungen, Unfälle mit Knochenbrüchen oder Schäden an inneren Organen sowie belastende große Operationen.
Welche Rolle spielt Procalcitonin bei Neugeborenen?
Neugeborene und vor allem Frühgeborene sind besonders von Infektionen bedroht. Stärker als bei älteren Kindern und Erwachsenen sind die behandelnden Ärzte auf Laborwerte angewiesen, um Hinweise auf die Krankheitsursache zu erhalten. Zeigt ein Neugeborenes Zeichen einer Infektion, hilft Procalcitonin dabei, die Frage zu beantworten, ob es sich eher um eine Infektion durch Bakterien oder Viren handelt. Das Ergebnis beeinflusst die Therapie.
Welcher Procalcitonin-Wert ist normal?
Bei Erwachsenen (Männern und Frauen) sollte der Procalcitonin-Wert im Blut unter 0,5 µg/L (Mikrogramm pro Liter) liegen. Bei Neugeborenen sollte sich der Wert am Geburtstag zwischen 0,2 und 2,4 µg/L bewegen.
Bei Frühgeborenen hängt der zu erwartende Wert von der Schwangerschaftswoche ab, in der sie geboren werden. Zudem steigt der Wert in den ersten zwei Lebenstagen an, um dann langsam abzufallen. Werte zwischen knapp 3 µg/L und über 12 µg/L können je nach Schwangerschaftswoche und Alter normal sein. Haben betroffene Eltern Fragen dazu, sollten sie sich am besten an den behandelnden Arzt wenden. Oft ist das ein Spezialist für Neugeborene (Neonatologe).
Wann ist der Procalcitonin-Wert zu hoch?
Bei einer Blutvergiftung (Sepsis), die von Bakterien ausgelöst wird, ist besonders viel Procalcitonin im Blut nachweisbar. Meist gilt: Je höher der Wert, desto schwerer die Infektion. Gleichbleibend erhöhte Werte sprechen für einen ernsten Verlauf.
Wann ist der Procalcitonin-Wert niedrig?
Bei Gesunden findet sich natürlicherweise kein oder kaum Procalcitonin im Blut. Im Falle einer Infektion mit Viren bleibt der PCT-Wert meist vergleichsweise niedrig – für Ärzte ein Anhaltspunkt, dass hier vermutlich keine Bakterien im Spiel sind.
Was kann den Procalcitonin-Wert beeinflussen?
Große Operationen können den Procalcitonin-Wert in die Höhe treiben. Nach Unfällen oder einem Kreislaufschock steigt der Wert oft ebenfalls an. Möglicherweise können auch Pilzvergiftungen dazu führen, dass vermehrt Procalcitonin im Blut nachweisbar wird.
Kurz zusammengefasst:
Procalcitonin ist ein Blutwert, der Ärzten bei Infektionen schnell einen Hinweis liefern kann, ob es sich um eine bakterielle Infektion handelt. Der Wert hilft also bei der Entscheidung, ob eine Antibiotika-Behandlung das Richtige für den Patienten ist. Steigt der Procalcitonin-Wert bei Patienten mit einer Sepsis besonders hoch, deutet das auf eine schlechtere Prognose hin. Bei Neugeborenen ist der Wert besonders wichtig, um einen Hinweis für die Krankheitsursache zu bekommen. Auch nach Unfällen, großen Operationen und Verbrennungen kann der Procalcitonin-Wert kurzfristig ansteigen.
Wichtig: Die Referenzwerte sowie die ermittelten Werte können sich von Labor zu Labor unterscheiden. Bevor Sie sich durch abweichende Ergebnisse verunsichern lassen, bitten Sie daher Ihren Arzt, Ihnen Ihre persönlichen Daten zu erklären. Einzelne Laborwerte alleine sind zudem meistens nicht aussagekräftig. Sie müssen im Zusammenhang mit anderen Werten und im zeitlichen Verlauf beurteilt werden.
Dennis Ballwieser / www.apotheken-umschau.de; 06.06.2011
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