Als Erwachsener neue Freunde finden

Freunde tun uns gut. Vielen Erwachsenen fällt es aber schwer, neue Freundschaften zu schließen. Über die Gründe und Auswege
von Valerie Till, aktualisiert am 27.09.2016

Von Unbekannten zu Freunden: Gemeinsamkeiten lassen Freundschaften entstehen

Getty/Stone/Thomas Barwick

Umzug, Berufswechsel, Familiennachwuchs: Im Leben eines Erwachsenen gibt es verschiedene Stationen, die Freundschaften auf eine Probe stellen. Häufig scheitern sie an den neuen Lebensumständen, da die räumliche Entfernung zu groß geworden, die Zeit knapp bemessen ist oder die Interessen sich gewandelt haben. Die Suche nach neuen Freunden beginnt.

Freunde zu finden scheint in der Kindheit kein Problem zu sein. Als Kind lernt man schnell Gleichaltrige kennen. Sei es im Kindergarten, in der Schule, auf dem Spielplatz oder bei Freizeitangeboten. Häufig reicht eine Frage wie "Willst du mit mir Fangen spielen?", ein zustimmendes Nicken vom Gegenüber, ein Lächeln, und eine Freundschaft ist geboren. "Kinder sind sehr unkompliziert was das angeht, und gehen auch unvoreingenommen auf jeden zu", sagt Therese de Liz, Psychologin und psychologische Psychotherapeutin mit eigener Praxis in München. Erwachsene tun sich in dieser Hinsicht schwerer. "Wir haben häufig Wunschvorstellungen, wie eine Freundschaft sein sollte, und das macht es uns im Erwachsenenalter schwieriger, jemanden zu finden, der diesen Ansprüchen genügt", sagt die Psychologin. Nicht nur die Ansprüche stellen für Erwachsene ein Hindernis dar. Sie selbst setzen sich oft unter Druck, perfekt auftreten zu müssen, um den perfekten Freund zu finden. "Viele sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Statt nach innen sollte man seine Aufmerksamkeit aber nach außen richten", sagt de Liz.


Therese de Liz, Psychologin und psychologische Psychotherapeutin

Kosta Potezica

Bewusst auf Unbekannte treffen

Eine weitere Schwierigkeit ist, dass Erwachsene auch seltener in Situationen kommen, in denen sie neue Leute kennenlernen können. "Erwachsene befinden sich viel stärker in sozialen Kontexten mit konstanten Personen. Sie verbringen beispielsweise viel Zeit mit der Familie oder arbeiten mit einem festen Stamm von Kollegen zusammen", sagt Karl Lenz, Professor für Mikrosoziologie an der Technischen Universität Dresden. Die Möglichkeit, neue Leute kennenzulernen, sei deswegen gering. Kinder und Jugendliche hätten gegenüber Erwachsenen den Vorteil, dass sie sich in Gelegenheitsstrukturen befinden, die viel Fluktuation aufweisen. "In der Schule oder in Freizeitangeboten ist zum Beispiel viel Potential vorhanden, neue Personen kennenzulernen, die als mögliche Freunde in Frage kommen", sagt Lenz.

Wer als Erwachsener neue Freunde finden will, muss folglich selbst für Situationen sorgen, in denen er auf Unbekannte treffen kann. Außerdem gehöre laut Lenz Offenheit dazu sowie die Bereitschaft, sich auf andere einzulassen: "Die Basis einer Freundschaft ist das Kennenlernen und das Entdecken von Gemeinsamkeiten." Gemeinsamkeiten – darunter fallen Hobbys, Einstellungen und Interessen – erleichtern auch die erste Kontaktaufnahme. Psychotherapeutin Therese de Liz schlägt Freundessuchenden vor, zu überlegen, welche Hobbys sie wiederbeleben möchten oder ob es soziale Gruppen gibt, denen sie sich anschließen könnten. "Gute Orte, um Menschen zu finden, die ähnliche Interessen haben, sind zum Beispiel Tanzkurse, Gruppensport, Sprachkurse oder Weiterbildungen aller Art", sagt die Psychologin.


Professor Karl Lenz, Professor für Mikrosoziologie

W&B/Privat

Die Angst vorm ersten Schritt verlieren

Manchen Menschen fällt es allerdings nicht leicht, Fremde anzusprechen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Schüchternheit, Ängstlichkeit, Unsicherheit. Wichtig sei, aktiv zu werden, sagt de Liz: "Man darf solche Situationen nicht aufgrund einer Schüchternheit oder Unsicherheit vermeiden, sonst wird die Angst vor Zurückweisung nur größer." Ihr Tipp für alle, die sich mit dem ersten Schritt schwer tun: "Für einen Gesprächseinstieg eignen sich einfache Themen wie zum Beispiel das Wetter oder man kommentiert Dinge, die einem gefallen." Die soziale Fähigkeit, auf andere zuzugehen, lässt sich laut der Psychologin erlernen. Im näheren Umfeld könnte man beispielsweise üben, indem man beim Brötchen holen Small-Talk mit dem Bäcker beginnt oder die Nachbarin auf einen Kaffee einlädt. Je häufiger man übe, desto leichter falle es, Kontakte zu schließen.

Auch Experte Lenz ist der Meinung, dass ein Erwachsener selbst aktiv werden muss, wenn er neue Freunde finden will: "Man darf nicht erwarten, dass andere auf einen zukommen. Man selbst muss die Initiative ergreifen." Wer nicht so kontaktfreudig ist, dem empfiehlt Lenz, für den Erstkontakt den Windschatten einer Person zu nutzen, die schnell mit neuen Leuten ins Gespräch kommt. "Anschließend muss man aber selbst sichtbar werden, sonst hat man den Nachteil, dass der mögliche neue Freund die eigene Individualität, das Besondere in einem nicht erkennt. Und das ist in einer Freundschaft sehr wichtig."


Gute Orte, um neue Freunde zu finden:

  • im Job
  • auf einer Weiterbildung
  • im Sportverein
  • im Tanzkurs
  • im Sprachkurs
  • im Chor
  • beim Ausüben einer ehrenamtlichen Tätigkeit
  • in einer Reisegruppe
  • für Eltern: Krabbelgruppe, Babyschwimmen, Stillcafé, Spielplatz

Freunden bewusst Zeit einräumen

Häufig scheitern Freundschaften im Erwachsenenalter an der knapp bemessenen Zeit, die man neben Familie und Beruf zur Verfügung hat. Was kann man tun, damit nicht auch eine neue Freundschaft darunter leidet? "Das Zeitproblem wird immer bestehen", sagt Soziologe Lenz. Freundschaften benötigen aber genauso wie Familie und Arbeit ein Minimum an Zeit, um auf Dauer bestehen zu bleiben. Psychologin de Liz empfiehlt, mit Freunden eventuell lange im Voraus feste Termine zu vereinbaren und sich diese auch im Kalender zu notieren. Lose Abmachungen, wie zum Beispiel "Lass uns demnächst mal treffen", würden sich leicht verlaufen. "Ich muss mit Freunden genauso planen wie mit der Familie oder im Job", sagt de Liz. Das Wichtigste sei, ihnen ebenfalls bewusst Zeit einzuräumen.

Zwar können Freundschaften für kurze Phasen auch mit weniger Zeit auskommen. "Dann ist es aber wichtig, ein Signal zu transportieren, dass man an den anderen denkt und er einem wichtig ist", sagt Lenz. Er empfiehlt, zum Telefon zu greifen, wenn keine Zeit für ein Treffen besteht, sich regelmäßig an wichtigen Terminen wie Geburtstag, Neujahr oder Weihnachten zu melden oder auch eine Postkarte aus dem Urlaub zu senden. Beziehungspflege sei ein wichtiges Thema, schließlich leben Freundschaften von einer Balance: "Sobald Freundschaften einseitig werden, werden sie nicht mehr lange bestehen", sagt Lenz.

Alte Freunde – neue Freunde?

Kann man eine frühere Freundschaft, die vielleicht aufgrund mangelnder Zeit eingeschlafen ist, wieder aufleben lassen? "Häufig sind Familienphasen zeitlich sowie thematisch so dominante Phasen, dass man Freunde aus den Augen verliert", sagt Soziologe Lenz. Wenn sich die Lebenssituation wieder ändert, weil die Kinder beispielsweise ausgezogen sind, kann die Wiederbelebung einer einstigen Freundschaft klappen. Allerdings sollte man immer mit der Möglichkeit rechnen, dass man sich zu stark voneinander entfernt hat und keine Gemeinsamkeiten mehr bestehen. Psychologin Therese de Liz rät zum Ausprobieren: "Am besten trifft man sich mit einem ehemaligen Freund ohne große Erwartungen und beobachtet, ob es noch passt."



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