Bei Stress heißt es: Zähne zusammenbeißen. Doch das kann Folgen haben, da unsere Kaumuskeln wahre Kraftpakete sind. Mit bis zu 40 Kilogramm pro Quadratzentimeter drücken sie die Backenzähne aufeinander.
Wenn die Kiefer jedoch auch nachts aufeinanderdrücken, kommt es zu Abnutzungserscheinungen am Gebiss. Schätzungen zufolge leiden Millionen Deutsche an dem nächtlichen Zähneknirschen (Bruxismus) – Frauen deutlich häufiger als Männer.
„Doch nur etwa zehn bis zwanzig Prozent aller Betroffenen sind sich dessen bewusst“, sagt Dr. Anne Wolowski, Oberärztin an der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde am Universitätsklinikum Münster. Von der nächtlichen Schwerstarbeit erfahren sie entweder durch den im Schlaf gestörten Partner oder durch ihren Zahnarzt, der Schäden an den Zähnen feststellt.
Druck, bis die Zähne wackeln
Die Ursache des nächtlichen Mahlens ist meist Stress, der Verspannungen in der Kiefermuskulatur bewirkt. Fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung leiden sogar an craniomandibulärer Dysfunktion (CMD), einer stressbedingten Kieferfehlstellung. „Fachlich kann man das als falsches Zusammenspiel des Kopfes (cranium) mit dem Kiefer (mandibula) beschreiben“, erklärt der Zahnarzt Achim Lück aus Solingen. Wolowski ergänzt: „Patienten, bei denen sich eine oft sehr schmerzhafte CMD entwickelt, können belastende Situationen schlechter bewältigen. Ihnen fehlen die richtigen Strategien zum Entspannen.“
Für das Gebiss ist das schlecht. Die Zähne werden mit so viel Kraft aufeinandergepresst, dass sie und der Zahnhalteapparat Schaden nehmen. Durch die starken Abnutzungserscheinungen steigt nicht nur die Kariesgefahr. Der andauernde Druck verringert auch die Durchblutung des Zahnfleisches, wodurch es sich zurückzieht. Die Folge: Zähne können locker werden oder sogar ausfallen. Laut Lück kann sich zudem auch die Gesichts- und Nackenmuskulatur so stark verspannen, dass mitunter Kopfschmerzen entstehen.
Es kommt also nicht nur dem im Schlaf gestörten Partner zugute, wenn der Betroffene etwas gegen die nächtliche Marter unternimmt. Der erste Ansprechpartner sollte der Zahnarzt sein. Er korrigiert zunächst zu hohe Kronen oder Füllungen sowie gekippte Zähne und prüft, ob Prothesen schlecht sitzen. Eine individuell angepasste Aufbiss-Schiene für die Nacht kann Ruhe bringen, da sie für eine gleichmäßige Belastung der Kiefermuskeln sorgt.
Darüber hinaus können die Patienten mit Entspannungsübungen für die Kiefermuskulatur aktiv an der Heilung mitarbeiten. „Eine sinnvolle Therapieergänzung ist auch Biofeedback, mit dessen Hilfe der Patient seine meist unbewussten Reaktionen auf Stresssituationen erkennen lernt“, informiert Wolowski. Krankenkassen bieten inzwischen auch Kurse zu Entspannungstechniken an.
Reicht das alles nicht aus, ist vielleicht der Gang zu einem Psychotherapeuten hilfreich, um die Ursachen des Knirschens aus dem Weg zu räumen. Zusätzlich können beruhigende pflanzliche Arzneimittel jene Patienten, die ständig unter Strom stehen, beim Entspannen unterstützen und den Schlaf fördern. Denn nur wer nachts gut schläft, kann den Alltag meistern.
Unser Experte:
Macht Schluss mit Knirschen: Bruxismus-Experte Achim Lück, Solingen
Nicole Schuster, Apotheken Umschau;
12.04.2011
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