Weisheitszähne: Warum sie oft raus müssen

Für die Weisheitszähne ist in vielen Fällen kein Platz mehr im Gebiss. Was bei Zahnschmerzen hilft, worauf Patienten achten sollten, wenn das Zahnziehen ansteht
von Ullrich Jackus, aktualisiert am 31.05.2016

Die Weisheitszähne werden auch Achter genannt, weil sie zusätzlich zu den sieben regulären Zähnen in jedem Quadran­ten des Gebisses angelegt sind

W&B/Szczesny/bearb. Neisel

"Den Eltern unbekannt", lautet die wörtliche Übersetzung des japanischen ­­Begriffs ­oyashirazu. Eine treffende ­Umschreibung, denn die damit gemeinten Weisheitszähne lassen sich meist erst bei Menschen blicken, die ihr Elternhaus längst verlassen haben.

Dr. Angelika Brandl Naceta-Susic bestätigt die asisatische Erkenntnis. "Vereinzelt machen Weisheitszähne zwar bereits 15-Jährigen zu schaffen, aber ich hatte auch schon eine Patientin in der Praxis, bei der sich die sogenannten Achter erstmals im Alter von 85 Jahren gemeldet haben", sagt die Zahnärztin aus Düsseldorf-Friedrichstadt.


Weisheitszähne sind Relikte aus der Steinzeit

Achter heißen die Nachzügler deshalb, weil sie zusätzlich zu den sieben regulären Zähnen in jedem Quadran­ten unseres Gebisses ganz hinten im Kiefer angelegt sind. "Ein Relikt aus unserer Zeit als Jäger und Sammler", erklärt die Zahnärztin. In der Steinzeit mussten unsere Vorfahren ihre Nahrung meist unverarbeitet zerkauen.

"Bei einigen Volksgruppen in Asien und Afrika, die sich vorwiegend vegetarisch und von Rohkost ernähren, finden sich auch heute noch bis zu zehn Zähne auf jeder Seite ihrer Ober- und Unterkiefer", berichtet Angelika Brandl Naceta-Susic, die Vorstands­vorsitzende des Deutschen Zahnärzte-Verbands.

Achter kann auf Nachbarzähne drücken

Beim "modernen" Menschen hingegen hat sich das Gebiss im Lauf der Evolution aufgrund weicher, gegarter Kost so weit zurückgebildet, dass für einen Weisheitszahn oft kein Platz mehr bleibt. "Er drückt dann gegen den Knochen, die Haut, die ihn überspannt, und den benachbarten Backenzahn, den Siebener", erklärt die Düsseldorfer Zahnärztin. "Das kann gemein wehtun und außerdem zu Entzündungen führen." Möglicherweise verspürt der Patient also fürchterliche Schmerzen am Siebener, obwohl dieser Zahn gar kein Karies­loch hat und vollkommen in Ordnung ist.

Linderung durch Kamillentee-Beutel

Bei leichten Problemen hilft oft ein Trick aus Großmutters Hausapotheke. "Tauchen Sie ­einen Kamillentee-Beutel kurz in kaltes Wasser, drücken ihn aus und ­legen ihn für etwa zehn ­Minuten in das Gemüsefach Ihres Kühlschranks", empfiehlt Angelika Brandl Naceta-­Susic. Wenn der Schmerzgeplagte ihn dann anschließend für eine Viertelstunde auf die betroffene Stelle legt und die Zähne fest zusammenbeißt, verringert die Kühlung den Schmerz und die Schwellung. Außerdem können die Wirkstof­fe der Kamille die Entzündung hemmen.

Bei anhaltenden Beschwerden besteht die Gefahr, dass die Wurzel des Nachbarzahns unwiderruflich geschädigt wird. Hauptsächlich im Unterkiefer passiert es mitunter, dass sich über dem wachsenden Achter eine Schleimhaut-Kapuze bildet. Darunter können sich Speisereste schieben und eine Schwellung hervorrufen.

Weisheitszahn kann Entzündung auslösen

Wenn der Geplagte dann auf diese Stelle beißt, entwickelt sich daraus oft eine stark schmerzende Entzündung. Das kann sogar zu einer Sperre führen: Der Mund lässt sich nicht mehr öffnen oder schließen. Der Zahnarzt muss dann die Tasche reinigen und die Entzündung stoppen. Gelegentlich wird er die Kapuze auch mit einem Schnitt oder elektrochirurgisch öffnen.

Damit es nicht so weit kommt, muss der Weisheitszahn normaler­weise gezogen werden. In selteneren Fällen entfernt man stattdessen den Siebener und zieht den Achter in die dabei entstandene Lücke oder benutzt ihn, um eine Brücke zum Sechser zu verankern. Aufgrund seiner Ausbildung und regelmäßiger Fortbildung darf jeder Zahnarzt chirurgische Eingriffe im Mund­­raum vornehmen. Weil die Wurzeln vieler Weisheitszähne jedoch mit zum Teil abenteuerlichen Verästelun­gen im Kieferknochen sitzen, ist meist ein Oral- oder ein Kieferchirurg gefragt.

Kurznarkose vor dem Zähneziehen?

"Der Patient erhält zunächst eine Lokal­anästhesie, also örtliche Betäubung", beschreibt Professor Ralf Smeets vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppen­­dorf die übliche Vorgehensweise. Auf Wunsch bekommt er zusätzlich eine Kurznarkose. "Niemand hat es gerne, wenn an seinem Kiefer gefräst wird, und der Operateur kann besser arbeiten, wenn der Patient stillhält." Später, nach zwei, drei Stunden im Auf­wach­­raum, geht der Patient wieder nach Hause. "Allerdings sollte er abgeholt werden und darf 24 Stunden nicht Auto fahren", ergänzt der Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie sowie Fachzahnarzt für Oralchirurgie.

Alle vier Weisheitszähne auf einmal entfernen?

Weil ein Weisheitszahn selten allein Probleme bereitet, sagen manche Operateure: "Wir ziehen gleich alle vier auf einmal, dann haben Sie es hinter sich." Aber: "Vier Wunden im Mund bedeuten neben der Schwellung eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität beim Essen und Trinken", gibt Smeets zu bedenken.

Im Aufklärungsgespräch empfiehlt er deshalb seinen Patienten in den meis­­ten Fällen, in zwei Schritten vorzugehen. "Wir ziehen zunächst die Achter im oberen und unteren Quadranten auf der einen Seite, ein paar Wochen später dann die beiden anderen."

Was Sie nach dem Eingriff beachten sollten

"In der frischen Wunde bildet sich ein Blutpfropf, aus dem neues Bindegewebe und schließlich neue Knochenmasse entsteht", erklärt Angelika Brandl Naceta-Susic. Deshalb sollte der Patient nach der Operation zwei, drei Tage nichts Heißes trinken. "Er sollte nur mit Wasser, nicht jedoch mit einer Lösung wie zum Beispiel Chlorhexidin spülen", ergänzt Ralf Smeets.

Ebenfalls tabu: Rauchen, denn Nikotin ist ein Gewebegift. Auch krümelige Speisen wie Nüsse erhöhen die Entzündungsgefahr. Zudem sollte der frisch Operierte jede Anstrengung meiden: Sport kann, ebenso wie Hausarbeit, zu Nachblutungen führen. Um das zu verhindern, sollte der Patient mit leicht ­­erhöhtem Oberkörper schlafen – ideal ist eine Neigung von 20 bis 30 Grad.

Falls es doch einmal blutet: Um Übelkeit zu vermeiden, nicht schlucken, sondern ausspucken. Schmerzmittel helfen dem Körper, zur Ruhe zu kommen und nicht zu viel Adrenalin auszuschütten. Sehr wichtig, darauf weisen die Zahnärztin und der Oralchirurg ausdrücklich hin, ist Kühlung – aber nicht mit Eis, sondern einem kühlen, feuchten Waschlappen.



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