Wetterfühligkeit: Einbildung oder Tatsache?

Etwa die Hälfte der Deutschen meint, dass Wetterumschwünge ihre Gesundheit beeinflussen. Forscher sagen: Alles eine Sache der Abhärtung

von Sonja Gibis, aktualisiert am 18.12.2015

Gute Laune trotz Regen? Viele Menschen sehen das anders

iStock/Annett Vauteck

Wenn es kalt ist, sitzt der Wetterfrosch bei Angelika Grätz im Knie. Er meldet sich durch Knirschen und Ziehen. Bei Hitze klettert er in den Kopf. Dann fühlt sich die 60-Jährige oft unkonzentriert. Sie ist sich sicher: "Wetterfühligkeit ist keine Einbildung."

Die Wirkung des Wetters kennt Grätz nicht nur aus eigener Erfahrung. Als Medizin-Meteorologin beim Deutschen Wetterdienst weiß sie, dass ein Hoch eher die Laune hebt, ein Tief Asthma-Geplagten öfter die Luft raubt. Auch die neueste Umfrage des Umweltbundesamts ergab: Bestimmte Wetterlagen lassen empfindliche Personen leiden. Etwa die Hälfte der Deutschen ist überzeugt, dass das Wetter Einfluss auf ihre Gesundheit hat. Frauen leiden mehr als Männer, Ältere mehr als Jüngere, Menschen im wetterwendischen Norden klagen öfter als Süddeutsche.


"Jeder Mensch ist wetterfühlig"

Professor Jürgen Kleinschmidt hat an der Ludwig-Maximilians-Universität München jahrzehntelang über die Wirkung des Wetters geforscht. In Arbeitsgruppen ließ er angeblich Wetterfühlige vorhersagen, ob die Witterung umschlägt, und setzte Freiwillige in Klimakammern Temperaturstürzen aus. Dass das Wetter uns krank macht, glaubt er nicht. "Im Prinzip ist jeder Mensch wetterfühlig."

Bei Hitze macht dem Körper vor allem die selbst produzierte Wärme zu schaffen. Um möglichst viel davon nach außen abzugeben, weitet er die Gefäße nahe seiner Oberfläche. Doch das dafür notwendige Blut fehlt dann im Körperinneren – der Blutdruck sackt ab. "Wer ohnehin niedrigen Blutdruck hat, spürt das besonders", erklärt Medizin-Meteorologin Grätz. Betroffen sind überwiegend Frauen.

Genügt das Weiten der Gefäße nicht, schaltet der Körper die nächste Stufe seiner Klimaanlage an: er schwitzt. Dabei verliert er viel Wasser. Das verringert das Blutvolumen. Man fühlt sich matt, schwindlig, hat Kopfweh. Dann hilft in erster Linie: viel trinken!

Anpassungsfähigkeit: Eine Sache des Trainings

Bei Kälte dagegen ziehen sich die Gefäße an der Körperoberfläche zusammen. "Vor allem Bluthochdruck-Patienten müssen da aufpassen", warnt Grätz. Nach einer neuen Studie aus Kanada steigt das Herzinfarkt-Risiko bei Minusgraden pro zehn Grad Temperaturabfall um sieben Prozent.

Einfach erklären lässt sich auch, dass bei Kälte die Gelenke schmerzen. Sehnen, Knorpel und Schmierflüssigkeit sind bei Wärme geschmeidiger. Grätz’ Wetterfrosch im Knie ist also keine Einbildung.

Auf das Wetter einstellen muss sich folglich jeder. Doch warum fühlen sich manche Menschen etwa bei Föhn regelrecht krank? Eine Ursache ist sicher unser Lebensstil. Im Winter sitzen wir neben der Heizung, bei Hitze läuft die Klimaanlage. "Doch was der Körper nicht regelmäßig braucht, das verkümmert", sagt Kleinschmidt. So ist das auch mit der Fähigkeit, sich an Wind und Wetter anzupassen.


Bei jedem Wetter raus

In unseren Gefäßwänden sitzen winzige Muskeln, die man trainieren muss wie Bizeps und Trizeps. Auch das vegetative Nervensystem, das die Regulation steuert, muss gefordert werden, um schnell reagieren zu können. "Abhärtung ist vor allem Trainingssache", sagt Kleinschmidt. Das haben viele Tests gezeigt.

In einem davon sollten Studenten und Profifischer ihre Hände in Eiswasser tauchen. Die Hände der Fischer hielten die Kälte länger aus und erwärmten sich danach schneller. "Der Körper kann sich an fantastisch viel gewöhnen", meint Kleinschmidt.

Nun muss nicht jeder ein hartes Fischerleben führen, um der Witterung gewachsen zu sein. Ein Rat lautet: "Raus aus dem Haus, selbst bei Regen oder Schnee!" Das gilt auch für Ältere und gesundheitlich Angeschlagene, die am meisten unter Wetterwechseln leiden. "Sie müssen die Reize natürlich gut dosieren", betont Kleinschmidt. Zur Abhärtung empfehlen Mediziner zudem Fitness für die Gefäße, etwa durch Saunagänge.

Weitere Ursachen: Sferics oder Druckschwankungen?

Steckt hinter Wetterfühligkeit also nur ein Trainingsmangel? "Das macht sicher nicht den gesamten Effekt aus", sagt Grätz. Schließlich erklärt es nicht, warum Narben ziepen oder bei Föhn der Kopf dröhnt, angeblich sogar schon vor dem Wetterumsturz.

Eine mögliche Ursache: die Sferics. Diese elektromagnetischen Impulsbündel zucken bei Gewitter noch weit entfernt durch die Atmosphäre. Jeder kennt sie als Knistern im Radio. In Tests veränderten sie die Gehirnströme von Wetterfühligen. Körperliche Beschwerden blieben aber aus. Die Sferics-Theorie – für viele Experten deshalb Schnee von gestern. Feine Druckschwankungen gelten als weiteres Erklärungsmodell. Sie könnten in der Halsschlagader die Rezeptoren irritieren, die Puls und Blutdruck regeln. In Druckkammern ließen sich bei Wetterfühligen entsprechende Effekte erzeugen, bei natürlichem Wetter aber versagt die Theorie.

Ist Wetterfühligkeit jenseits der Anpassung also Einbildung? Medizin-Meteorologin Grätz glaubt das nicht. Sie geht davon aus, dass manche Menschen sensibler reagieren. Sie spüren bereits geringe Veränderungen am Beginn eines Wetterumschwungs, auch wenn sich die Wissenschaft das bisher nicht erklären kann. Für Betroffene hat Grätz einen Tipp: ein Wettertagebuch führen. So findet man das individuelle Problemwetter und kann früh reagieren. Damit etwa Migräne vorüberzieht wie ein nahes Gewitter.

Kleinschmidt ist skeptischer. Studien hätten gezeigt: Erfasst man Tag für Tag das Befinden von Testpersonen, löst sich der Zusammenhang von Witterung und Wohlbefinden auf wie Nebel in der Morgensonne. Sein Fazit: "Das Wetter ist der ideale Sündenbock." Hat man abends ein Gläschen zu viel getrunken und daher schlecht geschlafen? Dann ist eben das Wetter schuld. Und es kann sich nicht mal verteidigen.


Typische Beschwerden

Löst das Wetter Gesundheitsprobleme aus, dröhnt am häufigsten der Schädel. Fast zwei Drittel der Wetterfühligen geben in einer Umfrage des Umweltbundesamts an, unter Kopfschmerzen und Migräne zu leiden. Etwa die Hälfte fühlt sich oft müde oder schläft schlecht. Bei rund 40 Prozent schmerzen die Gelenke, etwa jeder Dritte fühlt sich gereizt oder niedergeschlagen. Betroffenen können die Biowetter-Tipps des Deutschen Wetterdienstes helfen.



Bildnachweis: iStock/Annett Vauteck, Jupiter Images GmbH/Ablestock

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