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Wie Frauen die Wechseljahre erleben

Frauen im Klimakterium stehen heute mitten im Leben. Dadurch verändert sich auch der Umgang mit dem Thema in der Gesellschaft


Frauen stehen heute meist mitten im Beruf, wenn sie in die Wechseljahre kommen

"Sagen Sie mal: Ist Ihnen auch so heiß?“, fragt Gretel Rost den weiblichen Teil ihres Publikums. Dann lachen alle, und manche nicken. Viele Frauen vor der kleinen Kneipenbühne im Münchner Stadtteil Schwabing sind um die fünfzig. „Fliegende Hitze“ kennen sie nur zu gut. Heute aber sitzen sie hier, um sich darüber zu amüsieren – über das ebenso betitelte Kabarettprogramm von Gretel Rost und ihrer Künstlerkollegin Lisa Grundhuber. Die beiden singen ein Lied davon, wie es ist, wenn das Leben anfängt, „sich zu rächen“, wenn für Erotik die Dimmung des Lichts wichtiger wird und man „nach dem Essen einfach weiterisst“.


Leichtnehmen, was sich ohnehin nicht ändern lässt: Das ist ein Lebensmotto, das die beiden 57-jährigen Darstellerinnen von „Kabarest“ direkt auf die Bühne gebracht haben. Mit einigem Erfolg, wie Grundhuber berichtet: „Unsere Vorstellungen sind ausverkauft.“ Offenbar teilen viele Frauen ihre Haltung, die Wechseljahre nicht duldsam oder still leidend als Anfang vom Ende hinzunehmen.



Dr. Matthias David, Oberarzt an der Frauenklinik der Charité, Campus Virchow Klinikum in Verlin

Das sind sie auch nicht: Bei der heutigen Lebenserwartung stehen Frauen nach der Menopause, dem Ende ihrer Fruchtbarkeit, fast noch einmal so viele Lebensjahre bevor. Vor wenigen Jahrhunderten noch war das Erreichen der Menopause die Ausnahme. Um 1800 lag die durchschnittliche Lebenserwartung einer mitteleuropäischen Frau bei knapp 40 Jahren. Das Thema betrifft folglich erst seit relativ kurzer Zeit größere Teile der Gesellschaft. „Die Wechseljahre sind ein Kulturphänomen, keine Krankheit“, sagt Dr. Matthias David, Oberarzt an der Gynäkologie des Berliner Virchow Klinikums.


Tatsächlich findet das Klimakterium – wie der Fachbegriff für die Umbruchphase lautet – praktisch keine Erwähnung in medizinhistorischen Quellen vor dem 19. Jahrhundert. Danach aber widmeten Ärzte sich verstärkt den körperlichen Begleiterscheinungen und entdeckten Hitzewallungen, Schlafstörungen, Gewichtszunahme als charakteristischen „Beschwerdekomplex“. Die Zeichen des Alterns gerieten also in den Zuständigkeitsbereich der Medizin und wurden, der medizinischen Logik folgend, auch therapiert. Besonders effektiv erfolgte dies mit Hormonen: Was fehlte, wurde ersetzt, was nicht passte, passend gemacht. So ließen sich viele Symptome förmlich abschalten, ein wahrer Jungbrunnen schien gefunden, bis 2003 Studien zeigten, dass die dauerhafte Einnahme von Geschlechtshormonen das Risiko leicht erhöht, Brustkrebs oder eine Thrombose zu bekommen. „Seitdem ist man zurückhaltender mit der Hormongabe“, so Matthias David.


Müssen Frauen und Mediziner, überhaupt die ganze Gesellschaft, künftig also anders mit dem Ende der weiblichen Fortpflanzungsfähigkeit umgehen? Bekannt ist, dass die Wechseljahre in verschiedenen Kulturen unterschiedlich erlebt und bewertet werden, dass zum Beispiel Frauen in Asien deutlich weniger über typische Beschwerden klagen. „Ich merke gar nichts“, berichtet beispielsweise die Chinesin Bei Yan Dai. Die 55-Jährige lebt seit 15 Jahren in Berlin und nahm an einer Untersuchung von Matthias David und seinen Kollegen teil, in der diese klimakterische Beschwerden bei Migrantinnen aus verschiedenen Kulturkreisen verglichen. „Die Symptome sind die gleichen, aber Asiatinnen geben sie deutlich seltener und in schwächerem Ausmaß an“, fasst der Frauenarzt die Daten zusammen.

 

Türkische Einwanderinnen hingegen seien durch das Klimakterium stärker beeinträchtigt als deutsche Frauen. Vor allem die Seele leidet bei ihnen stark: Gut die Hälfte gibt vermehrte Reizbarkeit an, ein Drittel depressive Verstimmung und Ängstlichkeit. Dagegen klagten nur etwa zehn Prozent der deutschen Frauen über solches psychische Leid und weniger als vier Prozent der Asiatinnen. Auch bei den körperlichen Beschwerden, etwa Hitzewallungen, bilden die Frauen aus Fernost das Schlusslicht. „Wir essen mehr Gemüse“, nennt Bei Yan Dai einen Grund, der ihr plausibel erscheint. Als Verkäuferin chinesischer Kräuter schwört sie auf pflanzliche Ernährung und entsprechende Medizin. Ihre Kunden: fast nur deutsche Frauen.



Chinesinnen hätten kaum Wechseljahresprobleme, meint Bei Yan Dai. „Westliche Frauen sind stärker auf sich selbst bezogen“, deutet sie deren höheren Leidensdruck, „bei uns ist die Familie wichtiger.“ Doch es gibt noch andere Erklärungsversuche, wie David ergänzt: „Das Alter wird in Asien stärker geehrt.“ Daneben könnten genetische Unterschiede eine Rolle spielen. Sojahaltige Kost wird ebenfalls als günstiger Faktor diskutiert. Bei seiner Arbeit stieß der Arzt allerdings auch auf eine mögliche Verzerrung: „Man spricht dort nicht gern über Beschwerden.“ Befragte er die Migrantinnen aus China etwas intensiver, gaben auch sie das eine oder andere Leiden an.


„Jede Frau spürt das Klimakterium“, sagt Professorin Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie am Charité-Campus Benjamin Franklin. „Die jeweilige psychische und soziale Situation bestimmt aber, wie stark dies der Fall ist.“ Die Symptome seien eindeutig bestimmten hormonellen Veränderungen zuzuordnen, so Heuser, die über das Verhältnis von Seele und Hormonen forscht. Doch wie sehr Hitzewallungen, Schlafstörungen oder Niedergeschlagenheit das Befinden stören, hänge davon ab, wofür der Wandel sonst noch stehe: „Wird eine Frau überwiegend über ihre Reproduktionsfähigkeit definiert, wie das zum Beispiel in der islamischen Welt häufig der Fall ist, bedeutet der Verlust der Fruchtbarkeit eine schmerzvolle Zäsur.“

 

Alternative Identifikationen – ein interessanter Beruf oder eine erfüllende Partnerschaft – würden die Beschwerden des Klimakteriums hingegen abschwächen. „Das wirkt besser als Hormongaben“, sagt Heuser. „Mein Mann hat mir sehr geholfen, und natürlich das Spielen auf der Bühne“, kann Gretel Rost diese Einschätzung bestätigen. Ab 50 spürte sie Hitzewallungen und legte einige Pfunde zu. Sport half ihr außerdem, beides im Rahmen zu halten. Ein „medizinisches Ausmaß“ hätten die Veränderungen aber nie gehabt, eher ein komödiantisches Potenzial. Auch das Unterhaltungsfernsehen verarbeitet die Wechseljahre neuerdings offensiv und humoristisch: Die Regisseurin Doris Dörrie ersann und kreierte unlängst für das ZDF die Miniserie „Klimawechsel“, in der es um Frauen in den Turbulenzen der hormonellen Umstellung geht.


„Die Frauengeneration, die nun alt wird, ist die erste, die andere Lebensentwürfe und Rollen ausprobieren konnte. Das lässt sie den Verlust der Fruchtbarkeit anders bewältigen“, glaubt die Hamburger Hebamme Peggy Seehafer, die vor einigen Jahren eine Untersuchung über psychosoziale Einflüsse auf das Erleben der Menopause veröffentlichte. Gretel Rost und Lisa Grundhuber sind lebende Beispiele für solche Zusammenhänge: Ihre Zusammenarbeit reicht zurück in die Straßentheaterszene der 70er-Jahre. „Das Gesellschaftliche war privat und das Private gesellschaftlich“, erinnert sich Lisa Grundhuber. Deshalb begreifen die beiden Frauen ihren Humor auch als echte Lebenshilfe für sich und andere: „Wir machen uns über niemanden lustig, höchstens über uns selbst.“


Doch neben neuem Rollenbild und stärkerem Selbstbewusstsein von Frauen machen sich auch weniger hilfreiche Tendenzen bemerkbar. „Der Jugendkult nimmt zu. Das macht das Altwerden für Frauen besonders schwer“, glaubt Isabella Heuser. Die Gesellschaft befinde sich in einem Zwiespalt: Obwohl sie insgesamt älter wird, ignoriert sie das Alter, getreu dem Motto: Jeder will alt werden, keiner will es sein. „Stars wie Madonna oder Cher, die der Öffentlichkeit trotz ihrer Jahre ewige Jugend vorleben, geben ein Vorbild ab, das nur schwer zu erreichen ist.“


Die beiden Kabarettistinnen geht das nichts an. „Wir wollen nicht vortäuschen, jemand Jüngeres zu sein“, sagt Gretel Rost. Ein bisschen traurig mache es natürlich, wenn die Jugend vergeht. „Ich habe immer gern geflirtet, und heute bin ich quasi unsichtbar für Männer“, lacht sie. „Aber ganz alt sind wir ja auch noch nicht – und in Liebesdingen viel entspannter.“



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Dr. Christian Guht / Apotheken Umschau; 21.06.2010
Bildnachweis: W&B/Norbert Michalke, Image Source/ RYF

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