Wechseljahre: So bleibt die Lust erhalten

Mit dem Ende der Fruchtbarkeit schwindet das Interesse an Sex, fürchten viele. Doch Frauen, die sich bewusst auf den Wandel einstellen, können weiterhin ein erfülltes Sexualleben haben

von Tanja Pöpperl, aktualisiert am 25.07.2014

Lust und Liebe zu genießen ist keine Frage des Alters

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Hitzewallungen, Schlafstörungen, Reizbarkeit: Die typischen Assoziationen mit den Wechseljahren klingen nicht unbedingt attraktiv. Außerdem tun sich viele Frauen in dieser Lebensphase schwer mit dem Thema Erotik, fühlen sich nicht mehr im Einklang mit ihrem Körper.

Gut nachzuvollziehen, dass Sexualität während der einschneidenden hormonellen Umstellung bei etlichen Betroffenen eher eine Nebenrolle spielt. Trotzdem bedeutet der Beginn der Menopause nicht gleichzeitig das Ende des Begehrens.


Beate Schultz-Zehden, Medizinpsychologin und Professorin für Gesundheitsmanagement aus Berlin

W&B/Privat

„Es ist ein Vorurteil, dass die Wechseljahre grundsätzlich mit einem Libidoverlust einhergehen“, weiß Beate Schultz-Zehden, Medizinpsychologin und Professorin für Gesundheitsmanagement aus Berlin. „Zwar können sich Hormonschwankungen auf das Lustempfinden auswirken. Aber die Hormone sind nicht alleine für den sexuellen Antrieb verantwortlich.“ Ob sich die Leidenschaft regt, hängt von vielen Einflüssen ab, bestätigt auch die Gynäkologin und Psychotherapeutin Ingeborg Lackinger Karger aus Düsseldorf: „Wie stabil sind beispielsweise das soziale Umfeld, die Beziehung und die psychische Verfassung? Lust ist eine individuelle und differenzierte Empfindung, die sich aus den unterschiedlichsten Facetten zusammensetzt.“

Körperliche Symptome akzeptieren und behandeln

Allerdings können konkrete körperliche Begleiterscheinungen der Wechseljahre tatsächlich zum Problem werden. Viele Frauen klagen über eine trockene Scheide, bedingt durch das Absinken der Östrogenwerte, was zu Verletzungen der empfindlichen Vaginalschleimhaut beim Sex führen kann. „Verständlich, dass die Lust sinkt, wenn der Verkehr schmerzt“, so Ingeborg Lackinger Karger. „In diesem Fall würde ich beim Gynäkologen nachfragen, eine Behandlung mit Östrogensalbe wirkt sehr gut.“ Auch ein einfaches Gleitgel schafft oft Abhilfe.

Weitere mögliche Symptome wie Schweißausbrüche oder Blasenschwäche wirken ebenfalls wenig lustfördernd. „Bei solchen Beschwerden kann körperliche Nähe eher Angst machen, betroffene Frauen fühlen sich häufig gehemmt“, sagt  Beate Schultz-Zehden. Dann ist es zum einen wichtig, ohne falsche Scham ärztlichen Rat einzuholen, denn viele Symptome lassen sich lindern. Zum anderen bauen offene Gespräche mit dem Partner Ängste und Hemmungen am besten ab. „Auch wenn es schwer fällt: Formulieren Sie Ihre Beschwerden klar und bitten Sie den Partner um Verständnis und Unterstützung“, rät die Medizinpsychologin. „Nur nicht Schmerzen still aushalten oder womöglich komplett mit dem Thema Sexualität abschließen.“


Dr. Ingeborg Lackinger Karger, Frauenärztin und Psychotherapeutin aus Düsseldorf

© Sibylle Pietrek

Seelische Herausforderungen bewältigen

Neben den physischen Veränderungen stehen die Wechseljahre fast immer auch im Zeichen eines seelischen Umbruchs. Schließlich geht eine entscheidende Phase im Leben einer Frau – die Zeit der Fruchtbarkeit – zu Ende. Während Männer zumindest theoretisch bis ins hohe Alter zeugungsfähig bleiben, setzt die Biologie Frauen durch die Menopause eine klare Grenze. Das ist nicht immer leicht zu verkraften, vor allem, wenn ein unerfüllter Kinderwunsch besteht. „In Umfragen hat sich gezeigt, dass viele Frauen sich durch die Wechseljahre in ihrer Weiblichkeit abgewertet und weniger attraktiv fühlen“, berichtet Beate Schultz-Zehden. „Sie leiden oft mehr als Männer unter den altersbedingten Veränderungen ihres Körpers.“

Das männliche Selbstwertgefühl definiert sich offenbar stärker über die berufliche Position oder den gesellschaftlichen Status als über Äußerlichkeiten. Doch selbst wenn Männer sich weniger wegen grauer Haare, Speckröllchen oder Falten grämen – auch sie spüren, dass mit dem Eintreten der Wechseljahre ein neuer Lebensabschnitt ansteht. „Beide Partner müssen sich in dieser Phase mit dem Altern auseinandersetzen“, meint Ingeborg Lackinger Karger. „Das erfordert gemeinsames Umdenken und Neufindung.“

Eine Portion gesunder Pragmatismus und vertrauensvolle Gespräche mit dem Partner sind bewährte Mittel, die die Umbruchsphase erleichtern können. „Scheuen Sie sich nicht, zusätzlich professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen“, empfiehlt die Frauenärztin und Psychotherapeutin. „Oft helfen schon wenige Sitzungen bei einer Sexual- oder Paarberatung, um klarer zu sehen und einen neuen Anstoß zu bekommen.“ Das gleiche gilt für Symptome, die das Wohlbefinden stark beeinträchtigen und lange anhalten, etwa schwere Schlafstörungen oder depressive Verstimmungen: Holen Sie sich ärztlichen Rat, anstatt die Beschwerden zu ertragen.

Eine gemeinsame Basis finden

Ob die Lust erhalten bleibt, hängt grundsätzlich stark von der bestehenden Paarsituation ab. In Fragebögen beschrieben Frauen, die sich in den Wechseljahren frisch verliebt hatten, sogar ein vergleichsweise stärkeres Lustempfinden als 25-jährige Frauen, so Beate Schultz-Zehden. Und wer schon vorher erfüllende Sexualität mit einem langjährigen Partner erlebte, hat gute Chancen, den Spaß an der körperlichen Liebe beizubehalten. „Ich finde es wichtig, dem geliebten Menschen immer mal wieder zu sagen, dass man ihn noch begehrenswert und attraktiv findet“, so ein Tipp der Medizinpsychologin. „Das fördert eine positive Selbstwahrnehmung und das Vertrauen in den eigenen Körper.“

Übrigens kann es auch völlig in Ordnung sein, als Paar eine liebevolle Beziehung zu führen, in der Sexualität eine sehr geringe oder gar keine Rolle mehr spielt. Fühlen sich beide mit dieser Entscheidung wohl, müssen sie sich an keiner gesellschaftlichen Erwartung messen.



Bildnachweis: Jupiter Images GmbH/Bananastock LTD, W&B/Privat, © Sibylle Pietrek

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