Wadenwickel richtig anwenden: So geht's

Wadenwickel gelten als bewährtes Hausmittel. Wann kalte und wann warme Wickel helfen, wie Sie diese richtig anlegen und welche Temperatur das Wasser haben sollte
von Dr. med. Dagmar Schneck, aktualisiert am 06.12.2016

Wadenwickel sollten straff sitzen

W&B/Stephan Höck

Schon frühe Kulturen verwendeten Wasser als Heilmittel. Die heute in Deutschland gebräuchlichen Verfahren gehen größtenteils auf naturheilkundlich orientierte Therapeuten wie den Wörishofener Pfarrer Sebastian Kneipp zurück. Zu diesen Verfahren gehören auch Wickel. Je nach Art und Weise ihrer Anwendung können sie ganz unterschiedliche Wirkungen entfalten.

Wie wirken Wadenwickel?

Wasser in den Wickeln, das kälter als die Körpertemperatur ist, bewirkt eine Kühlung der Unterschenkel. Das führt erstens zu einem Wärmeverlust des Körpers. Zweitens aktiviert der Kältereiz das vegetative Nervensystem. Zunächst wird der "Leistungsnerv" Sympathikus angeregt. Er aktiviert den Stoffwechsel, verengt die Blutgefäße, steigert den Blutdruck und vertieft die Atmung.

Sobald der Wickel genauso warm ist wie die Haut – das ist normalerweise nach circa fünf bis zehn Minuten der Fall – beginnt eine umgekehrte Reaktion. Dann wird der "Erholungsnerv" Parasympathikus aktiviert. Es kommt zu einer Entspannung und Weitstellung der Blutgefäße. Die Wirkung von kalten Wickeln hängt davon ab, wie lange diese anliegen. Liegen sie kurz an, können sie dem Körper Wärme entziehen. Liegen sie lange an, wirken sie beruhigend auf das vegetative Nervensystem. In dieser Phase kann sich der Körper sogar erwärmen. So können Wadenwickel, die am Abend angelegt werden, auch einschlaffördernd wirken.

Wadenwickel können auch das Einschlafen fördern

W&B/Stephan Höck

Wann helfen Wadenwickel?

Kalte Wickel können bei lokalen Entzündungen helfen, zum Beispiel Venenentzündungen. Auch bei Überanstrengung sind sie hilfreich, beispielsweise nach langem Stehen oder Gehen. Der Venentonus, also die Spannung der Venenwand, soll gekräftigt und Spannungsschmerzen sollen gelindert werden.

Legt man Wärme entziehende Wadenwickel mehrmals hintereinander an, können sie bei Fieber die Körpertemperatur um ein halbes Grad bis ein Grad senken. Dadurch werden meist auch Fieber-Begleitsymptome wie innere Unruhe oder Kopfschmerzen gelindert. Die Wickel müssen abgenommen werden, wenn sie sich nicht mehr kalt anfühlen, also Hauttemperatur haben.

"Bei Kindern kann man die Wadenwickel nach Rücksprache mit dem Kinderarzt und je nach Kooperation des Kindes frühestens ab ungefähr 18 bis 24 Monaten anlegen", sagt Professor Detmar Jobst, Honorarprofessor des Instituts für Hausarztmedizin an der Universität Bonn.

Wärmeproduzierende Wickel eignen sich eher am Brustkorb bei Atemwegsverschleimung oder im Bauchbereich bei leichten Darmkrämpfen. Auch ein erhöhter Blutdruck, nervöse Übererregbarkeit oder Einschlafstörungen lassen sich unter Umständen durch wärmeproduzierende Wickel bessern.

Wichtig: Was müssen Sie beachten?

Vor einer Selbstbehandlung sollten sie mit Ihrem Arzt oder dem Kinderarzt sprechen, um zu klären, woher die Beschwerden kommen, ob eine andere Behandlung notwendig ist – und ob Wadenwickel überhaupt infrage kommen.


Häufig frösteln Patienten, wenn eine Erkältung beginnt oder das Fieber weiter steigt. Sind die Hände oder Füße noch kalt, zeigt das eine Zentralisierung des Kreislaufs an. Dann sollte kein Wadenwickel erfolgen. Falls ein Patient die Wadenwickel als unangenehm empfindet, ist auch das ein Zeichen, dass man die Wickel abnehmen sollte. Auch bei Harnwegsinfekten oder einer Reizung des Ischiasnervs eignen sie sich nicht.

So legen Sie die Wadenwickel richtig an

Wadenwickel bestehen am besten aus drei Tüchern: Das Innentuch kommt direkt auf die Haut. Dazu sollten Sie ein grobporöses Leinentuch verwenden, das auf die Größe des Unterschenkels zwischen Knie und Knöchel zugeschnitten oder zurechtgefaltet ist. Geeignet sind auch nasse Strümpfe bestehend aus einem Wollstrumpf und einem aus Leinengarn gefertigten Innenstrumpf.

Das Tuch – oder den Strumpf – taucht man in Wasser, wringt es aus und legt es faltenfrei um den Unterschenkel. Das Innentuch soll bei der Auflage nicht mehr tropfen! Darüber kommt ein trockenes Zwischentuch aus Baumwolle. Es dient dazu, überschüssige Flüssigkeit aufzusaugen und das Außentuch zu schützen. Das saugfähige Zwischentuch aus Frottee oder Wolle sollte dafür ein bisschen größer sein als das Innentuch. Das Außentuch (zum Beispiel Molton-Tuch) wird entweder darunter gelegt oder auch um das Bein gewickelt.

Das Außentuch hat den Zweck, die Temperatur des Wickels zu erhalten und zu verhindern, dass Nässe nach außen dringt. Eine wasserdichte Unterlage ist trotzdem empfehlenswert. Wadenwickel müssen straff sitzen, sonst fühlen sie sich unangenehm an und entfalten eventuell nicht die volle Wirkung.

Welche Temperatur soll das Wasser für die Wickel haben?

Hierzu gibt es unterschiedliche Empfehlungen. Experte Jobst unterscheidet bei der Frage nach der Wassertemperatur für wärmeentziehende Wadenwickel zur Fiebersenkung nach dem Alter des Patienten. Bei Kindern reiche handwarmes Wasser mit einer Temperatur von 28 bis 32 Grad aus. Dafür seien die Wickel nach kurzer Zeit zu wechseln, wenn sie warm sind. Genaueres zum Thema lesen Sie auf www.baby-und-familie.de im Beitrag: Wadenwickel bei Kindern: Was beachten?

"Bei Erwachsenen sollte man mit höheren Temperatur-Differenzen arbeiten, also leitungskaltes Wasser mit 16 bis 20 Grad Celsius verwenden", empfiehlt Jobst. Auch eine Verengung der Hautgefäße durch die Kälte mit entsprechend geringerem Blutfluss sei nicht störend: "Das anfänglich denkbare Zusammenziehen der Hautgefäße ändert sich im Verlauf der Liegezeit hin zu einer starken Erweiterung mit entsprechender Wärmeabgabe." Der Mediziner spricht dabei von einer reaktiven Hyperämie, also einer verstärkten Durchblutung.

Länge der Anwendung und Zusätze je nach Ziel

Wie lange die Wadenwickel anliegen, ist abhängig vom Ziel der Behandlung und sollte mit dem Arzt besprochen werden. Die Anwendung kann man, wenn nötig, mehrfach wiederholen. Die Innen-Tücher sind einmal täglich zu waschen, die Außentücher stets trocken anzuwenden. Zum Wärmeentzug bei entzündlichen Prozessen, wie einer Gelenkentzündung oder Rheuma, sowie Schwellungen nach Verletzungen oder Operationen können als Auflagen auch Quark oder Lehm geeignet sein. Das aber unbedingt mit dem behandelnden Arzt absprechen.

Beratender Experte: Professor Dr. Detmar Jobst, Institut für Hausarztmedizin der Universität Bonn

Quellen:
1. Stellmann M: Kinderkrankheiten natürlich behandeln, München Gräfe und Unzer Verlag 2004
2. Kunze P, Weigert V: Wickel, Tees und Mutterliebe. Die besten Hausmittel für kranke Kinder, München Gräfe und Unzer Verlag 2012
3. Bachmann R, Schleinkofer B: Natürlich gesund mit Kneipp, Stuttgart Trias-Verlag 2013
4. Uhlemann C, Lange U, Seidel E: Grundwissen Rehabilitation, Physikalische Medizin, Naturheilverfahren, Bern Verlag Hans Huber 2007
5. Melchart, Naturheilverfahren, Leitfaden für die ärztliche Aus-, Fort-, und Weiterbildung, Stuttgart, New York, Schattauer Verlag 2002


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



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