Wie der Klimawandel uns belastet

Der Klimawandel betrifft auch Deutschland. Wie sich exotische Insekten, Pollen und Hitzewellen auf unsere Gesundheit auswirken

von Dr. Reinhard Door, aktualisiert am 14.01.2016

In Zukunft öfter? Hochwasser, hier in der Königsklinger Aue am Rhein 2013

F1online

Zwei Grad Celsius lautet die Zielmarke der internationalen Klimapolitik. Nicht stärker sollte die Temperatur im weltweiten Durchschnitt steigen, verglichen mit der Zeit vor Beginn der Industrialisierung. Doch die Zielmarke wankt. 0,85 Grad sind schon jetzt erreicht.

Wie eine Expertengruppe aus europäischen und chinesischen Wissenschaftlern im Fachjournal Lancet vorrechnet: Die Menge des für die Erwärmung besonders bedeutsamen Kohlendioxids dürfte im Vergleich zum Jahr 1870 um höchstens 2900 Milliarden Tonnen zunehmen. Ohne Gegensteuern wäre sonst das 2-Grad-Ziel schon in 15 bis 30 Jahren passé – mit "potenziell katastrophalen Risiken für die Gesundheit", wie die Forscher meinen. Die Effekte des Klimawandels seien die größte globale gesundheitliche Bedrohung des 21. Jahrhunderts.

Starke Worte. Und eine Einschätzung, die vielleicht nicht jeder Experte teilt. Für den Laien hören sich zwei Grad ohnehin nicht bedrohlich an. Dabei handelt es sich jedoch um einen Durchschnittswert, der starke Schwankungen zeigen kann – wie wir im letzten Sommer selbst erlebt haben.


Die 30-Grad-Marke wird immer öfter überschritten

Wochenlang dauerte die Hitzewelle, bei der im bayerischen Kitzingen der Temperaturrekord für Deutschland gebrochen wurde. 40,3 Grad zeigte das Quecksilber dort an – im Schatten. Nur wegen einiger kühlerer Tage wurden im Juli und August die Marken für die heißesten Monate seit Beginn der Wetteraufzeichnung knapp verfehlt. Die Risiken des Klimawandels treffen vor allem arme Länder. Also ausgerechnet jene, die zu der Entwicklung am wenigsten beigetragen haben.

Aber auch für Deutschland ist die ­Tendenz bedenklich. Überschritt die Temperatur 1951 nur an drei Tagen die 30-Grad-Marke, tut sie es derzeit an acht – jeweils gemittelt zwischen dem vergleichsweise kühlen Schleswig-Holstein und dem warmen Südwesten. Wissenschaftler des Deutschen Wetterdienstes (DWD) haben untersucht, wie diese Entwicklung weitergehen wird. Und wie sie sich auf die Gesundheit auswirkt.

Dabei gingen sie von folgendem Szenario aus: Der Ausstoß von Treibhausgasen wird weder ungebremst steigen noch maximal sinken. Ergebnis der Studien: Die Hitzewellen werden zunehmen, was ihre Häufigkeit, ihre Dauer und auch die Temperaturen betrifft. Doch deutlich spüren werden das erst unsere Enkel und Urenkel – gegen Ende des Jahrhunderts.

Mehr Tote durch Hitzewellen

"Hitzewellen, wie wir sie heute haben, erhöhen bei Herzkranken die Zahl der Todesfälle um rund 15 Prozent", erklärt Dr. Paul Becker, Vizepräsident des DWD. Bis Ende des Jahrhunderts wird diese Zahl um mehr als das Doppelte steigen. Passen sich die Menschen nicht gut an die hohen Temperaturen an, kann es sogar fünfmal so viele Hitzetote geben.

Aber wird dies nicht dadurch ausgeglichen, dass im Winter weniger Herzkranke sterben? "Ein beliebtes Argument von Klimaskeptikern", sagt Becker, "doch dabei wird die Variabilität des Klimas vergessen. Es ist durchaus möglich, dass wir in Zukunft neben heißen Sommern weiterhin kalte Winter bekommen."

Zudem kann sich auch extreme Kälte auf die Gesundheit auswirken. Etwa durch engeren menschlichen Kontakt in Innenräumen, der die Ver­breitung von Infek­tionskrankheiten fördert.

Städte müssen klimatauglich werden

Hinzu kommt: Die Menschen ziehen zunehmend in Städte – und dort wirken sich Hitzewellen noch stärker aus. "Wir müssen unsere Städte klimatauglicher machen", fordert Becker. Also Frischluftschneisen nicht zubauen, mehr Grünflächen und Dachbegrünungen. Es sei hier einiges passiert, so Becker, aber längst nicht genug.

Auf einen fatalen Begleiteffekt der Hitze weist Professor Hans Schweisfurth hin, Direktor des pulmologischen Forschungsinstituts Cottbus: Mit ihr steigen auch die Ozon- und die Feinstaubwerte. Möglicherweise erklärt das einen Teil der Todesfälle bei Extremtemperaturen.

"Es kommen aber mehrere Dinge zusammen", sagt der Internist: "Vor allem alte, sozial schwache, allein ­lebende Menschen sind betroffen. Sie trocknen aus, nehmen ihre Medikamente nicht mehr, und niemand kümmert sich um sie." Die Kommunen müssten hier tätig werden, fordert auch er. Etwa indem sie gekühlte Räume anbieten, die gefährdete Menschen aufsuchen können.

Als Lungenspezialist hat sich Schweisfurth auch mit anderen Effekten des Klimawandels beschäftigt. So warnt er vor der Schimmelbildung, wie sie nach Hochwasser in vielen Häusern zu beobachten ist. Dies könne nicht nur zu Allergien führen, sondern in Einzel­fällen zu einer Lungenfibrose, einer Versteifung des Atmungsorgans.


Folgen des Klimawandels

  • Paar sitzt in einer Blumenwiese
    W&B/Bernhard Huber

    Verlängerte Heuschnupfen-Saison

    Im Durchschnitt startet die Allergie-Saison heute früher und dauert länger als noch in den 80er- und 90er-Jahren. Das zeigen verschiedene Erhebungen. Allerdings variiert die Leidenszeit für Allergiker von Jahr zu Jahr. Und die Belastung unterscheidet sich je nach Art der Allergie. "Bei Bäumen hat die Zahl der Pollen zugenommen, bei den Gräsern ist sie in ganz Europa in den letzten 10 bis 15 Jahren zurückgegangen", berichtet Professor Karl-Christian Bergmann vom Allergie-Zentrum der Charité Berlin. Die wahrscheinliche Erklärung: Wiesen sind heute früher mähreif.

    Doch der Klimawandel wirkt sich auch anders aus: Die wärmeliebende, hochallergene Beifuß-Ambrosie breitet sich seit den 80er-Jahren in Teilen Deutschlands stark aus. ­Einen weiteren Klimagünstling mit Allergiepotenzial haben Experten schon im Auge: Das in Südeuropa ver­­breitete, mit der Brennnessel verwandte Glaskraut wandert vermehrt in Richtung Norden.

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  • Invasive Tiere
    Shutterstock/Love Silhouette

    Invasive Tigermücke

    Lange war es erwartet worden. Nun ist es nahezu gewiss: Die ­Asiatische Tigermücke überwintert in Deutschland. Das berichtet Dr. Doreen Werner, Insektenexpertin am Leibniz-Zentrum für Agrar­­landschaftsforschung im brandenburgischen Müncheberg. Sie hat die Insekten in einem Freiburger Ortsteil entdeckt. Die Tigermücke kann Krankheiten wie das Dengue-Fieber und das Chikungunya-Fieber übertragen. Beide verlaufen meist mild, können aber auch tödlich enden. In Deutschland kamen sie ­bisher nur bei Urlaubs-Rückkeh­­rern vor. Denn dem Krankheits­über­träger war es bei uns wohl zu kalt. Nun aber scheint sich die Tiger­mücke hier zu etablieren.

    "Im Moment sind es einfach nur hübsche Insekten", beruhigt Werner. Aber wenn sie einen infek­tiösen Urlaubsrückkehrer stechen ­und dessen Viren an eine andere Person weitergeben, "ist die Wahrscheinlichkeit einer Epidemie nicht mehr gleich null".

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  • Schwimmen im See
    Thinkstock/iStockphoto

    Getrübter Badespaß

    Wer an heißen Tagen ein kühles Bad nehmen möchte, kann sein blaues Wunder erleben: Dann schwimmt auf dem Wasser oft ein schmieriger Film aus Cyanobakterien, besser bekannt als "Blaualgen". Ein warmes Frühjahr und starke Sonneneinstrahlung begünstigen die Algenblüte. Ihre Giftstoffe reizen Haut und Atemwege. Eltern, aufgepasst: Das Verschlucken größerer ­Mengen kann Bauchorgane und Nieren schwer schädigen.

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Künftig mehr oder weniger Zecken?

Allerdings ist der Klimawandel oft nur einer von vielen Faktoren. So hat die zunehmende Rate an Hautkrebs eher damit zu tun, dass sich viele Menschen ungeschützt der UV-Strahlung aussetzen. Wäre die hochallergene Beifuß-Ambrosie nicht mit Vogelfutter eingeführt worden, hätten wir keine Probleme mit ihr. Und neue Insektenarten würden sich nicht bei uns ansiedeln, könnten sie nicht die Reisewege des Handels und des Tourismus nutzen.

Manche Prognosen sind überdies schwierig. So kann der Klimawandel für Zecken Vorteile bringen, weil sie im Jahresverlauf länger aktiv sind und ­­ihnen mehr Mäuse als Hauptwirte zur Verfügung stehen. Andererseits: "Wo es trockener wird, könnte ihre Zahl wieder sinken", erklärt Professor Matthias Niedrig, Koordinator des Themas "Klima und Gesundheit" beim Robert Koch-Institut in Berlin. Schwierig also zu sagen, ob Zecken häufiger oder seltener werden. "Vielleicht pendeln sich die Effekte auch aus", meint Niedrig. Viele Unbekannte also. Dennoch soll­ten wir uns auf heiße Zeiten einstellen.



Bildnachweis: F1online, W&B/Bernhard Huber, Thinkstock/iStockphoto, Shutterstock/Love Silhouette

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