Pestizide im Faktencheck

Ökologische Schäden, Rückstände in Nahrungsmitteln: Geht es um die Risiken von Pflanzenschutzmitteln wie Glyphosat, erhitzen sich schnell die Gemüter. Ein Blick auf die Fakten

von Dr. Achim G. Schneider, aktualisiert am 17.11.2016

Experten sind sich noch uneinig über die Risiken von Unkrautvernichtern

DIZ München GmbH/Euroluftbild

Glyphosat vernichtet äußerst wirksam jedes Unkraut. Doch gefährdet das Herbizid auch die menschliche Gesundheit, und muss es deshalb vom europäischen Markt verschwinden? Darüber toben seit März 2015 heftige Auseinandersetzungen. Damals bewertete die Internationale Agentur für Krebsforschung das Mittel als "wahrscheinlich krebserregend". Sie steht damit im Gegensatz zu allen anderen Expertengremien, die Glyphosat nach wie vor für unbedenklich halten – sofern die Anwender es vorschriftsgemäß einsetzen.

Diesen Juni stand die Entscheidung an, ob man Glyphosat erneut zulassen solle. Die EU-Mitgliedstaaten kamen zu keinem Entschluss, weil sich große Länder – darunter auch Deutschland – bei den Abstimmungen enthielten. So musste die EU-Kommission selbst entscheiden und verlängerte die Frist für die umstrittene Substanz bis Ende 2017. Wie es danach weitergeht, hängt jetzt vom Votum der Europäischen Chemikalienagentur ab. Stuft sie den Unkrautvernichter ebenfalls als krebserregend ein, müsste er verboten werden.

Pestizide verursachen ökologische Schäden

Glyphosat ist das weltweit am meisten eingesetzte Pestizid, was die heftigen Debatten gerade um diese Chemikalie erklärt. In Deutschland versprühen Landwirte davon jährlich mehr als 5000 Tonnen auf rund einem Drittel ihrer Anbauflächen. Doch allein bei uns gibt es gut 250 weitere Pestizide, die in mehr als 1400 verschiedenen Produkten stecken. Eingesetzt werden sie auf Feldern, Obst- und Weinplantagen sowie in wirtschaftlich genutzten Wäldern. Und auch in Gärtnereien, in Parkanlagen, auf Friedhöfen und in Privatgärten.


Dr. Andreas Gies, Leiter der Abteilung Umwelthygiene im Umweltbundesamt

W&B/Norbert Michalke

Die Mittel vernichten Unkraut und Pilze, dazu Insekten und anderes unerwünschtes Getier. Doch was richten sie sonst noch an? Ohne Zweifel verursachen sie ökologische Schäden. Dr. Andreas Gies, Leiter der Abteilung Umwelthygiene am Umweltbundesamt: "Wir sehen, dass immer mehr Pflanzen- und Tierarten von unseren Feldfluren verschwinden. Totalherbizide wie Glyphosat spielen dabei eine wichtige Rolle." Denn sie vernichten sämtliche Wildkräuter auf dem Acker. Mittel gegen Insekten wiederum töten außer den Schädlingen auch Schmetterlinge und Bienen. Folglich gehen die Bestände von Feldvögeln zurück, weil diese nicht mehr genug Insekten zum Fressen finden, zeigt eine Studie des Umweltbundesamts.

Regelungen sollen die Risiken gering halten

Natürlich können Pestizide auch Menschen gefährden, schließlich handelt es sich dabei um giftige Substanzen. Doch zahlreiche Regelungen sollen die Risiken möglichst gering halten. So dürfen beispielsweise viele der Produkte nur an Fachleute abgegeben werden, die im Umgang mit den heiklen Stoffen geschult sind. Wer mit Pflanzenschutzmitteln hantiert, sollte das nur mit angemessener Schutzkleidung tun. Außerdem dürfen Landwirte die Mittel nicht bei zu warmem Wetter und zu starkem Wind ausbringen.

Doch nicht alle Bauern halten sich immer an diese Regeln. Manchmal bekommen auch Anwohner und Spaziergänger etwas von einer verfrachteten Pestizidwolke ab. Das Pestizid-Aktions-Netzwerk (PAN) hat 52 solcher Fälle dokumentiert. Einige Betroffene gaben an, Atemnot, Übelkeit, Hautausschläge und Kopfschmerzen erlitten zu haben. Das PAN kritisiert, dass derartige Vorkommnisse bislang nicht offiziell erfasst werden.

Wir nehmen täglich Pesitizide auf

Ist von den Gefahren durch Pflanzenschutzmittel die Rede, dreht es sich aber meist um deren Rückstände in Lebensmitteln. Diese finden sich in knapp der Hälfte aller pflanzlichen und tierischen Produkte in Europa, wie eine Analyse von circa 81 000 Proben durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) gezeigt hat.

Auch wer auf Öko setzt, ist vor Pestiziden auf dem Teller nicht gefeit. 16 Prozent der untersuchten Bioprodukte waren ebenfalls belastet. Die erlaubten Obergrenzen wurden jedoch seltener überschritten als bei konventionell hergestellten Lebensmitteln. Hintergrund: Pestizide aus natürlichen Quellen sind im Ökolandbau erlaubt, synthetische aber verboten. Dennoch werden auch Letztere in Bioprodukten aufgespürt – wenn in der Gegend irgendwann einmal langlebige Pflanzenschutzmittel gespritzt wurden.

Jeder von uns nimmt also tagtäglich Pestizide zu sich – allerdings in so geringen Mengen, dass gesundheitliche Beeinträchtigungen unwahrscheinlich sind. So die Einschätzung der EFSA und des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Meldungen, dass es in Deutschland zu Problemen mit den Substanzen gekommen wäre? Liegen dem BfR nicht vor.

Verbot verdächtiger Substanzen durch das Vorsorgeprinzip der EU

Strenge EU-Gesetze sollen sicherstellen, dass das auch so bleibt. Sie basieren auf dem Vorsorgeprinzip. Heißt: Etwas kann verboten oder im Gebrauch begrenzt werden, wenn allein schon der Verdacht auf mögliche Risiken besteht. Einerseits werden auf diese Weise eventuelle Schäden durch bestimmte Substanzen von vornherein verhindert. Andererseits muss aber auch niemand beweisen, dass diese Stoffe wirklich eine Gefahr für Menschen darstellen.

In der EU-Pestizidverordnung gibt es einen sehr mächtigen Hebel, um das Vorsorgeprinzip umzusetzen. Für besonders heikle Substanzen existieren hier keine tolerierbaren Grenzen. Werden sie etwa als krebserregend, erbgutverändernd, fortpflanzungs- oder umweltschädlich eingestuft, müssen sie vom Markt verschwinden. Deshalb kocht aktuell die Diskussion um Glyphosat hoch – obwohl die Wissenschaft sich bisher keineswegs darauf einigen konnte, wie schädlich dieses Mittel überhaupt ist.


Professor Daniel Dietrich, Umwelttoxikologe an der Universität Konstanz

W&B/Max Kratzer

Experte Gies befürwortet die rigorose Gesetzesvorgabe: "Wir verzichten auf bestimmte Stoffe, ohne genau zu wissen, ob sie in der Bevölkerung Erkrankungen verursachen. Und das ist vernünftig." Doch es gibt auch Kritiker. Etwa Professor Daniel Dietrich, Leiter der Arbeitsgruppe für Ökotoxikologie an der Universität Konstanz: "Nach diesem Ansatz dürften wir weder Auto fahren noch in Flugzeugen fliegen und nicht einmal vom Stuhl aufstehen – allein weil die Chance besteht, es könnte etwas passieren." Auch Wurst und Alkohol müssten dann verboten werden, wenn sie als Pestizide angewandt würden. Denn beides gilt als krebserregend, Alkohol bereits sogar in viel geringeren Mengen als Glyphosat.

Allerdings haben Pestizide – im Gegensatz zu Rostbratwurst oder Schnaps – nun einmal den Zweck, bestimmte Organismen umzubringen. Deshalb ist auch besondere Vorsicht geboten, strikte Regelungen für ihre Anwendung sind unumgänglich. Zu Glyphosat wird 2017 eine definitive Entscheidung fallen.

Wie gefährlich sind Pestizide mit hormonähnlicher Wirkung?

Beim Streit um eine andere bedenkliche Eigenschaft von Pestiziden ist ein Kompromiss dagegen noch lange nicht in Sicht. So stehen einige Pflanzenschutzmittel – darunter auch Glyphosat – in dem Verdacht, die Effekte von Hormonen zu imitieren und auf diese Weise gesundheitlichen Schaden anzurichten. Solche Substanzen nennt man im Fachjargon endokrine Disruptoren. Dazu zählt beispielsweise das in Deutschland seit Langem verbotene Herbizid Atrazin, das den Östrogenstoffwechsel beeinflusst. Männliche Frösche werden dadurch zu Zwittern. Anstatt Spermien zu produzieren, legen sie Eier.

Doch ob heute eingesetzte hormonaktive Substanzen auch uns Menschen gefährden, ist selbst unter Experten immer noch umstritten. Die Einschätzungen dazu könnten unterschiedlicher kaum sein. Die Anhänger des einen Lagers berufen sich auf Daten, wonach selbst bei extremen Verdünnungen die Effekte endogener Disruptoren nicht verschwinden.

Ein weiteres Argument: Schäden ergeben sich erst viel später. "Ich sehe die Probleme vor allem für Ungeborene, bei denen die Gesamtentwicklung hormonell reguliert wird", sagt Professor Ibrahim Chahoud vom Institut für Klinische Pharmakologie und Toxikologie an der Charité Berlin. Allerdings sei der Beweis kaum zu erbringen, dass etwa ein Mann deshalb auffällig wenig Spermien produziert, weil seine Mutter als Schwangere mit Umwelthormonen belastet wurde.

Pestizide: Nach wie vor Uneinigkeit unter den Experten

Ökotoxikologe Dietrich hingegen hält solche Schlüsse für Humbug: "Es deutet nichts darauf hin, dass Pestizide chronische Krankheiten verursachen." Wieso hat dann die Weltgesundheitsorganisation endokrine Disruptoren zur globalen Gesundheitsgefahr erklärt? Laut ihrem Report begünstigen die Stoffe unter anderem das Entstehen von hormongetriebenen Tumoren, Fettleibigkeit und Typ-2-Diabetes. Dietrich: "Der Bericht wurde nach Belieben zusammengestückelt und nicht nach wissenschaftlichen Maßstäben verfasst." Eine drastische Einschätzung – die andere Experten jedoch teilen.

Zurück bleibt ein verunsicherter Verbraucher. Was Sie aktuell tun können, um sich so gut wie möglich vor eventuellen Gefahren durch Pestizide zu schützen? Bioprodukte essen und einen kühlen Kopf bewahren. Denn der Beweis, dass etwa Glyphosat uns krank macht – er steht noch aus.



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