Lichtverschmutzung stresst Mensch und Tier

Taghell erleuchtete Städte sind wir gewohnt. Doch das nächtliche Licht kann sich negativ auswirken

von Ute Essig, aktualisiert am 03.02.2016

Sternenhimmel über Salzburg: Der Mensch macht die Nacht zum Tag

dpa Picture-Alliance

Der Wechsel von Tag und Nacht legt den Rhythmus des Lebens fest. Er gibt den Takt vor, der Aktivität und Stoffwechselprozesse vieler Lebewesen bestimmt. Doch der Mensch macht die Nacht immer mehr zum Tag. Grell beleuchtete Industrieanlagen und Gebäude, Straßenlampen und Leuchtreklamen vertreiben die Dunkelheit aus Städten und Gemeinden. In urbanen Gebieten haben funkelnde Sterne oder die glitzernde Milchstraße am schwarzen Nachthimmel oft schon Seltenheitswert.

Auch ländliche Gebiete betroffen

Über mangelnde Dunkelheit klagen aber nicht nur Astronomen. Wissenschaftler beobachten, dass sich die zunehmende Lichtverschmutzung auf das gesamte Ökosystem auswirkt. Der interdisziplinäre Forschungsverbund "Verlust der Nacht" beschäftigt sich mit den Folgen für Mensch und Natur.


"Aus ökologischer Perspektive sehe ich vor allem die Ausweitung der Beleuchtung in vormals dunkle, ländliche Gebiete kritisch", sagt der Projektleiter Dr. Franz Hölker vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin. Licht signalisiere dem Menschen zwar dort wie in der Stadt Sicherheit, Wohlstand und wirtschaftliche Aktivität. Doch für viele Vögel, Fische und Insekten sei ein dunkler Nachthimmel lebenswichtig, denn sie orientieren sich am Mond und an den Sternen.

Hell leuchtende Projektionsscheinwerfer und Straßenlampen bringen dieses Orientierungssystem durcheinander. Ihr Licht zieht oft Hunderte Insekten an, die um sie herumkreisen – und so zu einer leichten Beute für Spinnen und Fledermäuse werden. "Für diese ist das hohe Angebot an desorientierten Insekten wie ein Buffet", erklärt Franz Hölker.

Auswirkung auf die Artenvielfalt

Ständig strahlende Lichtquellen können evolutionär gewachsene Lebensgemeinschaften also verändern, indem sie das Räuber-Beute-Verhältnis verschieben. Auch Hölkers Untersuchungen an Fischen belegen dies: Ist ein Gewässer hell erleuchtet, können die darin lebenden Fische auch nachts kleine Organismen jagen, die sonst durch die Dunkelheit wenigstens phasenweise geschützt wären. Auch bei Vollmond reduzieren sich die Zooplankton-Bestände, wie eine Studie in einer Talsperre zeigte. "Der Zeitraum zwischen abnehmendem und zunehmendem Mond ermöglicht dann aber, dass der Bestand sich wieder regeneriert." Dadurch bleibt er dauerhaft als Nahrungsquelle erhalten.

Die Lichtverschmutzung irritiert neben dem Orientierungsvermögen auch die innere Uhr mancher Tierarten. Untersuchungen des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell zeigten, dass männliche Amseln im Großraum München deutlich früher flöten als ihre Artgenossen in Waldgebieten außerhalb der Stadt. Sie beginnen nicht erst bei Sonnenaufgang mit ihrem Gesang, sondern eine gute halbe Stunde vorher. Abends sind sie durchschnittlich neun Minuten länger aktiv als ihre Kollegen auf dem Land. Außerdem sind die Singvögel früher im Jahr paarungsbereit.

Die zunehmende Lichtverschmutzung stresst die Natur. Aber auch der Mensch leidet darunter. Eine Studie der Pädagogischen Hochschule Heidelberg belegte, dass Jugendliche umso später ins Bett gehen, je heller es nachts in den Wohngebieten ist. Dies beeinträchtigt neben dem Wohlbefinden auch die Lernfähigkeit. Doch nicht nur das Licht, das in Wohn- und Schlafzimmer fällt, bringt den Biorhythmus durcheinander. "Auch das künstliche Licht der Mobiltelefon-, Computer- und Fernseh-Bildschirme drosselt die Produktion des Schlafhormons Melatonin", sagt Dr. Christopher Kyba vom Deutschen GeoForschungszentrum in Potsdam. Deshalb sollte jegliches helle Licht nachts gemieden werden.

Hell leuchtende Sportstadien

Eine aktuelle Studie unter Kybas Leitung zeigt, dass die Lichtemission pro Einwohner im Osten Deutschlands deutlich über der im Westen liegt. Wahrscheinlich geht der Unterschied auf die Art der Lichtquellen und der Bebauung zurück, vermutet Kyba, der zusammen mit seinem Team Messungen der Lichtabstrahlung von Städten in die Atmosphäre analysiert. Die hellsten Orte in Europas Hauptstädten sind demnach Sportstadien und Stadtzentren, in Entwicklungsländern hingegen Flug- und Seehäfen.

Ganz ohne Beleuchtung wird es in Zukunft natürlich nicht gehen. Doch wollen Wissenschaftler wie Hölker und Kyba das Bewusstsein dafür schärfen, dass die Nacht ein schützenswertes Gut ist. Jeder Einzelne kann zu dessen Erhaltung beitragen und Beleuchtung sinnvoll einsetzen – das heißt: nur dort, wo sie tatsächlich notwendig ist. Hölker rät allen Haus- und Gartenbesitzern zum Beispiel, auf ihren Grundstücken keine nach oben abstrahlenden und keine kugelförmigen Leuchten zu verwenden. "Auch dauerhaft leuchtende Lampen mit Solarpanels sind aus meiner Sicht ein Problem." Nur wenn es gelingt, die Dunkelheit der Nacht zu bewahren, können wir vielleicht auch wieder vor der eigenen Haustür die faszinierenden Lichtspuren verfolgen, die Glühwürmchen in die Nacht zeichnen.


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