Tinnitus:
Therapien in der chronischen Phase

Ständige Ohrgeräusche sind störend – aber man kann auch lernen, sie nicht allzu wichtig werden zu lassen oder sie zu überhören. Bei chronischem Tinnitus haben sich auch Biofeedback und spezielle Hörsysteme bewährt

Beim Biofeedback werden Muskelanspannungen zum Beispiel auf einem Bildschirm sichtbar – und mit etwas Training gezielt beeinflussbar

Bewältigungstraining: Speziell ausgebildete Psychotherapeuten bieten Verfahren an, um mit dem chronischen Tinnitus besser umgehen zu können. Die Betroffenen lernen in Einzel- oder Gruppentherapien, wie sie sich am besten ablenken können, dass sie das Rauschen, Pfeifen oder Summen mit angenehmer Musik oder Hörbüchern übertönen können und welche Phantasiereisen sich eignen, um die Dauergeräusche mit angenehmen Empfindungen zu verknüpfen. An der Uni Trier entwickelten Forscher ein Trainingsprogramm, das die Betroffenen am heimischen Computer benutzen können: Die Übungen zur Entspannung und zur Ablenkung dauern jeweils 25 Minuten, die Tinnitus-Patienten sollen vier Wochen lang täglich mit dem Programm trainieren.  

 

Biofeedback: Einige Betroffene neigen zu Fehlhaltungen oder spannen in stressigen Situationen die Schulter-, Stirn- und Kiefermuskulatur übermäßig an. Mit Hilfe eines Biofeedback-Geräts lassen sich diese Muskelanspannungen auf einem Bildschirm sichtbar und hörbar machen. Die Person lernt so in mehreren Sitzungen, wie der eigene Körper auf psychische Überforderungen reagiert, und lernt sich gezielt wieder zu entspannen. Eine Studie an der Uni Marburg zeigte, dass sich das Biofeedback bei 80 Prozent der Teilnehmer positiv auswirkte. 

Beim Neurofeedback handelt es sich um eine Weiterentwicklung des Biofeedbacks. Die Hirnaktivität wird bei laufendem EEG (Elektroenzephalogramm, Messung der Hirnstromwellen) so verändert, dass der Tinnitus aus der bewussten Aufmerksamkeit verschwindet.


Hörgeräte: Wenn sich der Hörverlust und der Tinnitus mit oben genannten Methoden nicht erfolgreich behandeln lassen und der Hörverlust ein bestimmtes Ausmaß überschritten hat, sollten sich die Betroffenen frühzeitig ein Hörgerät anpassen lassen.


Rauschgeräte: Die Theorie vom „Tinnitus als konditionierter Reflex“ (Pawel Jestreboff) führte zur Entwicklung von speziellen Tönen, die den Ohrgeräuschen ähnlich sind. Die Betroffenen hören das Rauschen über ein Hörgerät, einen Walkman oder als CD beliebig lange an, um so den Tinnitus zu übertönen und auszulöschen. Bei einigen Menschen setzt der Trainingseffekt nach zwei Monaten ein. Klinische Studien zeigten jedoch, dass solche Masker die Löschung nicht garantieren können. Der Betroffene trägt das Gerät mindestens sechs Stunden am Tag und wird durch das Hintergrundgeräusch von seinem Tinnitus abgelenkt. Therapeuten empfehlen solche Geräte häufig auch in Kombination mit einem Bewältigungstraining – bei einer solchen Tinnitus-Retrainings-Therapie (TRT) lernt die Person schrittweise, die Ohrgeräusche nicht mehr als so störend wahrzunehmen.    

 

Klassische Musik: Forscher an der Uni Münster versuchen, die für den Tinnitus verantwortlichen Nervenzellen in der Hörrinde des Gehirns daran zu hindern, „Amok“ zu laufen. Der Trick: Die Wissenschaftler wählen Musikstücke mit einem großen Frequenzspektrum aus, wie sie vor allem die klassische Musik zu bieten hat, und bearbeiten die Klänge nach gewissen Kriterien. Die Personen hören sich die Töne zwei Stunden pro Tag über einen CD-Player an.


Musiktherapie: Wenn sich der chronische Tinnitus als ein ständiges Pfeifen bemerkbar macht, bietet sich unter anderem auch eine spezielle Musiktherapie an. Dabei singt der Betroffene seinen eigenen Ton zunächst so genau wie möglich nach. Wenn der Sinusgenerator die Frequenz ermittelt hat, wird die Zahl der Schwingungen halbiert und dieser „ähnliche“ Ton aufgezeichnet. Der Tinnitus-Patient singt diesen neu gefundenen Ton nach – das Lernprogramm mit solchen Resonanzübungen dauert 50 Minuten und erstreckt sich über zwölf Sitzungen. Der Effekt: Die Gesichtsnerven reagieren auf den „ähnlichen“ Ton und regen die Hörnerven und das Hörzentrum im Gehirn an. Die Symptome verbessern sich auf diese Weise bei fast 80 Prozent der Testpersonen, die Erfolge halten mindestens drei Monate an – das ergaben Studien an der Fachhochschule Heidelberg.   

 

Pulsierende Transkranielle Magnetstimulation: Ausgehend von der Annahme, dass überaktive Nervenzellen in der Hörrinde des Gehirns für den chronischen Tinnitus verantwortlich sind, haben Wissenschaftler der Uni Regensburg und Uni Tübingen eine weitere Methode entwickelt. Bei der Transkraniellen Magnetstimulation (TMS) erzeugt eine am Kopf angelegte Spule magnetische Kräfte, die die Schädeldecke durchdringen. Das Gerät wird so platziert, dass die pulsierenden Reize direkt auf den Ort mit der höchsten Aktivität in der Hörrinde übertragen werden. Das Magnetfeld soll die für den Tinnitus verantwortlichen Nervenregionen anregen, mit anderen Neuronen zu kommunizieren – was einen bleibenden Effekt hinterlassen soll. Die Testpersonen nahmen an zehn Sitzungen zu je 35 Minuten teil. Die Ergebnisse dieser Therapieform zeigen aber nur schwache Effekte.

 

Kognitive Verhaltenstherapie: Wenn der Leidensdruck durch die ständigen Ohrgeräusche sehr groß ist, kann eine kognitive Verhaltenstherapie mit fünf bis 15 Sitzungen sinnvoll sein. In Einzel- oder Gruppengesprächen lernen die Betroffenen, mit dem Tinnitus so umzugehen, dass er den Alltag nicht dauerhaft beeinträchtigt. Der positive Effekt ist laut einer strengen Untersuchung des Deutschen Cochrane-Zentrums an der Uniklinik Freiburg eindeutig belegt.


Psychosomatische Klinik
: Menschen mit ständigen und vor allem besonders lauten Ohrgeräuschen fühlen sich zeitweilig so stark psychisch und körperlich belastet, dass ein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik ratsam ist. Die Patienten können dort im Rahmen von Einzel- und Gruppentherapien ihre privaten und beruflichen Probleme einschließlich der Tinnitusproblematik besser als zu Hause bearbeiten.


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