Ohrgeräusche (Tinnitus): Wie Tinnitus entsteht und wie er sich äußert

Darüber, wie Ohrgeräusche zustande kommen, gibt es viele Theorien. Nach den Ursachen forschen Mediziner unterschiedlicher Fachrichtungen, etwa HNO-Ärzte, Neurologen, Psychosomatiker
aktualisiert am 03.04.2017

Blick ins Ohr: Über den Gehörgang erreichen die Schallwellen das Mittel- und das Innenohr. Der Hörnerv gibt die Signale an die Hörbahnen im Gehirn weiter

W&B/Szczesny

Wie wir hören

Hören und Tinnitus: Ein komplexer Vorgang

Wie können Ohrgeräusche entstehen? Dafür gibt es unterschiedliche Erklärungsmodelle. Um Höreindrücke zu verarbeiten, wirken Ohr und Gehirn auf komplizierte Weise zusammen. Die von außen kommenden Schallwellen gelangen über den Gehörgang, das Trommelfell und das Mittelohr zum Innenohr. Dort, im Hörorgan, wandeln die Hörsinneszellen diese physikalischen Reize so um, dass der Hörnerv sie in Form elektrischer Signale aufnehmen und zum Hörzentrum im Gehirn weiterleiten kann. Im Zusammenspiel mit anderen Hirnbereichen verarbeiten die zuständigen Nervennetzwerke die Höreindrücke, entschlüsseln sie und ordnen sie ein, so dass sie schließlich "verstanden" werden.

Das Gehirn steuert die vielfältigen ankommenden Informationen und ist auch in der Lage, überflüssige, störende Reize quasi herauszufiltern.

Schon kleinste Störungen im Hörsystem, zum Beispiel an den Hörsinneszellen, können die vielschichtige Hörverarbeitung durcheinander bringen. Dann werden Höreindrücke mitunter fehlerhaft weitergegeben, verselbstständigen sich und setzen sich unabhängig von äußeren Reizen im Gehirn fest. An der Hörverarbeitung beteiligte Nervenzellen reagieren in bestimmten Gehirnbereichen überaktiv, um quasi die durch eine Schädigung entstandene Hörminderung auszugleichen. Die Überaktivität bleibt bei manchen Menschen bestehen, auch wenn ein möglicher Hörschaden behoben ist. Sinnes- und Nervenzellen können jedoch auch spontan aktiv werden und fehlerhafte Geräuschinformationen weitergeben, obwohl das Hörorgan intakt ist. Hier kommen andere Einflüsse zum Tragen.

Die Psyche wirkt ebenfalls beim Hören und Verstehen mit. Denn das, was wir hören, löst Gefühle aus. Umgekehrt beeinflusst unsere jeweilige Stimmung, in welcher Weise wir Töne und Geräusche wahrnehmen und welche Aufmerksamkeit wir ihnen schenken.

Meist liegt dem Tinnitus eine Störung im Ohr und/oder im weiteren Hörsystem zugrunde. Im chronischen Stadium und bei ganz seltenen Erkrankungen des Gehirns liegt die Ursache der Phantomgeräusche nicht im Innenohr, sondern im zentralen Hörsystem selbst.

Ohrgeräusche zeigen sich unterschiedlich

Der Begriff Tinnitus leitet sich vom lateinischen Wort tinnire (= klingeln, klimpern, schellen) ab. Damit bezeichnet man aber nicht nur Geräusche mit hohen Frequenzen wie Pfeifen, Zischen, Zirpen. Vier von zehn Betroffenen hören ein Pfeifen, jeder vierte ein Rauschen und jeder zehnte ein Summen. Seltener sind Zirpen und Klingeln oder Geräusche wie Sausen, Brummen, Zischen, Pulsieren und Hämmern – dabei können die Töne in einem oder in beiden Ohren zu hören sein.

In der akuten Phase, also in den ersten drei Monaten, treten die Ohrgeräusche mitunter zu den unterschiedlichsten Tageszeiten auf und verschwinden danach wieder. Vor allem zu Beginn beobachten sich viele Betroffene sehr aufmerksam und reagieren manchmal besonders sensibel auf ihre Umwelt: Einige empfinden Stille als unangenehm, weil sie dann ihren Tinnitus stärker wahrnehmen. Das erschwert zudem oft das Einschlafen. Aber auch Töne, die den eigenen Ohrgeräuschen sehr ähnlich sind, können störend wirken.

Lautstärke: Manchmal sind die Töne kaum hörbar. Sie können aber bei Stress, körperlicher Anstrengung oder nach Alkoholgenuss anschwellen, bei einigen Menschen werden sie vor allem nachts laut. Zwei Drittel der Betroffenen erleben Dauergeräusche.

Empfindlich gegenüber Geräuschen: Viele Tinnitus-Betroffene berichten, dass sie besonders empfindlich auf Außengeräusche reagieren. Diese sogenannte Hyperakusis kommt bei bis zu 50 Prozent der Betroffenen vor. Sie zucken zusammen, wenn es irgendwo plötzlich quietscht oder scheppert, klingelt oder brummt, und halten sich spontan die Ohren zu.

So verführerisch äußere Stille aber auch sein mag: Die eigenen Ohrgeräusche hören sich dann nach einiger Zeit meist noch lauter an. Dagegen können leise Umgebungsgeräusche wie Musik, Gemurmel oder vorbei fließender Autoverkehr die inneren Töne zurückdrängen.

Tinnitus ist subjektiv

In der Regel nimmt nur der Tinnitus-Betroffene selbst die Geräusche wahr. Daher ist es oft schwierig, die lästigen Töne anderen Menschen gegenüber zu beschreiben. Hilfreich können Vergleiche sein: "Das hört sich an wie die Betriebsgeräusche eines Computers, dessen Lautsprecher auf leise gestellt ist" oder "Es sirrt im Ohr wie eine lästige Mücke" oder "Bei mir rauscht es im Kopf, wie wenn die Waschmaschine ständig laufen würde". Damit Sie Ihre inneren Geräusche beim HNO-Arzt besser beschreiben können, spielt Ihnen eine Arzthelferin Testtöne mit verschiedenen Frequenzen, also unterschiedlicher Höhe und Tiefe, zum Vergleich vor.

Der objektive Tinnitus ist selten

Im Gegensatz zum "subjektiven" Tinnitus kommt die "objektive" Form nur in einem von hundert Fällen vor: Dann kann der Untersucher die Geräusche auch von außen hören, wenn beispielsweise das Blut durch verengte Blutgefäße, die in der Nähe des Ohrs liegen, strömen muss. Wenn solche "Körpergeräusche" in verengten Arterien entstehen, hört sich das wie ein pulsierendes Zischen oder Rauschen an. Bei Venenengpässen kommt es zu einem an- und abschwellenden Rauschen.

Schweregrade des Tinnitus

Wie sehr sich jemand von den Ohrgeräuschen gestört fühlt, hängt vor allem von der Art und Lautstärke des Geräuschs ab, aber auch von der persönlichen Tagesform und der eigenen Einstellung. So berichten viele Betroffene, dass hohe Frequenzen unangenehmer sind als tiefe. Aber auch wer ein ständiges Pfeifen oder Klingeln hört, muss sich nicht unbedingt im Alltag beeinträchtig fühlen. Mediziner teilen den Leidensdruck in vier Schweregrade ein.

Grad 1: Viele Erwachsene mit Tinnitus fühlen sich durch diesen nicht beeinträchtigt.

Grad 2: Die Ohrgeräusche wirken störend – vor allem in stressigen Situationen und bei zusätzlichen psychischen Belastungen.

Grad 3: Der Tinnitus wird als so störend empfunden, dass er den privaten und beruflichen Alltag dauerhaft beeinträchtigt. Die Betroffenen machen sich ständig Sorgen über ihre Ohrgeräusche und berichten über weitere Probleme, die ihrer Meinung nach durch die lästigen Töne entstanden sind.

Grad 4: Es gibt Menschen, die unter dem Tinnitus so stark leiden, dass es durch die Dauerbelastung zu nachhaltigen psychischen und körperlichen Beschwerden kommt. Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Schlafprobleme, verminderte Leistungsfähigkeit, Angst und Schmerzen können die Folge sein. Einige Menschen neigen zu Depressionen oder entwickeln sogar Suizidgedanken.

Unterschiedlichen internationalen Erhebungen zufolge haben zwischen etwa vier bis 20 Prozent der Erwachsenen einen chronischen Tinnitus. Die Zahlen schwanken erheblich, je nach Tinnitusform sowie Alter und Geschlecht der Befragten. Ältere Menschen zum Beispiel berichten häufiger über Tinnitus. In Deutschland gehen Experten von etwa drei Millionen Betroffenen aus. Von diesen wiederum leidet ungefähr ein Drittel unter einen Tinnitus vom Schweregrad 3 und 4.


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