Operationen: Klasse durch Masse?

Bestimmte Operationen dürfen nur Kliniken durchführen, die viel Erfahrung damit haben. Aber verbessert das die Ergebnisse?

von Michael Aust, aktualisiert am 20.07.2015

Erfahrener Operateur: Für manche Eingriffe ist der Vorteil einer Quote belegt

Jupiter Images/FRENCH PHOTOGRAPHERS ONLY

Wer viel Routine hat, erzielt bessere Ergebnisse – und lässt sich im Notfall nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Deshalb dürfen Kliniken manche Eingriffe nur abrechnen, wenn sie eine bestimmte Zahl davon vornehmen. Von dieser Vorgabe halten viele Krankenhauschefs jedoch gar nichts.


Umstrittene Quote

Seit 2004 schreibt der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) der Ärzte, Kliniken und Krankenkassen Mindestmengen für bestimmte Operationen vor – inzwischen sind es insgesamt acht. Betroffen sind planbare Eingriffe in verschiedenen Bereichen der Organtransplantation über die Knie­gelenk-Endo­prothetik bis zur Versorgung von Frühgeborenen. Unterschreitet eine Klinik den vorgegebenen Grenz­wert, darf sie die Leistung im nächsten Jahr nicht mehr zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung erbringen.

Von Anfang an gab es Streit um die Quotenregelung. Einige Kliniken gingen juristisch dagegen vor. Im vergangenen Herbst hat das Bundessozial­gericht in einem besonders umstrittenen Fall entschieden: Die geforderte Mindestmenge – 50 Implantationen von Knie-Totalendoprothesen (Knie-TEP) – ist rechtmäßig. Der G-BA setzte daraufhin Anfang des Jahres die kurzfristig gestoppte Vorgabe wieder in Kraft. Praktikable Regularien für die Festlegung von Mindestmengen will das Gremium in den nächsten Monaten finden.

Mindestmengen auf den Operateur beziehen?

Das dürfte keine einfache Aufgabe sein. Zum einen wegen der komplizierten Studienlage: Bei manchen Eingriffen werden Komplikationen tatsächlich mit steigender Erfahrung seltener, aber dies ist nicht bei allen der Fall. Zum anderen liegen die Positionen von Ärzten, Kassen und Kliniken weit auseinander. So verlangte die Arbeitsgemeinschaft Endoprothetik (AE), eine Sektion der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie, kürzlich sogar eine Verschärfung der Knieprothesen-Regelung. "Wir fordern personenbezogene statt klinikübergreifende Mindestmengen", sagt Professor Karl-Dieter Heller, Chefarzt der Orthopädischen Klinik Braunschweig und Generalsekretär der AE. "Eine klinikübergreifende Menge besagt nur, dass in einem Krankenhaus 50 Knie-TEP durchgeführt werden müssen. Aber sie können auch von zehn Chirurgen vorgenommen werden, sodass jeder nur fünf solcher Eingriffe im Jahr macht", so Heller.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hält dagegen, dass Operationen Teamarbeit seien. "Damit keine Wundinfektion auftritt, muss nicht nur der Chirurg sich die Hände steril waschen, sondern auch die OP-Schwester für sterile Instrumente sorgen", sagt ­Dr. Bernd Metzinger, Geschäftsführer des Dezernats Personalwesen und Kran­kenhaus­organisation der DKG. "Es macht keinen Sinn, Mindestmengen auf den einzelnen Operateur zu beziehen."

Zweitmeinung einholen

Verschärft wird die Debatte noch durch einen Verdacht. Untersuchun­gen der Universität Witten/Herdecke lassen vermuten, dass manche Klini­ken trick­­sen, um Quotenvorgaben zu erreichen. "Wir können uns manche Zahlen nicht ­anders erklären", sagt Professor Max Geraedts, Studienautor und Leiter des ­Instituts für Gesundheitssystemforschung der Hochschule. Seine Auswertung von Qualitätsberichten zeigt, dass viele Kliniken bei bestimmten Eingriffen nur knapp die Mindestmengen überschreiten. Vielleicht nur, weil unnötig operiert wurde? "Die Abrechnungsdaten legen zudem nahe, dass etliche Kliniken die Quote nicht schaffen, dies aber in ihren Qualitätsberichten nicht zugeben", sagt Geraedts.

"Wir operieren keine Menschen, die nicht operiert werden müssen", wehrt sich DKG-Experte Metzinger gegen den Verdacht der Trickserei. Allenfalls werde am Jahresende ein Patient vorgezogen, der eigentlich erst für Januar geplant war, um auf die gewünschte Zahl zu kommen. "Das würde ich aber nicht als Trick bezeichnen", sagt Metzinger. Patienten, die vor einem komplizierten Eingriff stehen, rät Geraedts, eine Zweitmeinung einzuholen oder auf Qualitätssiegel wie etwa "EndoCert" zu achten. Denn, so Geraedts: "Dass Mindestmengen Fehlanreize setzen, ist offensichtlich."



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