Ein kräftiger, glockenklarer Hall schwebt im Raum, schwillt rhythmisch an und ab. Die Schwingungen der Klangschale fließen wie Wellen durch den Körper. Dann wird der Ton allmählich leiser, verklingt schließlich ganz. Stille. Innerlich und äußerlich. „Klänge lassen uns zur Ruhe kommen“, erklärt Peter Hess, Erster Vorsitzender des Europäischen Fachverbands Klang-Massage-Therapie. „Der Mensch kommt mit sich ins Reine, kann loslassen und Stress abbauen.“
Der Ingenieur und Pädagoge entdeckte die Kraft der Klänge in den 80er-Jahren während eines Nepal-Aufenthalts. „In Indien und Nepal werden Klänge seit 5000 Jahren verwendet, um Menschen von Krankheiten zu heilen“, erzählt Hess. „In unserer westlichen Kultur ist dieses uralte Wissen verloren gegangen.“ Auf Basis langjähriger Erfahrungswerte und intensiver Forschungsarbeit entwickelte Hess eine auf westliche Verhältnisse zugeschnittene Methode, bei der Klangschalen aus Bronze zum Einsatz kommen.
Die Schalen, die aus Tibet, Nepal, Indien und China stammen, werden auch bei uns zunehmend populärer, nicht zuletzt, weil viele Menschen nach Möglichkeiten suchen, der Belastung durch den alltäglichen Stress etwas entgegenzusetzen. „Klangschalen sind vielfältig verwendbar“, sagt Uta Karen Mempel, Diplom-Musikerin und Klangtherapeutin aus Wendlingen am Neckar. „Klangmassagen und meditative Klangreisen helfen uns, zu entspannen und Kraft zu tanken.“
Klänge hören und spüren
Klänge entfalten ihre wohltuende Wirkung auf zweierlei Weise: Zum einen nimmt das Gehör sie als akustisches Signal auf, zum anderen spürt der Körper die Schwingungen. „Wenn wir eine wassergefüllte Klangschale anschlagen, gerät das Wasser in Schwingung “, erklärt Mempel. „Das Gleiche passiert mit unserem Körper, der ja zum Großteil aus Wasser besteht.“ Die rhythmischen Schwingungen erzeugen feine Vibrationen, die häufig als „innere Massage“ beschrieben werden. „Damit erreichen wir Körperschichten, an die wir mit manueller Massage nicht herankommen.“
Wie der chinesische Gong und das australische Didgeridoo gehören die Klangschalen zu den Naturton-Instrumenten. „Sie haben sehr viele Obertöne, die wir bei anderen Instrumenten nicht bewusst wahrnehmen“, erläutert Uta Karen Mempel. „Bei Naturton-Instrumenten sind sie hörbar, wodurch der Klang in seiner Ursprünglichkeit erfahrbar und oft sehr tief empfunden wird.“ Sie ist überzeugt: „Lang anhaltende, obertonreiche und gut aufeinandergestimmte Klänge haben eine positive Wirkung auf die Seele, weil sie Hirnregionen ansprechen, die Worte nicht erreichen.“
Zwischen Wellness und Therapie
Mempel, die Dozentin beim Deutschen Saunabund ist, verwendet Klangschalen vor allem als Wohlfühlinstrumente. „In der Sauna reagiert der Körper sehr intensiv auf die Schwingungen“, sagt sie. „Die Klänge verstärken das Schwitzen und unterstützen den Reinigungsprozess.“ Hinzu kommt das sinnliche Erleben. „Die Leute schalten ab und bekommen den Kopf wieder frei.“ Auch in dieser Funktion, als entspannende Wohlfühlbehandlung, erfreuen sich Klangmassagen zunehmender Beliebtheit.
„Man muss jedoch streng zwischen Wellness-Anwendung und therapeutischer Behandlung unterscheiden“, fordert Klangmassage-Pionier Hess. „Auch medizinische Probleme lösen sich oft durch Entspannung, aber therapeutische Klangmassagen sollten Heilberuflern mit Zusatzausbildung vorbehalten bleiben.“
Der Körper ist Resonanzraum
Am seinem gleichnamigen Institut bildet Peter Hess seit vielen Jahren Klangtherapeuten aus. „Anfangs hatten wir oft Teilnehmer aus dem esoterischen Bereich“, erinnert er sich. „Heute kommen 70 Prozent aus Heilberufen, etwa Ärzte, Psychologen, Physio- und Ergotherapeuten.“
Bei einer Klangmassage werden Schalen auf den bekleideten Körper gestellt und behutsam angeschlagen. „Wir verwenden Schalen mit unterschiedlichen Frequenzen und beobachten, welche Schwingungen der Patient als angenehm empfindet“, erklärt Hess. „Welche Frequenzen ein Mensch gerade braucht, hängt von seinen Beschwerden ab.“ Intuition und Erfahrung lassen Hess erkennen, ob Mensch und Schale harmonieren. „Die Schale kann dann gut schwingen, weil der Körper als Resonanzraum dient“, sagt er. „Passen sie nicht zusammen, klingt der Ton dumpfer.“
Inzwischen setzen ausgebildete Therapeuten die Klangmassage auch bei schweren Krankheiten ein. „Nach einem Schlaganfall fördern Klänge die Beweglichkeit, Demenzkranke sind entspannter und reagieren weniger aggressiv“, sagt Hess. „Nach Operationen und auf Intensivstationen unterstützen die Töne die Heilung und lindern Schmerzen. Gute Erfolge lassen sich auch bei Rückenbeschwerden und Tinnitus erzielen.“
Die wissenschaftliche Datenlage zur Wirksamkeit der Klangschalentherapie ist noch recht dünn. Um die Wirksamkeit der Klänge zu belegen, arbeiten Klangtherapeuten jedoch zunehmend mit Wissenschaftlern zusammen. „Erste Studien mit Demenzkranken und Tinnitus-Patienten verliefen vielversprechend“, berichtet Hess. „Was genau bei einer Klangmassage passiert, ist noch wenig erforscht. Aber die bisherigen Ergebnisse bestätigen die Erfahrungen aus vielen Jahrtausenden.“
Barbara Kandler-Schmitt / Apotheken-Umschau;
27.05.2011
Bildnachweis: Mauritius Images GmbH/Simone Fichtl, Jump Fotoagentur/Kristiane Vey
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