Zusammenfassung:
Die Ganzkörperkältetherapie ist ein neues, hochwirksames Therapieverfahren für verschiedene rheumatische Erkrankungen, das ursprünglich in Japan entwickelt wurde. Sie wirkt kurz-, aber auch langfristig schmerzlindernd und entzündungshemmend.
In den 70er Jahren setzte sich der japanische Arzt Yamauchi mit Patienten auseinander, die an entzündlich rheumatischen Erkrankungen, insbesondere der rheumatoiden Arthritis, litten und trotz einer konsequenten medikamentösen Therapie keine Hilfe erfahren konnten. Durch eine besonders konsequente Kältetherapie, zunächst durch Eiswasser, später durch Stickstoff-Kaltluft, in Verbindung mit einer mehrmals täglichen intensiven Bewegungstherapie, gelang es ihm, die vorher mehr oder weniger immobilen Patienten trotz Auslassen ihrer Medikamente unter dem Einfluss von Kälte und Bewegung in ihrem Entzündungszustand wesentlich zu bessern, und besonders ihre Beweglichkeit zu erhöhen. Seit den 80er Jahren wird das Konzept nun auch in Europa angewandt. Durch flüssigen Stickstoff kann die Luft in dem ein paar Quadratmeter großen Raum auf minus 60 bis zu minus 110 Grad gekühlt werden. Neben der Temperatur ist die Luftzirkulation regelbar, so dass der Wärmeentzug der Haut individuell gestaltet werden kann. Auf diese Weise kann die subjektiv wirksame Temperatur (wind chill) auch auf über minus 100° abgesenkt werden. Die Kammer ist beleuchtet und durch eine große, beheizte Scheibe, die ein Beschlagen verhindert, mit dem Vorraum verbunden. In diesem hält sich das Kontrollpersonal auf. Die Luft in der Kältekammer ist extrem trocken, Luftfeuchtigkeit ist praktisch nicht mehr vorhanden. Dadurch wird die tiefe Temperatur in der Regel als angenehm empfunden. Wer sehr zum Frieren neigt, kann Handschuhe, Ohrenschützer und einen Mund-Nasenschutz sowie Strümpfe tragen. Die Aufenthaltsdauer beträgt etwa ein bis drei Minuten. In der Kältekammer können Bewegungsübungen absolviert werden, häufig gehen die Patienten aber nur langsam im Kreis. Das Nachlassen des Schmerzes tritt nach sehr kurzer Zeit (nach zirka einer halben Minute) ein und bedeutet für den größten Teil der Patienten eine sofortige und weitgehende Schmerzfreiheit. Es kommt zu einer deutlichen Funktionsverbesserung der Gelenke und viele Patienten verlassen die Kammer vollständig schmerzfrei. Kurze Zeit nach der Behandlung tritt häufig eine Wärmegefühl ein. Dieser erste analgetische Effekt der Schmerzminderung hält etwa zwei bis sechs Stunden an. Für viele Patienten kann dieser Effekt aber bereits eine ungestörte Nachtruhe bedeuten, wenn sie erst in den Abendstunden eine Ganzkörpertherapie erhalten. Bei Patienten mit rheumatoider Arthritis sinken die T-Helferzellen über drei Stunden ab, die T-Suppressorzellen steigen an, was sich günstig auf die Entzündungserscheinungen in den Gelenken auswirkt. Außerdem zeigte sich, dass die Behandlung keine Stresswirkung ausübt. Die typischen Stresshormone (zum Beispiel Adrenalin und Cortisol) steigen während und nach der Behandlung nicht an. Die verbesserte Beweglichkeit und Schmerzfreiheit nach dieser Ganzkörpertherapie kann jedoch vor allem für bewegungstherapeutische Maßnahmen insbesonders Dehnübungen genützt werden. Manche Patienten sind auf diese Weise zum ersten Mal wieder in der Lage, ihre verspannte und schmerzhafte Muskulatur zu trainieren. Ein ausgewogenes Bewegungsprogramm in dieser Phase unmittelbar nach der Ganzkörpertherapie ist für einen dauerhaften Erfolg besonders wichtig. |
Langfristige Effekte |
| Langfristig, das heißt nach einer Serie von Anwendungen, kommt es bei der Mehrheit der Betroffenen zu einer erheblichen Verbesserung der Symptomatik: Nach sechswöchiger Behandlung berichten 90 Prozent der Patienten über eine Linderung des Spontan- und Bewegungsschmerzes. Festgestellt werden konnte auch eine Verbesserung der Atmung: Das Lungenvolumen nimmt zu (Steigerung der Vitalkapazität), die Verkrampfung der Bronchien vermindert sich (Erhöhung der Ein-Sekunden-Kapazität), die Sauerstoffsättigung des Blutes wird erhöht und dessen Kohlendioxidgehalt geht zurück. Ebenso gibt es eine Reihe von positiven Wirkungen auf die Haut. So lässt sich insbesondere das Nachlassen der Hautspannung bei der Behandlung der Psoriasis und Neurodermitis sehr gut nutzen. |
Wann die Kältekammer nicht empfohlen ist |
| Keine Ganzkörperkältebehandlung darf bei Personen angewandt werden, die an Bluthochdruck, extremer Platzangst oder einem fortgeschrittenen Stadium des Diabetes mellitus (Diabetes mellitus Typ 1, Diabetes mellitus Typ 2) leiden. Die Behandlung geschieht meist stationär, wird aber auch ambulant angeboten. Eine Behandlungsphase erstreckt sich über zehn bis zwölf Anwendungen. Vor der Behandlung sollte der Körper vollständig trocken sein. |
| Letzte Aktualisierung: 14.03.2007 (Patricia Herzberger) |
| Autor: Norbert Regitnig-Tillian |
| Experten für diese Seite: Univ. Prof. Dr. med. Michael Quittan (Physikalische Medizin) |
Quelle: surfmed; 13.09.2005, aktualisiert am 21.12.2007
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