Hypnose als Heilmittel

Hypnotherapeuten versetzen ihre Patienten in Trance und versuchen so unter anderem Schmerzen und Ängste zu bekämpfen

von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 24.02.2015

Medizinische Hypnose: Der Patient schließt die Augen, bleibt aber aufnahmefähig

Mauritius/BSIP

Susanne Dorsch (Name von der Redaktion geändert) plagten im Beruf immer wieder Stressattacken. Schon harmlose Anrufe konnten ihren Puls in die Höhe jagen. Da empfahl ihr ein Freund eine Hypnose. Nach einem eingehenden Vorstellungsgespräch versetzte sie der behandelnde Arzt mit seinen Worten in einen tiefen Ruhezustand. "Er nahm mich mit auf eine Reise in mein Unterbewusstsein", berichtet Dorsch. "Dabei habe ich die Faktoren entdeckt, die meine Attacken auslösen. Zum Beispiel, dass ich als Kind schon sehr viel Verantwortung übernehmen musste." Seitdem schwärmt sie von der Hypnose als äußerst effektive Methode: "Für mich war es ein perfektes Coaching. Ich bin jetzt viel gelassener, kann besser über mich selbst lachen und höre wieder mehr auf mein Bauchgefühl. Und wenn ich merke, dass ich in alte Muster zurückfalle, führe ich mir wieder die inneren Bilder aus der Hypnose vor Augen."

Hypnose ist nicht gleich Hypnose

Die meisten kennen hypnotisierte Menschen wohl eher aus dem Fernsehen oder anderen Vorführungen. Diplom-Psychologe Werner Gross vom Psychologischen Forum Offenbach hält diese Form der Showhypnose aber für hochproblematisch: "Das ist im Grunde so, wie wenn man öffentlich operiert. Man kauft sich auf dem Flohmarkt ein Chirurgenbesteck und schneidet dann auf der Bühne damit herum." Auch Dr. Reza Schirmohammadi von der Deutschen Gesellschaft für Hypnose befürchtet, dass solche auf Effekte ausgelegten Hypnosen Ängste gegenüber der medizinischen Anwendung von Hypnosen schüren: "Die Leute denken, sie würden auch bei unserer Behandlung willenlos und könnten beispielsweise zu etwas gezwungen werden, was sie nicht wollen. Doch bei der medizinischen Hypnose kann der Patient noch alles hören und verstehen. Er ist weder im Schlaf noch im Koma – nur das, was er will, passiert in der Hypnose!"

Hypnose gegen Ängste und Schmerzen

Medizinische oder psychologische Hypnotherapeuten wenden ihre Methode vielseitig an. "Besonders erfolgreich ist die Hypnose bei Schmerzen", sagt Gross, der nicht selbst Hypnosen ausführt, sich aber eingehend und kritisch damit beschäftigt hat. "Zum Beispiel können leichte Trancen bereits Schmerzmittel bei zahnärztlichen Operationen überflüssig machen." Auch bei chronischen Schmerzen helfe die Methode oft, ergänzt Hypnose-Arzt Schirmohammadi. "Wenn die Schmerzlinderung aber für längere Zeit anhalten soll, können mehrere Sitzungen nötig sein. Oder der Patient erlernt Selbsthypnosetechniken, die er täglich anwendet, um die eingetretene Verbesserung zu stabilisieren."


Die sogenannte Hypnotherapie wird auch bei Angsterkrankungen eingesetzt. Dazu zählen Panikattacken und Phobien, zum Beispiel Prüfungsangst. Ebenso kommt die Methode bei Leiden zur Anwendung, bei denen man eine psychosomatische Komponente vermutet. So waren unter anderem Asthma, Fibromyalgie, Reizdarmsyndrom und Ohrgeräusche Gegenstand von Hypnosestudien – teilweise im Ergebnis mit signifikanten Verbesserungen im Vergleich zur Kontrollgruppe. Auch bei der Rauchentwöhnung liegt der Einsatz der Hypnotherapie nahe. Einige Studien deuten daraufhin, dass Hypnose dabei helfen könnte, das Rauchen aufzugeben. "Aber es kommt hier durchaus zu Rückfällen. Erfolgreicher ist deshalb die Hypnose in Kombination mit verhaltenstherapeutischen Maßnahmen", wägt Gross ab.

Erwartung der Patienten kann zu groß sein

Eine übermäßige oder unrealistische Erwartungshaltung vieler Patienten ist laut Gross oft ein Problem. "Dieser Heilserwartung muss ein seriöser Hypnotherapeut entgegenwirken. Die Hypnose ist kein Wundermittel. Ich darf nicht erwarten, dass sie ohne mein eigenes Zutun automatisch mein Leben verändert", so Gross. Eigene Verhaltensweisen müssen trotzdem überdacht und verändert werden. Bei Essstörungen sei die Hypnotherapie ebenfalls beliebt, auch zum Abnehmen. "Die Hypnose kann dabei helfen, sich disziplinierter zu verhalten und abends auf dem Sofa weniger Unnötiges zu essen", sagt Schirmohammadi. Dennoch ist üblicherweise zusätzlich eine Ernährungsumstellung angebracht.

Diplom-Psychologe Dr. Burkhard Peter von der Milton-Erickson-Gesellschaft für klinische Hypnose sagt: "Manche Patienten erwarten eine rein passive Behandlung, in der ihnen jemand anderes suggeriert, was sie tun sollen. Dann ist die Hypnose in der Regel aber nicht langfristig erfolgreich. Denn solche direkten, nur auf eine Verhaltensänderung abzielenden Suggestionen wirken meist nur kurze Zeit." Deshalb zielen seriöse Hypnotherapeuten in manchen Fällen darauf ab, dass der Patient grundsätzliche Einstellungen oder Bilder von sich ändert: "Eine übergewichtige Person beispielsweise wird nur dann dauerhaft abnehmen, wenn sie in hypnotischer Trance ein neues Bild von sich als normalgewichtige Person entwickelt hat", sagt Peter. "Und ein nikotinabhängiger Raucher muss sich selbst wieder als Nichtraucher sehen und fühlen können."

Selbsthypnose bei Schlafstörungen

Bei manchen Schlafstörungen setzen die Therapeuten ebenfalls Hypnose ein. "Vor einer Hypnose benötige ich aber immer erst ein ausführliches Erstgespräch mit dem Patienten, das bis zu einer Stunde dauern kann", sagt Schirmohammadi. "Dabei erfahre ich auch, welche Situationen demjenigen besonders gefallen. Diese Erfahrungen nutze ich dann bei der Hypnose, indem ich ihn beispielsweise in einer Gedankenreise an einen schönen Strand führe, wo er sich völlig entspannen kann." Danach erfährt der Patient, wie er abends per Selbsthypnose an den Traumort zurückkehren und anschließend befreit einschlafen kann. "Vielen hilft es auch, wenn sie eine Tonaufnahme der Hypnosesitzung erhalten. Dann können sie das Tonband jeden Tag anhören, bis sie ihr Ziel erreicht haben."


Wichtig: Ausführliche Anamnese vor der Hypnose

Das umfangreiche Erstgespräch ist auch nötig, um eventuelle Gründe zu finden, die gegen eine Hypnose sprechen. Dazu gehören zum Beispiel psychotische Zustände oder eine Borderline-Diagnose. Auch Depressionen können dagegen sprechen. Die Anamnese sollte darüber hinaus die Frage beantworten, ob die Anwendung der Hypnose überhaupt sinnvoll ist oder ob andere psychotherapeutische Techniken geeigneter sind.

"Ohne vorheriges Gespräch besteht die Gefahr, dass man mit der Hypnose in Bereiche der Lebensgeschichte vordringt, die hochtraumatisch sind", sagt Gross. Dann kann die Hypnose verdrängte Erinnerungen ans Tageslicht befördern, welche die Patienten stark belasten, zum Beispiel Missbrauchserfahrungen. Nur entsprechend ausgebildete Hypnotherapeuten können die Patienten dann gegebenenfalls psychologisch auffangen.

Langjährige Ausbildung für Hypnotherapeuten wichtig

Drei Faktoren hält Werner Gross bei der Ausbildung von Hypnotherapeuten für wichtig: "Erstens sollte der Therapeut einen Grundberuf aus dem psychologischen oder medizinischen Bereich haben." Zum Beispiel Psychologen oder Ärzte kommen infrage. "Darüber hinaus ist eine qualifizierte psychotherapeutische Grundausbildung ein Muss, entweder tiefenpsychologisch oder verhaltenstherapeutisch ausgerichtet." Als drittes geht es um die Ausbildung als Hypnotherapeut. Verbände wie die Deutsche Gesellschaft für Hypnose oder die Milton-Erickson-Gesellschaft für klinische Hypnose bieten dafür zertifizierte Fortbildungen an.

Hypnose nicht für alle geeignet

Es gibt Menschen, die sich nicht hypnotisieren lassen. "Wer sich zum Beispiel nur schlecht konzentrieren kann, gelangt nicht in die nötige Trance", sagt Schirmohammadi. Die Nervenkrankheit Morbus Parkinson verhindere oftmals die Hypnose. "Und auch bei Gehörlosen ist die Methode erschwert, weil ich sie nicht mit meiner Stimme durch die Sitzung führen kann." Generell sollten die Patienten gegenüber der Behandlung aufgeschlossen sein und dem Therapeuten Vertrauen entgegenbringen. "Wenn ich die Hypnose vorschlage und beim Patienten leuchten dabei die Augen, ist das ein gutes Zeichen", so Schirmohammadi. "Und wenn der Patient mir so vertraut, dass er sich auf meine Aufforderung hin nach hinten fallen und von mir auffangen lässt, dann kann er sich auch sehr gut auf die Hypnose einlassen."

Die Einleitung der Hypnose kann auf mehreren Wegen erfolgen. Oft bittet der Therapeut den Patienten, mit geschlossenen Augen auf seine Stimme zu hören. Oder der Patient soll einen bestimmten Punkt wie eine Stiftspitze fixieren, bis der Blick verschwimmt und die Augen sich schließen. Sogar durch berührungslose Streichungen in Körpernähe sei eine hypnotische Wirkung möglich. "Aber das sehen viele Menschen als Hokuspokus an, deshalb rate ich davon eher ab", meint Schirmohammadi. Ähnlich wichtig wie die Einleitung sei das vollständige Aufwecken des Patienten am Ende der Sitzung, um ihn wieder vollständig in die Realität zu holen.

Patienten müssen Hypnose meist selbst bezahlen

Patienten müssen oftmals einen Großteil der Kosten selbst tragen, wenn Hypnose zur Anwendung kommt. "Je nach Schwere des Falles empfehlen die Gesellschaften die Berechnung von 120 bis 300 Euro pro Sitzung", ergänzt Schirmohammadi. "Es ist aber völlig legitim, Hypnose innerhalb einer regulären und von der Kasse bezahlten Verhaltenstherapie anzuwenden, wenn der Psychotherapeut eine entsprechende Fortbildung absolviert hat", sagt Peter. Wer einen seriösen Hypnotherapeuten suche, solle sich an eine Fachgesellschaft oder die Ärzte- oder Psychologenkammern wenden.



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