Fit für daheim? Patienten werden nach einer Operation teilweise schnell wieder entlassen, auch wenn eine Nachsorge in der Klinik sinnvoll wäre
Die gute Nachricht war nur die Verpackung für die schlechte. Patienten in Deutschland liegen heute zwar deutlich kürzer im Krankenhaus als im Jahr 2004. Zugleich stieg aber die Zahl derer, die noch in der Rehabilitation „verarztet“ werden müssen, so das Ergebnis der Redia-Studie des Centrums für Krankenhaus-Management der Universität Münster. Die Forscher sehen einen Zusammenhang mit der 2004 eingeführten Abrechnung anhand von Pauschalen statt nach Liegetagen. Seither lohnt es sich für Kliniken nicht mehr, Patienten länger als nötig auf Station zu belassen. „Dieser Effekt war gewollt“, erklärt der Gesundheitsökonom Wilfried von Eiff, Leiter der Studie.
Allerdings zeigt die Redia-Studie auch die Schattenseite der Umstellung. Die Forscher erfassten über Jahre Daten von Patienten, die gerade am Herzen operiert worden waren oder eine Endoprothese bekommen hatten. Demnach verschlechterte sich deren Gesundheitszustand bei Reha-Beginn über die Jahre hinweg deutlich. So konnten 2003 nur 5,6 Prozent der Orthopädie-Patienten in der ersten Reha-Woche nicht an der Physiotherapie teilnehmen, 2010 waren es schon knapp 40 Prozent.
Für von Eiff liegt der Fehler vor allem in der Organisation des Systems, speziell was Entlassung und Verlegung betrifft. „Die Studie zeigt, dass die Zahl der Transfertage zwischen Krankenhaus und Reha gestiegen ist. Diese häuslichen Übergangszeiten sind mit Risiken verbunden.“ Zudem drohen nach einer schweren Operation zu Hause oft Pflegeengpässe, sagt Ulrich Nieland von der Unabhängigen Patientenberatung Köln. „Früher wurde über eine Woche lang Nachpflege im Krankenhaus betrieben. Heute müssen Patienten das oft zu Hause allein oder ambulant leisten.“
Ein anderes Fazit als von Eiff ziehen Gesundheitsforscher des Berliner IGES-Instituts. Es könne nicht abgeleitet werden, ob und in welchem Umfang die kürzere Verweildauer im akutstationären Bereich den Aufwand für die Behandlung in der Reha erhöht habe, heißt es in ihrer Begleitstudie zur Einführung des Fallpauschalensystems. Dass Patienten heute im Schnitt kränker sind, liege eher an der alternden Gesellschaft als an der Verkürzung der Krankenhauszeit.
Dass für manche Patienten eine Versorgungslücke besteht, hat sich auch bei Politikern herumgesprochen. Kürzlich brachten die Grünen einen Antrag in den Bundestag ein, der den „Anspruch auf Behandlungspflege oder hauswirtschaftliche Versorgung nach einem Krankenhausaufenthalt“ gesetzlich verankern soll. Der Antrag zielt vor allem auf Menschen ab, bei denen im Bedarfsfall keine Verwandten oder Freunde helfen können.
Michael Aust / Apotheken Umschau;
12.12.2011
Bildnachweis: Thinkstock/Digital Vision
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