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Ansatz |
| Ihre historischen Wurzeln haben die ausleitenden Verfahren im Altertum, ihr bekanntester Vertreter war Hippokrates von Kos. Damals verstand man unter Krankheit ein Ungleichgewicht der Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. Diese Säfte wurden den Elementen Erde, Feuer, Wasser und Luft zugeordnet und gleichzeitig mit Charaktereigenschaften des Menschen verglichen. Ein "galliger Typ" zum Beispiel wäre demnach ein "Choleriker". Ansatzweise findet man dieses Denken in der Traditionellen chinesischen Medizin mit ihrer Fünf-Elemente-Lehre. Auch dort spielt das Gleichgewicht der Körpersäfte eine große Rolle, und die Einteilung von allem Existierenden in die Elemente Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser zeigt Parallelen. Dem Holzelement sind unter anderem die Leber und die Gallenblase zugeordnet, die Emotion, die dieses Element schwächt, ist die Wut. Elementelehren finden sich auch in der Traditionellen Indischen Medizin, dem Ayurveda, und in der Traditionellen Tibetischen Medizin. |
Die Geschichte der ausleitenden Verfahren Schon im Altertum versuchte man, den "vergiftenden Substanzen" mit Hilfe von Diäten zu begegnen und die Ausscheidung über die Haut zu fördern. Im Mittelalter verwendeten unter anderem Hildegard von Bingen (Hildegard-Medizin) und Paracelsus ausleitende Verfahren. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die ausleitenden Verfahren durch den Wiener Gynäkologen Bernhard Aschner systematisiert und werden deshalb heute auch manchmal "Aschner-Verfahren" genannt. Nach dem heutigen westlichen Medizinverständnis ist die Säftelehre überholt. Ausleitende Verfahren sind trotzdem gegenwärtig wieder populär. Sie werden mit dem Wissen um Reflexzonen kombiniert, die mit den inneren Organen in Verbindung stehen. Ähnliche Ansätze kennt man aus der Akupunktur, wo über die Akupunkturpunkte und die Meridiane (die Energieleitbahnen) die inneren Organe und ihre Funktionen behandelt werden. Auch hier arbeitet man teilweise mit dem Aufsetzen von Schröpfköpfen. |
Behandlung |
Aderlass Beim Aderlass werden meist ein- bis zweimal pro Woche zwischen 100 und 150 Milliliter Blut aus der Vene abgenommen. Das Blut kann anschließend durch eine Infusion mit einer physiologischen Kochsalzlösung ersetzt werden. Der Aderlass wurde schon in der Antike angewendet und kam bis zum 19. Jahrhundert in Verruf, weil er zu häufig und zu unspezifisch als "Allheilmittel" eingesetzt worden war. Viele schon stark geschwächte Menschen, darunter höchstwahrscheinlich auch Mozart, starben nicht an ihrer Krankheit, sondern an der zur Ader lassenden Therapie. Heute wird der Aderlass in bestimmten Fällen vorsichtig auch wieder durch die moderne Schulmedizin und die Komplementärmedizin praktiziert. Angezeigt ist dieses ausleitende Verfahren besonders bei Personen, bei denen die Hämatokrit-(Bluteindickungs-)werte hoch sind (Erythrozyten). |
Blutegelbehandlung Die Blutegeltherapie wird als die "sanfte Aderlassmethode" bezeichnet. Dabei werden 2 bis 12 Blutegel auf entzündete Hautstellen gesetzt. Die etwa fünf Zentimeter langen Ringelwürmer beißen sich an der vorher angeritzten Stelle fest und saugen während 10 bis 40 Minuten jeweils 30 bis 50 Milliliter Blut aus dem Körper. Sie geben entzündungs- und gerinnungshemmende Substanzen an das Blut ab. Dadurch sickert auch noch etliche Stunden nach der Behandlung Blut aus der kleinen sternförmigen Wunde. Wenn sie sich vollgesaugt haben, fallen die Egel von selbst ab. Erst sieben Stunden später wird ein Verband angelegt - bis dahin soll die behandelte Person liegen. Blutegel werden bereits seit Jahrtausenden therapeutisch genutzt. Neben dem Aderlass wurde auch die Blutegelbehandlung in den letzten Jahrhunderten oft übertrieben. Der Blutegel wurde dadurch in Mitteleuropa fast ausgerottet. Heute hat das Verfahren in der Naturheilkunde wieder einen gewissen Stellenwert zurückerobert. |
Schröpftherapie Bei diesem ausleitenden Verfahren werden halbkugelförmige Gläser - die Schröpfköpfe - auf die Haut aufgesetzt. Durch das Abpumpen der Luft mit einem Saugballon oder das Erwärmen der Luft im Glas entsteht ein Unterdruck. Erwärmt werden kann die Luft, indem ein Stück Watte im Schröpfglas unmittelbar beim Aufsetzen abgebrannt wird. Die Schröpfköpfe saugen sich an der Haut fest und steigern dadurch stark die Durchblutung. Dabei bildet sich ein blauer Fleck oder eine kleine Blase, die für den Körper einen anregenden Impuls ("Reiz") darstellen sollen. Neben diesem "trockenen Schröpfen" wird auch das "blutige Schröpfen" eingesetzt. Dabei ritzt man die Haut vor dem Aufsetzen der Schröpfköpfe mit einer Lanzette leicht an, damit Blut austreten kann. In diesem Fall kombiniert man das Schröpfen mit einer Variante des Aderlasses, was vor allem bei geschwollenen und stark durchbluteten Hautstellen praktiziert wird. Das Verfahren ist schmerzhaft und dauert fünf bis zehn Minuten. Aufgesetzt werden die Schröpfköpfe meist am Rücken an verhärteten oder versulzten Stellen. Sie zeigen, dass der Stoffwechsel des Bindegewebes gestört ist, was auf Probleme innerer Organe hindeuten kann. Das Bindegewebe steht in Verbindung mit den Organen. Über die Reflexzonen versucht man, Reize zu erzeugen und damit auf die inneren Organe einzuwirken. Das Schröpfen wurde bereits im alten Ägypten angewendet, wo Darstellungen von Schröpfgläsern erhalten blieben. Im Griechenland der Antike war es so populär, dass der Schröpfkopf zum Symbol des Ärztestandes wurde. |
Baunscheidt-Verfahren Im 19. Jahrhundert entwickelte der Feinmechaniker Carl Baunscheidt ein Gerät zur Hautreizung: den "Lebenswecker", auch Stachelroller genannt. Auf die Idee kam der an Rheuma leidende Baunscheidt, nachdem zahlreiche Stechmücken ihn in seinen fast steifen Arm gestochen hatten. Zuerst schwoll der Arm an und entzündete sich, nach dem Abklingen dieser Beschwerden war jedoch auch das rheumatische Leiden Baunscheidts verschwunden. Die kleine stachelige Metallwalze, die er erfand, sollte viele kleine Mückenstiche simulieren. Eine Walze mit rund 30 feinen Stahlnadeln fügt der desinfizierten Haut zahlreiche kleine Stichwunden zu. Meist wird über den Nacken den Rücken entlang gerollt. Danach reibt man hautreizende Öle oder Pasten in die Einstichstellen und legt einen Verband an. Innerhalb von zwei bis fünf Tagen entzündet sich die Haut und bilden sich kleine Eiterpusteln. Das nach Baunscheidt benannte Verfahren soll krankheitserzeugende Stoffe über die Haut und ihre Reizung ausleiten helfen. Auch hier werden die Reflexzonen stimuliert, was auf die inneren Organe wirken soll. Darüber hinaus will man den Lymphfluss und das Hormonsystem durch dieses Verfahren anregen. Das "Baunscheidtieren" ist sehr schmerzhaft. Es wird einmalig oder als Behandlungsserie angewendet. |
Cantharidenpflaster Dieses Pflaster führt ebenfalls zu einer starken Hautreaktion. Es ist mit einer hautreizenden Substanz - einem Cantharidenextrakt - beschichtet, das von der "Spanischen Fliege", einer Laufkäferart, stammt. Es erzeugt eine toxische Reaktion, die an eine Verbrennung 2. Grades erinnert. Das Pflaster wird auf Reflexzonen des Körpers geklebt (zum Beispiel im Bereich des Kreuzbeines) und zählt - wie das Baunscheidt-Verfahren - zu den Reiztherapien. Das Cantharidenpflaster bleibt meist 12 bis 16 Stunden auf der Haut. Danach wird die entstandene Brandblase aufgestochen. Bereits die Ärzte des Römischen Reiches setzten Cantharidenpflaster ein. Paracelsus verwendete es, um die Gicht aus dem Körper auszuleiten. |
Anwendungsgebiete |
Aderlass: Durchblutungsstörungen, Stoffwechselerkrankungen wie zum Beispiel Gicht und venöse Stauungen wie Krampfadern sind Anwendungsmöglichkeiten für den Aderlass. |
Blutegeltherapie: Venöse Erkrankungen wie etwa Krampfadern und Thrombosen sind ebenso ein Fall für die Egel, wie Gicht, Furunkel und infizierte Insektenstiche. |
Schröpfen: Osteoporose- und andere Rückenschmerzen, Verspannungen, Verdauungsbeschwerden und niedriger Blutdruck gehören zu den Einsatzgebieten des Schröpfens. Es wird aber auch zur Durchblutungssteigerung, Narbennachbehandlung und bei rheumatischen Beschwerden angewendet. |
Baunscheidt-Verfahren: Schmerzen des Bewegungsapparates - etwa durch Osteoporose, Rheuma (rheumatoide Arthritis), Verspannungen und Neuralgien - sind Bereiche, in denen das Verfahren angewendet wird. Aber auch Infektanfälligkeit, Krankheiten des Verdauungstraktes und der inneren Organe sowie psychische Störungen zählen dazu. |
Cantharidenpflaster: Wirbelsäulenleiden - etwa Schmerzen nach Bandscheibenoperationen - und Gelenksleiden sind Möglichkeiten, das Pflaster einzusetzen, ebenso wie gynäkologische Beschwerden. |
Wirkweise und Wirksamkeit |
Aderlass: Der Aderlass kann Durchblutungsstörungen verringern, vor allem wenn die Bluteindickungswerte zu hoch sind. Bei akuten Infekten oder Entzündungen soll die Blutabnahme entzündungshemmend wirken. Bei bestimmten Blutkrankheiten - bei denen dem Blut eisenabbauende Enzyme fehlen - ist der Aderlass für die Medizin sogar unentbehrlich. Die Wirkung des Aderlasses ist derzeit erst mangelhaft wissenschaftlich untersucht. |
Blutegelbehandlungen: Sie können den Einsatz gerinnungshemmender Medikamente verringern und entzündungshemmend wirken. Sie sollen das Blut reinigen, entgiften und entstauen sowie Krämpfe lösen. Ihre Wirksamkeit ist nur teilweise erforscht, ist aber wahrscheinlich auf den Wirkstoff Hirudin zurückzuführen, der im Speichel der Blutegel enthalten ist. |
Schröpfen: Die Wirkung des Schröpfens beruht auf den neurophysiologischen und reflektorischen Verbindungen der Schröpfzonen mit den ihnen zugeordneten Organen. |
Baunscheidt-Verfahren, Cantharidenpflaster: Ausleitende Verfahren werden manchmal auch als "unbestimmte Reiztherapie" bezeichnet: Künstliche Schmerzreize ("Gegenreize") können Schmerzen in anderen Regionen "überlagern" und damit vorübergehend "löschen" (wie das auch in der Akupunktur der Fall ist). Hautreize wirken als eine Art "Umstimmungstherapie" und können das Immunsystem und die Selbstregulierungskräfte des Körpers anregen. Über die Reflexpunkte soll eine Wirkung auf die inneren Organe erzielt werden. Der Bindegewebs-Stoffwechsel wird durch die vermehrte Ausscheidung von Substanzen angeregt, die Entzündungen und Schmerzen hervorrufen. Das Baunscheidt-Verfahren wird jedoch häufig von ärztlicher Seite als riskant und nicht ausreichend dokumentiert bezeichnet. Auch das Cantharidenpflaster ist nur mangelhaft wissenschaftlich untersucht. Kritiker merken an, dass die ausleitenden Verfahren, als unspezifische Reiztherapie angewendet, überholt sind. Mit anderen Verfahren - wie beispielsweise Kneipp-Therapie, Wärmetherapie und Kältetherapie, sowie Massagetherapie - können fast immer bessere Ergebnisse erzielt werden. |
Risiken und Gefahren |
Gefährlich können ausleitende Verfahren bei Durchblutungsstörungen im Gehirn, Krampfader-Knoten oder Wundbrand sein. Bei Blutgerinnungsstörungen, Blutarmut, Schwächezuständen und niedrigem Blutdruck dürfen der Aderlass, Blutegelbehandlungen und blutiges Schröpfen nicht angewendet werden. Blutegel können - wenn sie mehrfach verwendet werden - Krankheiten übertragen oder Allergien an den Bissstellen hervorrufen. Sie werden nach der Behandlung durch konzentrierte Essigsäure oder kochendes Wasser getötet und entsorgt. Blutegel sollten über die Apotheken bestellt werden. Bei gezüchteten Tieren ist die Infektionsgefahr gering. Hautreizende Verfahren wie das Baunscheidt-Verfahren und das Cantharidenpflaster sollen bei entzündlichen und allergischen Hautleiden, bei offenen Wunden, Autoimmunerkrankungen und Fieber unterbleiben. Durch die verwendeten Reizsubstanzen können sich Narben oder Pigmentflecken (vor allem bei pigmentreichen Menschen) bilden, auch allergische und Vergiftungsreaktionen sowie Störungen der Wundheilung sind nicht auszuschließen. Manche Menschen reagieren auf die Öle mit Fieber. Das beim Baunscheidtieren häufig verwendete Crotonöl steht in Verdacht, krebserregend zu sein. Das Cantharidenpflaster soll obendrein bei Nieren- und Harnwegsentzündungen, bei Durchblutungsstörungen und entzündeten Gelenken nicht eingesetzt werden. Cantharidin darf auf keinen Fall in den Verdauungstrakt gelangen, da es schwere bis tödliche Nierenschäden verursachen kann. |
Therapeutensuche |
| Seriöse Therapeuten sollten einer Fachgesellschaft (Deutschland) angehören, die für eine Qualitätssicherung bei Ausbildung und Behandlung garantiert. In Österreich gibt der Dachverband der österreichischen Ärzte für Ganzheitsmedizin in Wien Auskunft über speziell ausgebildete Mediziner, in Deutschland die Patienteninformation für Naturheilkunde in Berlin. Unseriös sind Therapeuten, die für alle Fälle Heilung versprechen. Eine Checkliste für die Therapeutenwahl kann helfen, seriöse von unseriösen Therapeuten zu trennen. |
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